Stuttgart - München 21 - nach kurzer Prüfung wies die Stadt das Projekt von sich. Nicht anders hat es Frankfurt gehalten mit dem Angebot, seinen Kopfbahnhof zu einem Tiefbahnhof umzubauen. Nur Stuttgart ging auf einen solchen Vorschlag der Bahn ein. Die beiden anderen süddeutschen Wirtschaftsmetropolen, wichtigere Verkehrsknotenpunkte noch als Stuttgart, brauchten nicht einmal die nachträglichen Warnungen über einen gefährdeten Grundwasserspiegel und lockere Quellhorizonte, über explodierende Kosten und vordringlichere Renovierungen im bundesdeutschen Bahnverkehr, um sich von dem Ansinnen zu distanzieren: Von Anfang an haben sie die Untertunnelung ihrer Stadt abgelehnt.
Worin also, so muss man sich fragen, bestand die Verlockung dieses Projektes für Stuttgart? Warum stellt sich die Stadt einem so problematischen Projekt zur Verfügung - gegen den Willen seiner Bürger und die bessere Vernunft unbetroffener Fachleute? Das Ja zu Stuttgart 21 muss von einem Gefühl motiviert sein, das über alle Fragen der Machbarkeit hinwegträgt - und dieses Gefühl ist bis heute mächtig genug, jeden Einwand zu überhören, sich taub zu stellen gegen bürgerliche Mitsprache und mit Stummheit zu reagieren auf fachkundige Gegenargumente.
Unmöglich kann der Heroismus, mit dem am Projekt festgehalten wird, von den zwanzig Minuten Zeitgewinn bei der Reise nach München inspiriert sein. Etwas anderes muss da auf dem Spiel stehen, etwas, was den Leitern des Stuttgarter Unternehmens mehr am Herzen liegt als die Fahrt in die nächste Großstadt. Es geht nicht um einen Bahnhof, sondern um das Image der Stadt: Stuttgart will Weltstadt werden.
Furcht, Provinz zu sein
Für ihre Bescheidenheit, die große Leistungen nie ausschloss, waren die Württemberger berühmt. Ihre Regierung will diesen Charakter ändern, indem sie auf die Verführungskraft sichtbarer und messbarer Größe setzt. Aber Stuttgart kommt dem Rang von München nicht dadurch näher, dass man einige Minuten früher in dieser Stadt ankommt.
Die Global City, die hinter dem neuen Bahnhof entstehen soll, ist das Phantasma, das die Furcht, Provinz zu sein und zu bleiben, bannt. Vor dieser Furcht ist kein Stuttgarter gefeit, dem oft genug, wenn er reist, die verwunderte Frage gestellt wird, wie er es in dieser Stadt aushalte, die nur aus Fleiß und Kehrwoche, also aus Spießbürgerlichkeit, bestehe. Die Bürostadt hinter dem Bahnhof nun mit ihren Glanzfassaden aus Glas soll dieses negative Bild von Stuttgart überblenden.