Stuttgart 21 Die Stadt kennt ihre Moderne nicht
Hannelore Schlaffer, 03.07.2010 18:28 Uhr
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Der Stuttgarter Fernsehturm, entworfen von Fritz Leonhardt, erbaut in den Jahren 1954/55 – ein Wahrzeichen nicht nur der Stadt, sondern moderner Bauingenieurkunst und bekannt in aller Welt. Für viele Bürger ist Stuttgart ohne den Turm kaum vorstellbar. Auch dieses Projekt war bei seiner Entstehung übrigens umstritten – es entstand allerdings an einer Stelle, wo allein die Natur weichen musste. Foto: Steinert
Der Stuttgarter Fernsehturm, entworfen von Fritz Leonhardt, erbaut in den Jahren 1954/55 – ein Wahrzeichen nicht nur der Stadt, sondern moderner Bauingenieurkunst und bekannt in aller Welt. Für viele Bürger ist Stuttgart ohne den Turm kaum vorstellbar. Auch dieses Projekt war bei seiner Entstehung übrigens umstritten – es entstand allerdings an einer Stelle, wo allein die Natur weichen musste. Foto: Steinert
Stuttgart - München 21 - nach kurzer Prüfung wies die Stadt das Projekt von sich. Nicht anders hat es Frankfurt gehalten mit dem Angebot, seinen Kopfbahnhof zu einem Tiefbahnhof umzubauen. Nur Stuttgart ging auf einen solchen Vorschlag der Bahn ein. Die beiden anderen süddeutschen Wirtschaftsmetropolen, wichtigere Verkehrsknotenpunkte noch als Stuttgart, brauchten nicht einmal die nachträglichen Warnungen über einen gefährdeten Grundwasserspiegel und lockere Quellhorizonte, über explodierende Kosten und vordringlichere Renovierungen im bundesdeutschen Bahnverkehr, um sich von dem Ansinnen zu distanzieren: Von Anfang an haben sie die Untertunnelung ihrer Stadt abgelehnt.

Worin also, so muss man sich fragen, bestand die Verlockung dieses Projektes für Stuttgart? Warum stellt sich die Stadt einem so problematischen Projekt zur Verfügung - gegen den Willen seiner Bürger und die bessere Vernunft unbetroffener Fachleute? Das Ja zu Stuttgart 21 muss von einem Gefühl motiviert sein, das über alle Fragen der Machbarkeit hinwegträgt - und dieses Gefühl ist bis heute mächtig genug, jeden Einwand zu überhören, sich taub zu stellen gegen bürgerliche Mitsprache und mit Stummheit zu reagieren auf fachkundige Gegenargumente.

Unmöglich kann der Heroismus, mit dem am Projekt festgehalten wird, von den zwanzig Minuten Zeitgewinn bei der Reise nach München inspiriert sein. Etwas anderes muss da auf dem Spiel stehen, etwas, was den Leitern des Stuttgarter Unternehmens mehr am Herzen liegt als die Fahrt in die nächste Großstadt. Es geht nicht um einen Bahnhof, sondern um das Image der Stadt: Stuttgart will Weltstadt werden.

Furcht, Provinz zu sein


Für ihre Bescheidenheit, die große Leistungen nie ausschloss, waren die Württemberger berühmt. Ihre Regierung will diesen Charakter ändern, indem sie auf die Verführungskraft sichtbarer und messbarer Größe setzt. Aber Stuttgart kommt dem Rang von München nicht dadurch näher, dass man einige Minuten früher in dieser Stadt ankommt.

Die Global City, die hinter dem neuen Bahnhof entstehen soll, ist das Phantasma, das die Furcht, Provinz zu sein und zu bleiben, bannt. Vor dieser Furcht ist kein Stuttgarter gefeit, dem oft genug, wenn er reist, die verwunderte Frage gestellt wird, wie er es in dieser Stadt aushalte, die nur aus Fleiß und Kehrwoche, also aus Spießbürgerlichkeit, bestehe. Die Bürostadt hinter dem Bahnhof nun mit ihren Glanzfassaden aus Glas soll dieses negative Bild von Stuttgart überblenden.

Kommentare (94)
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AUG
05
Luick, 15:53 Uhr

Oh Gott

"Deutschland hat demnächst mit Stuttgart wieder eine geteilte Stadt. " Haben Sie es nicht ne Nummer kleiner?

JUL
27
Stuttgarter (leider älter als 21), 14:26 Uhr

Narzismus von Politikern

Warum heisst das Stuttgart 21? Es sollt Schuster oder Öttinger oder auch Drexler 21 heissen oh ich habe Mappus vergessen Sorry her Ministerpräsident! Das Projekt ist meines Erachtens eine überdimensionale Psycho-Spielwiese für farblose und leider auch fantasielose Politiker mit "Narzistischem Defekt". Was ist denn das was da an Stelle von Bahngleisen hingebaut werden soll? - es ist nicht La Défense auch nicht das Centre Pompidou und auch kein neuer Sterling-Bau, wie das geniale Ensemble aus neuer Staatsgallerie und Musikhochschule - Nein das, was da "hinkommt" ist mehr so farblos und austausch bar wie die genannten Herren selbst. Also - für dieses Fantasielose und absolut Genialitätsfreie Vorhaben ist jeder Euro zu schade. Die Köpfe von K21 geben einer der schönsten Großstädte Deutschland und Europas den Raum den sie Verdient. sie greifen nur minimal ins Stadtbild ein und machen sie nicht von den haien am Immobilienmarkt abhängig. Ja Let's putz - lasst uns die Graue fade Rieg bei den nächsten wahlen wegwischen- Die Stadt und ihre Menschen verdienen was besseres.

JUL
23
Thomas Bebel, 05:42 Uhr

Frau Schlaffer

großes Kompliment zu ihrem Artikel. Gerade Architekten wie Herr Volker S., welche nur kleinkrämerisch nach dem Haar in der Suppe suchen, sollten eigentlich erkennen, daß sie nicht für sich sondern für die Menschen einer Stadt bauen. Gerade aus ihrem Artikel Herr Volker S., und aus vielen ihrer mit Zynismus gespickten Kommentare hier in den Leserbriefforen, spricht diese überhebliche, herablassende kühle Arroganz, welche sich dann eben auch in ihrer Architektur, und der vieler ihrer Kollegen, ausdrückt.

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