Stuttgart 21 Dunkle Wolken über dem Gleisgebirge

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Der Info-Laden Stuttgart 21 auf der Prag will einen Teil der denkmalgeschützten Gleisanlagen und Bauwerke, die nach dem Bau von Stuttgart 21 einem neuen Quartier weichen sollen, erhalten.

Kenner sehen im „südlichen Überwerfungsbauwerk“ einen Höhepunkt der Ingenieursbaukunst im frühen 20. Jahrhundert. Foto: Horst Rudel
Kenner sehen im „südlichen Überwerfungsbauwerk“ einen Höhepunkt der Ingenieursbaukunst im frühen 20. Jahrhundert.Foto: Horst Rudel

Stuttgart - Vielen Stuttgartern dürfte nicht bekannt sein, dass nicht nur der Hauptbahnhof denkmalgeschützt ist, sondern auch das Ensemble von Gleisen, Tunneln, Brücken und Wartungshallen dahinter – also genau dort, wo irgendwann, wenn der neue Tiefbahnhof in Betrieb gegangen ist, ein neues Stadtquartier entstehen soll. Der Konflikt mit dem Denkmalschutz scheint programmiert, denn was als Kulturdenkmal geschützt ist, darf eigentlich nicht beseitigt werden. Doch spätestens seit dem Abriss von Nord- und Südflügel des Hauptbahnhofes weiß man, dass die Denkmalbehörde auch politisch überstimmt werden kann.

Der Info-Laden kämpft zumindest um einen Teilerhalt

Das ist auch Josef Klegraf bewusst, dem ersten Vorsitzenden des Bürgervereins „Info-Laden Stuttgart 21 auf der Prag“ und früherem grünen Bezirksvorsteher im Norden. Er betont, dass schon der Rahmenplan für Stuttgart 21 von 1998 vorsehe, die Gleise und Gleisbauwerke abzutragen. Doch der Info-Laden kämpft darum, zumindest einen Teil zu erhalten. Viele Monate war eine Ausstellung zum Stuttgarter Gleisbogen – diesen Namen hat der Info-Laden dem früher namenlosen Ensemble gegeben – in den Räumlichkeiten des Vereins zu sehen gewesen. Am Dienstag, 23. September, wird die erweiterte Schau jetzt geadelt und im Erdgeschoss des Rathauses gezeigt. Auch ein Buch hat der Info-Laden veröffentlicht.

Denkmalgeschützte Gleisbauwerke hinter dem Hauptbahnhof - Klicken Sie auf die Grafik für eine größere Ansicht

Von besonderer denkmalschützerischer Bedeutung ist das „südliche Überwerfungsbauwerk“ – was für ein schönes Wort – in Höhe des Ufa-Palastes: Das 600 Meter lange Gleisgebirge aus Brücken und Tunneln aus den Jahren 1908 bis 1914 „bündelt 19 Gleisstränge aus drei Richtungen und führt sie neben-, unter- oder übereinander kreuzungsfrei in den Hauptbahnhof“, wie es im Buch heißt. Ko-Autor Dan Teodorovici nennt dieses Bauwerk eine „Meisterleistung der Ingenieursbaukunst“; zudem handele es sich um eine der ersten Eisenbahnbauten aus Stahlbeton. Auch das nördliche Überwerfungsbauwerk samt Gäubahnbrücke und Gäubahnviadukt am Nordbahnhof (dort stehen heute die „Hexenhäusle“ in den Viaduktbögen) seien erhaltenswert.

Die Posthallen stehen nicht unter Schutz

Andreas Scharf, der Sprecher der Stadt Stuttgart, konkretisiert nochmals, welche Anlagen geschützt sind. Dies seien: die aktiven Strecken (entlang der Platanenallee), die Brücke nach Bad Cannstatt, die Gleise vor dem Bahnhof, das Gleisgebirge nach Mannheim, die Gäubahnstrecke bis Vaihingen, der Feuerbacher Bogen zur Gäubahn und der westliche Teil des Abstellbahnhofs – alles stammt aus den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Nicht unter Schutz stünden die Posthallen.

Es gibt gute Beispiele für den Erhalt aus anderen Städten

Dass die städtebaulichen Planungen hinter dem Hauptbahnhof nicht mit dem Denkmalschutz zu vereinbaren sind, regt Josef Klegraf gar nicht weiter auf: „Wir haben es zuletzt ja mehrfach erleben müssen, dass denkmalgeschützte Anlagen in Stuttgart doch nicht stehen bleiben“, sagt er. Klegraf und seinen Mitstreitern geht es aber darum, zumindest einen Teil der Anlagen zu retten und neu zu nutzen – im Buch sind dafür Beispiele aus Paris, New York und Zürich zu finden. Es sei wichtig, jetzt schon um die Anlage zu kämpfen, auch wenn eine Bebauung frühestens in zehn Jahren spruchreif sei. Denn OB Fritz Kuhn plant ja bereits eine Bürgerbeteiligung; da müssten die Ideen mit eingebracht werden.

Bei der Stadt Stuttgart stößt der Info-Laden mit seinen Ideen nicht auf grundsätzliche Ablehnung. Auf Anfrage der StZ heißt es zwar ausweichend: „Die Planungen für die Zukunft des Gleisfeldes laufen an. Ob und wie der Denkmalschutz aufgehoben wird, wird Teil der Diskussion sein, wenn es um die Bebauung der frei werdenden Flächen geht“, so Andreas Scharf.

Baubürgermeister Hahn hat ein Grußwort geschrieben

Doch im Buch hat auch Baubürgermeister Matthias Hahn ein Grußwort beigesteuert, und darin spricht er von einem „großen Potenzial“ des Gleisbogens: „Er könnte zu einem Ort werden, der Stadt und Landschaft, Vergangenheit und Zukunft zusammenführt.“ Die Ausstellung führe vor Augen, dass „der Gleisbogen ein Kleinod ist, aber ein gefährdetes“.

Der Architekt Michael Kunert hat in Ausstellung und Buch bereits einige Ideen visualisiert, wie die Bauwerke künftig genutzt werden könnten. So sei ein Panoramaweg auf dem obersten Schienenstrang denkbar – in Paris hat man eine stillgelegte Zugstrecke auf fast fünf Kilometern Länge in Spazierwege und Grünzüge verwandelt; in die Bögen der Viadukte sind Läden und Cafés eingezogen. Auch ein Radweg nach Bad Cannstatt wäre möglich, die teils offenen Tunnel könnten als Ort für Kunst und Kultur genutzt werden; auch ökologische Flächen könnten geschaffen werden.


Die Ausstellung zum Stuttgarter Gleisbogen im Stuttgarter Rathaus ist vom 23. September bis zum 9. Oktober, werktags von 8 bis 18 Uhr, geöffnet.


Josef Klegraf (Hg.): Der Stuttgarter Gleisbogen. Urbane Landschaft und Kulturdenkmale im Vorfeld des Hauptbahnhofes. Geschichte und Ausblick. Kraemerverlag 2014, 154 Seiten, Preis: 25 Euro. Die offizielle Vorstellung findet gemeinsam mit der Ausstellungseröffnung am 22. September um 18 Uhr im Rathaus statt.