InterviewStuttgart-21-Gegner „Das Projekt steht auf der Kippe“

Bei Stuttgart 21 ist die Hälfte der knapp 59 Tunnelkilometer vorgetrieben. Eisenhart von Loeper, Sprecher vom Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21, glaubt aber weiterhin unverdrossen an das Aus für das Milliardenvorhaben.

Eisenhart von Loeper setzt weiterhin darauf, Stuttgart 21 stoppen zu können. Foto: Achim Zweygarth
Eisenhart von Loeper setzt weiterhin darauf, Stuttgart 21 stoppen zu können. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Die Bahn hat am Mittwoch bekannt gegeben, dass die Hälfte der Tunnelstrecken für Stuttgart 21 vorgetrieben sei. Solche Meldungen lösen bei Eisenhart von Loeper, Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart  21, keine Begeisterung aus – sie entmutigen den überzeugten Projektgegner aber auch nicht.

Herr von Loeper, die Hälfte der Tunnelstrecke für Stuttgart 21 ist ausgebrochen. Bauen Sie dennoch weiter auf den Umstieg?
Ja, der Umstieg ist der sichere Weg, um eine nachhaltige Schädigung der Bahn und der Allgemeinheit zu vermeiden. Dadurch ließe sich Geld in einer Größenordnung zwischen vier und sechs Milliarden Euro einsparen. Zudem werden sicher zu erwartende, schwerwiegende Funktionsmängel am neuen Stuttgarter Bahnknoten vermieden.
Das von S-21-Gegnern vorgelegte Umstiegskonzept macht just für die gebauten Tunnelstrecken keine Vorschläge. Müssen Sie da nachbessern?
Es ist nicht in erster Linie die Aufgabe der Bürgerbewegung, einen Plan B für Stuttgart 21 zu entwerfen. Das sind vielmehr Vorstöße, um ins Gespräch zu kommen. Sie sollen zeigen, dass es nicht fernab der Realität ist umzusteigen. Aber irgendwann wird sich die Frage stellen, was mit den Tunnelbauwerken anzufangen sein wird, wenn eine Umkehr zur Schadensvermeidung stattfindet. Diese Tunnel sind ja nicht etwa fertig, sondern nur Röhren im Rohbau, an denen noch lange zu arbeiten wäre.
Wo sehen Sie die Punkte, an denen S 21 scheitern und eine Umstiegsdiskussion Fahrt aufnehmen könnte?
Die Strafanzeige gegen ehemalige und aktuelle Vorstandsmitglieder der DB und die daraus resultierende Tätigkeit der Staatsanwälte zeitigt Wirkung. Die Angezeigten müssen sich im Juni in schriftlicher Form erklären. Wenn das Damoklesschwert einer möglichen Anklage wegen Untreue über einem schwebt, darf man den Bau nicht vorantreiben. Da können sowohl der Bahn-Aufsichtsrat als auch die politisch Verantwortlichen auch im Eigeninteresse auf den Umstieg einlenken.
Erwarten Sie tatsächlich vor der Bundestagswahl Hiobsbotschaften, die Stuttgart 21 ernstlich ins Wanken bringen können?
Das Projekt steht auf der Kippe. Noch im Juli wird sich den Staatsanwälten die Frage stellen, welche Konsequenzen aus ihren Ermittlungen und dem, was dann vorliegt, erwachsen. Sie dürfen dann nicht aus politischer Rücksichtnahme untätig sein, denn jeder Weiterbau erhöht die Schadensfolge. Wenn die Dinge reif sind, muss man sie entscheiden.
Was macht es mit der Moral der S-21-Gegner, wenn die Bahn Halbzeit beim Tunnelvortrieb vermelden kann?
Es löst Betroffenheit aus, ohne Zweifel. Aber das ist der alte Kurs der Bahn, Fakten zu schaffen. Wir verweisen aber nochmals auf die schwerwiegenden Mängel für die Betriebssicherheit bei Tunneln durch den Anhydrit, durch den Kapazitätsabbau, durch gefährliches Gleis- und Bahnsteiggefälle sowie die Unwägbarkeiten bei den Kosten, um vier zentrale Aspekte zu nennen. Da ist es überfällig und nie zu spät, in die Umsetzung eines Umstiegskonzepts einzusteigen. Da muss man die verlorenen Kosten hinnehmen, darf aber keinesfalls weitere Investitionen draufsatteln. Dem schlechten Geld darf kein Gutes hinterhergeworfen werden.
Sehen Sie im Video wie es mit dem Bau der Kelchstützen des Bahnprojekts vorangeht.