Stuttgart 21 Geschichte schwäbischer Renitenz
Werner Birkenmaier, 28.08.2010 13:32 Uhr
So geht’s auch: Bier trinken gegen S 21. Foto: dpa
So geht’s auch: Bier trinken gegen S 21. Foto: dpa


In Wyhl war der Protest von Erfolg gekrönt


Blickt man auf diese Vorgänge zurück, so erkennt man seit den Tagen des "Armen Konrad" viel Mut, bessere Bedingungen herbeizuführen. Die Mehrheit der Menschen war nicht obrigkeitshörig. Aber es gelang auf tragische Weise nicht, das jeweilige Aufbegehren in konkrete Politik umzusetzen. Man ist geneigt, von einem deutschen Verhängnis zu sprechen.

Das heißt nun nicht, dass jedes Aufbegehren umsonst oder folgenlos gewesen wäre. Dafür gibt es Belege auch in der neueren Geschichte. Gewiss, der Generalstreik, den die Arbeiter im schwäbischen Textilort Mössingen einen Tag nach Hitlers Machtübernahme ausriefen und auch befolgten, blieb eine isolierte Aktion, signalisierte aber auch, dass nicht alle mit der Entwicklung einverstanden waren. Die erste Euthanasie-Aktion, die das NS-Regime 1940 in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb in Gang setzte, musste abgebrochen werden - nicht nur, weil der Landesbischof Wurm oder der Landrat von Münsingen ihre Stimme erhoben, sondern weil die Bevölkerung in den umliegenden Orten unruhig wurde, nachdem sie erkannt hatte, was die über dem Land stehende Rauchsäule zu bedeuten hatte.

Zur Erfolgsgeschichte des Protests gehört Wyhl in Südbaden. Als dort in den siebziger Jahren ein Atomkraftwerk gebaut werden sollte, protestierten zunächst nur einige Winzer. Daraus entwickelte sich dann ein Massenprotest, der zum Abbruch des Projekts zwang. Ministerpräsident Hans Filbinger sagte später, einer seiner größten Fehler sei gewesen, die Widerstandskraft der Bevölkerung unterschätzt zu haben. Nicht von ungefähr hatten sich die Wyhler Demonstranten auf den "Armen Konrad" berufen.
Kommentare (4)
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AUG
29
Monika, 13:10 Uhr

Stuttgart21

Geschichtlicher Hintergrund ist ja interessant. Was mich an Stuttgart21 stört ist die Gegenwart, z.B. dass dafür Geld da ist bzw. durch die Planung auch schon ausgegeben wurde, jedoch für die normale Straßenerneuerungen - /Ausbesserungen keine Geld da sein soll. Die Maßgeblichen sollten mal alle " Hoppelstraßen " abfahren! Sie würden dann auch die Proteste verstehen.

AUG
28
TEW, 18:12 Uhr

Vorsicht Ironie?

Jetzt warte ich auf den Beitrag, in dem S21-Gegner als die Kinder Gandhis und M.L. King glorifiziert werden und die K21-Befürworter mit den Visionen eines Daimlers in einem Atemzug gegannt werden. Vielleicht sind die Blockierer die Väter aller Sitkoms, weil das Wort ja wohl von "sitzende Kommunisten" abzuleiten ist. Ich bin für Satire sehr empfänglich

AUG
28
Ulrich Frank, 15:43 Uhr

Diesen geschichtlichen Beitrag finde ich insofern sinnvoll,

als er durchaus auch die Frage aufwirft, wieso die Bürger die Bannmeile eines Parlaments, welches sie letztendlich auch selbst finanzieren, untertänigst respektieren sollten, wenn sie selbst und ihre Argumente über lange Zeit hinweg nicht respektiert werden.

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