Stuttgart 21 Geschichte schwäbischer Renitenz
Werner Birkenmaier, 28.08.2010 13:32 Uhr
So geht’s auch: Bier trinken gegen S 21. Foto: dpa
So geht’s auch: Bier trinken gegen S 21. Foto: dpa
Stuttgart - Als Schwabe bekommt man zumeist von Menschen norddeutscher Provenienz zu hören, wir, die Schwaben, seien zwar tüchtig, fleißig und sparsam, aber auch bieder und brav bis zur Langeweile: kein aufrührerisches Volk also. Manfred Rommel hat einmal sinngemäß geschrieben, eine schwäbische Revolution sei, wenn einige Mannen am Stammtisch hinter ihrem Trollinger sitzen und sich über die Politik kritisch äußern. Angesichts dieses Stereotyps wundert sich nun alle Welt, dass ausgerechnet in Stuttgart ein Aufstand gegen ein Verkehrsprojekt losgebrochen ist. Das scheint so gar nicht zur schwäbischen Mentalität zu passen.

Oder vielleicht gerade doch? Der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner, ein Befürworter des Projekts, glaubt ein Motiv des Widerstandes erkannt zu haben: "In Schwaben haben viele das Gefühl: Was groß ist, ist unnötig." Wäre das so, dann hätten sich die Stuttgarter einstens gegen den groß dimensionierten Bonatz-Bahnhof wehren müssen, mit dem sie sich aber identifizieren.

Was immer diejenigen antreibt, die gegen Stuttgart 21 protestieren, es ist Glückssache, in den vermeintlichen oder tatsächlichen Stammeseigenschaften nach Ursachen zu fahnden. Sicher ist indes, dass das Bild vom braven, obrigkeitshörigen Schwaben falsch ist. Das belegt der Blick auf die Geschichte des deutschen Südwestens.

Mit dem "Armen Konrad" fing es an


Unruhen unter den schwäbischen Bauern hatte es zwar schon im Mittelalter gegeben, aber an der Wende zur Neuzeit wurde aus dem Protest eine Form politischer Partizipation. Das begann mit dem "Armen Konrad" 1514 in Beutelsbach. Der immer finanzklamme Herzog Ulrich, der die direkten Steuern nicht mehr zu erhöhen wagte, griff zu einem Trick und ließ, bei unveränderter Bezeichnung, die Gewichte herabsetzen. Ein Pfund hieß zwar noch ein Pfund, wog aber nur noch zwei Drittel seines eigentlichen Gewichts. Das traf vor allem die ärmeren Schichten, die nun ihrem Unmut Ausdruck verliehen. Der aufrührerische Peter Gais warf unter allgemeinem Beifall die falschen Gewichte in die Rems. Daraus entstand, noch vor den Bauernkriegen, eine Protestbewegung, eine Schwurgemeinschaft, die sich "Armer Konrad" nannte und als Symbol des frühen Widerstandes im Südwesten gelten kann.

Der zivile Ungehorsam der Bauern zwang die Regierung zum Handeln. Ein nach Tübingen einberufener Landtag sollte den Beschwerden Gehör verschaffen, und am Ende stand der Tübinger Vertrag. Um ein Haar verpassten die Aufständischen die Einführung der Demokratie im alten Württemberg. Als der Herzog siebentausend Remstäler Bauern vor den Toren Schorndorfs aufforderte, den Tübinger Vertrag anzuerkennen, hätten sie ihn festnehmen und absetzen können, denn er war nur mit geringem Gefolge erschienen. Dieser Augenblick hätte die Geburtsstunde der Demokratie in Württemberg sein können, wie sie in der Schweiz ja schon praktiziert wurde. Aber niemand gab den Befehl, den Herzog zu fangen. Keiner von den siebentausend Mann war in der Lage, aus dem Gebäude von Ehrfurcht auszubrechen, in dem sie aufgewachsen waren. Es fehlte, wie dann auch in den Bauernkriegen, eine Führerpersönlichkeit, ein Mann des großen Zuschnitts, der die Unruhekräfte mit staatsmännischem Blick hätte zusammenfassen können. Dieses Dilemma findet sich noch öfters in der deutschen Geschichte.

Ein anderer Markstein des Widerstandes sind die Bauernkriege, die 1524 im Südwesten ausbrachen - und dies aus geringem Anlass: an einem Junitag ließ die Gräfin Helena von Lupfen-Stühlingen den Bauern, die mit der Heuernte beschäftigt waren, befehlen, für sie leere Schneckenhäuser zu sammeln, auf die sie ihr Garn wickeln wollte. Der Aufstand, der aus dieser Zumutung entstand, führte zu einer der größten politisch-sozialen Massenbewegungen in der deutschen Geschichte. Ein Bauernparlament sollte in Heilbronn ein Programm verabschieden, das auch das Wahlprinzip für politische Ämter vorsah.

Kommentare (4)
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AUG
29
Monika, 13:10 Uhr

Stuttgart21

Geschichtlicher Hintergrund ist ja interessant. Was mich an Stuttgart21 stört ist die Gegenwart, z.B. dass dafür Geld da ist bzw. durch die Planung auch schon ausgegeben wurde, jedoch für die normale Straßenerneuerungen - /Ausbesserungen keine Geld da sein soll. Die Maßgeblichen sollten mal alle " Hoppelstraßen " abfahren! Sie würden dann auch die Proteste verstehen.

AUG
28
TEW, 18:12 Uhr

Vorsicht Ironie?

Jetzt warte ich auf den Beitrag, in dem S21-Gegner als die Kinder Gandhis und M.L. King glorifiziert werden und die K21-Befürworter mit den Visionen eines Daimlers in einem Atemzug gegannt werden. Vielleicht sind die Blockierer die Väter aller Sitkoms, weil das Wort ja wohl von "sitzende Kommunisten" abzuleiten ist. Ich bin für Satire sehr empfänglich

AUG
28
Ulrich Frank, 15:43 Uhr

Diesen geschichtlichen Beitrag finde ich insofern sinnvoll,

als er durchaus auch die Frage aufwirft, wieso die Bürger die Bannmeile eines Parlaments, welches sie letztendlich auch selbst finanzieren, untertänigst respektieren sollten, wenn sie selbst und ihre Argumente über lange Zeit hinweg nicht respektiert werden.

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