Stuttgart 21 Grüne: Rettungskonzept nicht realistisch

Von Jörg Nauke 

In der Debatte über den Brandschutz und das Evakuierungskonzept für den Tiefbahnhof haben Grüne und Linke gefordert, das Stresstest-Ergebnis zu Grunde zu legen. Im April will die Bahn ein neues Gutachten präsentieren.

Die Bahn präsentiert den Tiefbahnhof als grüne Oase mit Großbäumen. Die städtischen Planer  bezeichnen diese Animation als unrealistisch. Foto: Achim Zweygarth
Die Bahn präsentiert den Tiefbahnhof als grüne Oase mit Großbäumen. Die städtischen Planer bezeichnen diese Animation als unrealistisch.Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Die städtischen Planer tun sich weiter schwer mit dem Vorhaben der Bahn, den Höhensprung von etwa einem Meter zwischen dem Bonatzbau und dem Deckel des S-21-Tiefbahnhofs mit einer Treppe abzufangen. Diese sei „nicht zielführend“, sagte die Planerin Carolin zur Brügge am Dienstag im Technischen Ausschuss, denn über die gesamte Gebäudelänge gäbe es keinen behindertengerechten Weg auf den Platz. Eine quer zur Hangkante liegende und eben behindertengerechte Rampe sei nötig.

Kritikwürdig erscheint aus Beamtensicht auch, dass bei der sechsten Planänderung des Tiefbahnhofsabschnitts diverse Großbäume eingezeichnet worden seien, die etwa einen ICE um ein Vielfaches überragen. Der für solche Großbäume nötige Erdaufbau sei dagegen auf den Detailplänen nicht zu erkennen, sagte zur Brügge – wohl weil es ihn gar nicht gibt. Baubürgermeister Matthias Hahn (SPD) meinte jedenfalls etwas desillusioniert, dies habe man der Bahn „schon zehn Mal gesagt, man dringt damit aber nicht durch“.

Nur 2,05 Meter zwischen Bahnsteigkante und Treppenhaus

Auch die acht neu hinzu gekommenen Fluchttreppenhäuser mit je 4,80 Meter Breite sind kontrovers diskutiert worden. Sie sind zwar für das Brandschutzkonzept unabdingbar, produzieren auf den Bahnsteigen aber 16 neue Engpässe. Zwischen Treppenhaus und Bahnsteigkante bleibt nur 2,05 Meter Raum, zwischen Treppenhaus und Sicherheitsstreifen 1,05 Meter. „Das ist der Mindestwert, den man auf einem kleinen Bahnhof in Hintertupfingen verantworten kann, aber nicht in Stuttgart“, sagte Thomas Adler (Linke).

Aus den Fluchttreppenhäusern sollen die Fahrgäste direkt auf den Straßburger Platz gelangen. Dafür sollen sich – begleitet von optischen und akustischen Signalen – Luken öffnen. Bei der Ausgestaltung diskutiert auch die Feuerwehr mit. Schließlich muss gewährleistet sein, dass sich die Schachtdeckel auch bei Eiseskälte und großen Schneeüberdeckungen öffnen lassen und dass diese nicht blockiert werden.

Engelhardt kritisiert die Bahn

In diesem Zusammenhang wies Grünen-Chef Peter Pätzold darauf hin, dass die Bahn noch immer keine Antwort auf die Frage geliefert habe, ob und wie die Fahrgäste im Brandfall rechtzeitig an die Oberfläche und die Feuerwehr an den Brandherd gelangen. Projektkritiker wie Christoph Engelhardt, der im Internet die Plattform Wikireal betreibt, behaupten bekanntlich, dass die Zahl der wartenden und ankommenden Personen, die evakuiert werden müssen, zu niedrig angesetzt sei. Die Bahn setze in ihrem Szenario nur 50 bis 70 Prozent der Reisenden an, die sie in ihrem Betriebsprogramm plane, so Engelhardt. Statt mit 16 000 müsse mit bis zu 26 000 Flüchtenden kalkuliert werden.

Für Pätzold ist selbstverständlich, „dass sich die Leistungsfähigkeit des Tiefbahnhofs auf die Entfluchtung auswirkt“. Da die Bahn behaupte, beim Stresstest 49 haltende Züge in der Spitzenstunde nachgewiesen zu haben, dürfe sie sich bei der Bemessung der Fluchtwege nicht mit 32 Zügen bescheiden. Branddirektor Frank Knödler betonte zwar erneut, er sei Bahn-Laie und werde die in der Plangenehmigung genannten Personenzahlen zugrunde legen. Im Ausschuss sagte er aber, das Stresstest-Ergebnis müsse die Grundlage beim Brandschutz sein. Alexander Kotz (CDU) bezeichnete die Debatte als „abstrus“. Über Fluchtwege bräuchten nicht die Fraktionen diskutierten, weil das Eisenbahnbundesamt darüber wache.

Die Bahn will nach Aussagen der Stadt im April ihr Brandschutzgutachten und eine neue Analyse der erwarteten Personenströme im Bahnhof vorlegen. Bei der Präsentation des Gesamtkonzepts könnte dann auch Christoph Engelhardt Rederecht erhalten, über den allerdings der Bahnprojektsprecher Wolfgang Dietrich kürzlich urteilte, mit ihm sei „eine vertrauensvolle Anhörung“ nicht möglich.

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123 Kommentare Kommentar schreiben

Gisela Müller, 01:27 Uhr: Oh wie großzügig Herr Bahner sein kann – Und die Prognosezahlen bleibt er immer noch schuldig .----------------------------------------------------------------------------------------------- so einer aber auch. wie ist es mit ihrem beweis, dass die genehmigung des dükers zurückgenommen wurde?

Oh wie großzügig Herr Bahner sein kann – Und die Prognosezahlen bleibt er immer noch schuldig: „Ob man die S-Bahn dann später lieber bis Neuhausen-Mitte (Sackbahnhof) verlängert oder eine Ringbahn daraus macht, muss man untersuchen.“ Guten Morgen, Herr Bahner, wie großzügig gedacht, jedoch längst schon untersucht. Momentan sieht es aber eher danach aus, daß S21 dieses S-Bahn-Projekt kanibalisiert. ... Dann noch so eine sehr nette Großzügigkeit: „Das würde ich ergebnisoffen sehen, ...“ Nanu, sind Sie jetzt in den Kreisen der „Dipl Ing“-Führerscheininhaber und Entscheidungsgremien aufgenommen worden, so daß Ihre Meinung großartig kompetent wäre? Dann kann ja wirklich alles nur noch schiefgehen! ... Übrigens, wo sind die PROGNOSEZAHLEN ÜBER DEN FERNBAHNANSCHLUSS DES FLUGHAFEN STUTTGART??? Nicht nur ich, sondern auch andere Leser wollen den Nachweis endlich haben!!!

Toiletten: Ich bin sicher, die S21 Gegner werden demnaechst auch noch bemaengeln, dass zu weinige Toiletten eingeplant sind.Aber da gibt es ja die mobilen.

Bitte, liebe S21-Gegner, verdreht nicht dauern die Aussagen!: An Herrn Heppacher: "Flughafenbahnhof nur mit S-Bahn-Ring sinnvoll." Es wäre hilfreich, wenn Sie Aussagen anderer Teilnehmer nicht sinnentstellend verdrehen würden. Ich habe klar gesagt: S-Bahn-Ring, wenn überhaupt, nur mit Knotenbahnhof Flughafen sinnvoll. Der Umkehrschluss gilt nicht, der Knotenbahnhof Flughafen und die schnellen Verbindungen Richtung Tübingen und Ulm sind auch für sich genommen sinnvoll bzw. mit einer Verknüpfung an die vorhandene S-Bahn, Gäubahn-Linien und zukünftig Stadtbahn. Ob man die S-Bahn dann später lieber bis Neuhausen-Mitte (Sackbahnhof) verlängert oder eine Ringbahn daraus macht, muss man untersuchen. Das würde ich ergebnisoffen sehen, denn eine Direktverbindung Göppingen - Plochingen - Flughafen lässt sich mit S21, wie bereits beschrieben, viel eleganter herstellen als mit einer langsamen S-bahn.

Ideen-21: Was nützen hochschwebende S21-Ideen, wenn sie über kurz oder lang an den zu hohen Realisierungs-Risiken scheitern?

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