Stuttgart 21 Grundwasser: Zeitplan gerät ins Schwimmen

Thomas Braun und Markus Heffner, 27.06.2012 07:02 Uhr

Stuttgart - Der Baubeginn des Stuttgart-21-Bahnhoftrogs wird sich möglicherweise um weitere Monate verzögern. Martin Schönbeck, der Kommunikationschef der mit der Planung betrauten DB-Tochter Projektbau, hat am Dienstag im Technischen Ausschuss des Gemeinderats überraschend ein „neues Planfeststellungsverfahren“ für das Grundwassermanagement in diesem Bauabschnitt angekündigt. Ursache sind die höheren Wassermengen, die aus der Baugrube gepumpt werden müssen. „Wir gehen von einem größeren Anhörungsverfahren inklusive Erörterungstermin aus“, so Schönbeck auf Nachfrage des Grünen-Fraktionschefs Peter Pätzold. Selbst der Baubürgermeister Matthias Hahn (SPD) wollte seinen Ohren nicht trauen und ließ die Neuigkeit im Sitzungsprotokoll ausdrücklich festhalten.

Wir gehen von einem größeren Anhörungsverfahren inklusive Erörterungstermin aus. Martin Schönbeck, Kommunikationschef der DB-Tochter Projektbau

Das Eisenbahn-Bundesamt macht Erörterung zur Auflage

Bisher hatte die Bahn stets davon gesprochen, die siebte Änderung ihrer Pläne sei reine Routine; es müsse lediglich die wasserrechtliche Genehmigung den neuen Umständen angepasst werden. Diese war Bestandteil des Baubeschlusses für den Tiefbahnhof. In einem Gespräch mit Journalisten hatte Bahn-Anwalt Walter Kirchberg am Montag noch ausgeführt, die nötige Erhöhung der abzupumpenden Grundwassermenge von 3,2 auf 6,8 Milliarden Liter sei durch die Änderung des Planes gedeckt und es müssten die Unterlagen lediglich öffentlich ausgelegt werden. Nun hat das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) zusätzlich einen Erörterungstermin zur Auflage gemacht.

Das Regierungspräsidium (RP) Stuttgart, das das Planfeststellungsverfahren vor Ort durchführt, erklärte auf Anfrage, die geänderten Pläne würden frühestens nach Ende der Sommerferien öffentlich ausgelegt. Über die Dauer des Verfahrens bis zu einer Entscheidung des EBA wollte der RP-Sprecher nicht spekulieren. Er verwies lediglich auf die Verfahrensdauer bei den Planänderungen für den Bauabschnitt Fildertunnel: Dort liegt nunmehr neun Monate nach Auslegung der Pläne sowie dem Erörterungstermin noch immer keine Genehmigung des EBA vor. Die Bahn geht laut Schönbeck aber weiter davon aus, das Grundwassermanagement im Januar 2013 in Betrieb nehmen zu können. Die bestehende Anlage im Schlossgarten ist zurzeit nicht in Betrieb, da das EBA die entsprechende Genehmigung nicht erteilt hat.

Zweite GWM-Anlage auf dem Areal des ehemaligen Südflügels

Schönbeck und der mit den Planungen für das Grundwassermanagement betraute Gutachter Theo Westhoff informierten den Ausschuss auch darüber, dass die Bahn auf dem Gelände des abgerissenen Südflügels eine zweite stationäre Grundwassermanagementanlage errichten will, die helfen soll, die Spitzenmengen beim Abpumpen und Infiltrieren zu bewältigen. Einen entsprechenden Bericht der Stuttgarter Zeitung vom Januar dieses Jahres hatte der Projektsprecher Wolfgang Dietrich seinerzeit umgehend relativiert: Dies sei „nur eine von mehreren Optionen“ so Dietrich damals.

Die Bahn erklärte nun, die zweite Anlage werde so groß ausfallen wie die bestehende. Beide Anlagen würden durch Rohre verbunden, um die erhöhte Wassermenge aufnehmen und reinigen zu können. Auch der Durchmesser der Rohre wird laut Westhoff vergrößert – von 15 auf 20 Zentimeter. Zu den Mehrkosten für die zweite Anlage will sich die Bahn derzeit nicht äußern. Auf der Zuhörertribüne im Rathaus regte sich bei Westhoffs Erläuterungen und den Stellungnahmen der Fraktionssprecher lautstarker Widerstand. Es hagelte Zwischenrufe, Proteste und teilweise auch Beleidigungen. Sogar der SÖS-Stadtrat Gangolf Stocker, S-21-Protestveteran der ersten Stunde, sah sich veranlasst, die Zuhörer zur Mäßigung zu mahnen. Ungeachtet der Probleme beim Thema Wasser hält der S-21-Projektsprecher Dietrich daran fest, Anfang 2013 werde mit den Arbeiten am Tiefbahnhof und der Talquerung begonnen. Die Pläne würden so angepasst, dass der Einsatz einer Abpump- und Infiltrationsanlage zunächst ausreiche, so Dietrich. Es seien zwischenzeitlich rund 1000 Erkundungsbohrungen im Untergrund durchgeführt worden. Zudem lägen umfangreiche Erkenntnisse über die Gebirgsdurchlässigkeit und den Aufbau der geo­logischen Schichten vor: „Wir können ­maximale Bausicherheit garantieren.“ Allerdings ist das für den Betrieb der Anlage notwendige artenschutzrechtliche Verfahren noch nicht abgeschlossen. Im Verkehrsministerium geht man nach StZ-Recherchen dagegen von einem Baubeginn frühestens zu Beginn 2014 aus.