Stuttgart 21 im Internet Vom Bauzaun ins Netz: Protest 2.0
Erik Raidt und Christiane Wild, 01.09.2010 13:13 Uhr
Bei Facebook haben sich Projektgegner zu einer Jugendoffensive zusammengeschlossen. Foto: Repro: StZ
Bei Facebook haben sich Projektgegner zu einer Jugendoffensive zusammengeschlossen. Foto: Repro: StZ
Stuttgart - Jenseits des Bauzauns am Hauptbahnhof spielt sich der Schlagabtausch zwischen Befürwortern und Gegnern von Stuttgart 21 auch im Internet ab. In den Foren streiten sie erbittert miteinander, auf Homepages wird zu Demonstrationen aufgerufen. Informationen erreichen in wenigen Sekunden Tausende von Aktivisten. Das Internet prägt die Auseinandersetzung immer stärker - sieben Antworten auf zentrale Fragen.

1. Wie verändert die neue Kommunikation den Protest?
Im Internet lassen sich Informationen schnell beschaffen und verbreiten. Gleichgesinnte treffen sich in Foren, sozialen Netzwerken und auf Internetseiten. Eine Protestaktion lässt sich mit Hilfe des Internets heute leichter organisieren als früher. "Von einer ganz neuen Protestkultur kann man trotzdem nicht sprechen", sagt der Stuttgarter Politologe Dieter Fuchs. In seinen Strukturen sei der Protest gleichgeblieben. Neu sei bei Stuttgart 21 aber, dass sich Teile des etablierten Bürgertums zum Protest entschlossen haben und diesen auch im Internet artikulieren. Die Annahme, dass sich nur junge Menschen im Internet tummeln, stimmt nicht.

2. Wie präsentieren sich Gegner und Befürworter im Netz?
So verschieden wie die politischen Ansichten sind auch die wichtigsten Homepages von Befürwortern und Gegnern. "Bei der Internetseite der Befürworter » sieht man, dass sie Geld gekostet hat", sagt Helena Ebel vom Studiengang Informationsdesign der Hochschule der Medien. "Sie ist übersichtlich, verwendet ein warmes Rot als Grundfarbe und stellt die Informationen in den Mittelpunkt." Es fehle aber ein Angebot, auf dem die Nutzer ihre Meinung artikulieren könnten.

"Auf der Kopfbahnhof-21-Seite » finden sich aus professioneller Sicht viele Mängel", so Helena Ebel: "Es gibt etliche Schriftformen, bei den Farben geht es durcheinander, die Seite ist unübersichtlich." Doch in dem bunten Auftritt der Gegner sieht Ebel auch eine Stärke: "Man merkt der Seite sofort an, dass sich viele dafür engagieren, bei den Befürwortern wirkt der Auftritt viel unpersönlicher."

3. Was passiert in den sozialen Netzwerken?
Bei Facebook haben sich Projektgegner zu einer Jugendoffensive zusammengeschlossen. » Die Gruppe mit mehr als 2.000 Mitgliedern (Stand: 1.9.) versteht sich als Zusammenschluss "junger und jung gebliebener Menschen, die gegen Stuttgart 21 sind und dem Wahnsinn entgegentreten wollen". Auf der Seite wird auf Protestaktionen hingewiesen, zudem sind viele Fotos von Veranstaltungen gespeichert. Gegner und Befürworter diskutieren über das Projekt. Die Debatte findet also nicht nur am Bauzaun statt, sondern auch in den sozialen Netzwerken des Internets.

Für den Berliner Soziologen Simon Teune spielt die Plattform Twitter » eine entscheidende Rolle. Über die Seite werden Nachrichten zu einer aktuellen Situation über Mobiltelefone verschickt. "Das ist wichtig, wenn viele Menschen in kurzer Zeit mobilisiert werden sollen", sagt Teune.

4. Wie funktioniert der SMS-Alarm der Gegner?
Als kürzlich nachts gegen 23 Uhr ein Bagger auf das Gelände am nördlichen Seitenflügel rollte, waren nur einige Dutzend Demonstranten vor Ort. Doch bereits eine Stunde später hatten sich 1000 Gegner am Bahnhof versammelt. Sie wurden per "SMS-Alarm" über die Lage vor Ort informiert. Genauso funktionierte es auch beim eigentlichen Beginn der Abrissarbeiten am Mittwoch. Die Gegner des Projekts bieten ihren Mitstreitern unter anderem auf ihren Homepages an, ihre Handynummer einzutragen. Sobald Abrissarbeiten beginnen oder Bäume gefällt werden sollten, wird dieser Alarm ausgelöst und Tausende von Abonnenten bekommen eine SMS.

5. Welche Rolle spielen Webcams?
Sowohl die Gegner des Projekts als auch die Befürworter haben im Internet Livestreams » eingerichtet. Auf dem Sofa, am Arbeitsplatz oder unterwegs - jeder kann sich überall und jederzeit einen Eindruck davon verschaffen, wie die Lage vor Ort am Bauzaun gerade aussieht. Von Zwischenfällen am Zaun erfährt man so in Echtzeit. Die Gegner nutzen den Livestream, um Demonstranten zu mobilisieren.

6. Wie erreichen die Parkschützer ihre Mitglieder?
Der Protest hat drei Stufen der Empörung: Rot, Orange und Grün. Diese Farben hat die "Ampel" bei den Parkschützern », einer Protestbewegung, die gegen die Abholzung von 282 Bäumen im Schlossgarten kämpft. Wer sich auf der Stufe Rot auf der Internetseite registriert, der bekennt sich: "Wenn sich genügend weitere Parkschützer anschließen, werde ich mich äußerstenfalls den Baufahrzeugen in den Weg stellen oder an Bäume ketten!" Die Initiative ist im Internet groß geworden: Inzwischen haben sich bereits mehr als 21300 Menschen eingetragen. Wie ernst es den Menschen ist, können die Macher an den Einträgen auf ihrer Homepage ablesen, die wie eine virtuelle Pinnwand funktioniert. "Sie ist ein Stimmungsbarometer", sagt Matthias von Herrmann, der für die Gruppe der aktiven Parkschützer spricht.

7. Wie steht es um die Umgangsformen im Netz?
Die Anonymität des Internets hat zur Folge, dass die Kommentatoren eines Artikels ihre Identität nicht preisgeben müssen: Sie schreiben unter Pseudonym. Stuttgart 21 ist ein Thema, das viele Menschen erregt. Im Kommentarbereich der StZ kommt es deshalb immer wieder zu unsachlichen, manchmal auch beleidigenden Beiträgen. Neben interessanten Diskussionen, die sich zwischen den Befürwortern und den Gegnern entspinnen, findet ein Schlagabtausch statt, bei dem die Sache in den Hintergrund zu geraten droht.

Kommentare (8)
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SEP
03
Angel, 13:21 Uhr

Diktatorische Züge unter dem roten Stern

hallo zusammen, interessanterweise ist bei den unbenannten moderatoren dieser speziellen internetseite (roter stern auf dem bonatzbau???) insofern eine gewisse doppelmoral vertreten, dass einerseits nach meinungsfreiheit mit allen mitteln gekämpft wird, aber dass man andererseits mit sachlichen argumenten und fakten nicht weiterkommt dort. ehrliches interesse konnte ich bei einzelnen zwar wecken mit meinen beiträgen, aber als es zu brenzlig wurde (Angst vor Überläufern?) wurden diejenigen entsprechend aus den eigenen Reihen der Moderatoren zurück gepfiffen. Gerade die, die sich unterdrückt fühlen und Dialog suchen mit allen Mitteln, ziehen das REgister aus einem diktatorischen Vorbild und unterbinden jegliche offene und faire Diskussion, indem sie Beiträge, die "störend" wirken, komplett weglöschen und andersdenkende Teilnehmer dieser Seite früher oder später blocken. Einige S21-Gegner können das selbst nicht gutheissen und kritisieren immer stärker deren Aktivitäten (Sachbeschädigung bei den Stadträten plus stolzes Verbreiten von Fotos davon im Internet, Aufruf, sich mit Kinderschubkarren bei den Demos auftauchen etc. ..) Ich denke, dass sich solche Randgruppen ins eigene Fleisch schneiden und das Bild der S21-Gegner massiv lächerlich machen durch sinnlosen Protest und Redeverbot Andersdenkender!

SEP
02
Auswanderer, 17:29 Uhr

K oder S ist doch wurscht

Hauptsache seine Meinung vertreten und das mit allen Mitteln. Über Aussagen wie "K sagt die Wahrheit" muß ich doch echt lachen. Was ist das für eine egoistische, nicht einsichitge Meinung? Alle Kommentarkämpfe hier sind argument- und haltlos. Da wird nachgeplappert, was man irgendwo gehört hat und denkt, dass sei Gottes Wahrheit. Sorry, dass ich alle enttäuschen muß. Das einzige, was ich weiß: "Die übertriebenen Gegner-Aktionen kosten den Steuerzahler auch viel Geld, darüber macht sich jedoch keiner Gedanken."

SEP
02
oben bleiben - ist doch logisch., 10:02 Uhr

Grube-, Mappus- u. Schuster-Trittbrettfahrer ist jedes Mittel recht.

Der Krieg in den Medien ist doch nicht neu. Die S-21-Dogmatiker wollen ihn mit allen Mitteln gewinnen. Mit fingierten Leserbriefen und in Befürworter-Blogs werden die Protestierenden auf vielerlei Weise beleidigt, beschmutzt und sollen so politisch gebrandmarkt werden. Doch das wird den Grube-, Schuster- und Mappus-Trittbrettfahrern nicht gelingen. Sie wollen unbedingt von den 8 oder 10 Milliarden Baukosten profitieren und dazu ist ihnen - pecunia non olet - jedes Mittel recht.

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