Stuttgart 21 in Esslingen
Angst vor der ICE-Trasse
Kai Holoch,
22.09.2010 13:50 Uhr
Die Skizze des Anstoßes: sie zeigt die sogenannte Lean-Variante aus den Jahren 1996/97. Die Grünen bemängeln, dass die SPD die Grafik veröffentlicht hat, obwohl die Trasse in den aktuellen K-21-Überlegungen keine Rolle mehr spiele. Wolfgang Drexler (SPD) dagegen verweist darauf, dass diese Variante beim Raumordnungsverfahren der Bahn damals hinter Stuttgart 21 auf den zweiten Platz gekommen sei. Deshalb müsse man davon ausgehen, dass die Bahn beim Scheitern von S 21 genau diese Pläne weiterverfolgen würde. Foto: Montage: SPD
""Wir bezweifeln, dass eine ICE-Anbindung des Flughafens sinnvoll wäre.""
Helmut Müller-Werner von den Esslinger Grünen
Der Stein des Anstoßes ist eine Pressemitteilung der SPD mit heftigen Anschuldigungen: Die Grünen in Esslingen würden die "Bevölkerung nicht über die schwerwiegenden Probleme der von ihnen favorisierten Ertüchtigung des Stuttgarter Kopfbahnhofs informieren". Die sogenannte K-21-Variante sei aber gerade aus Esslinger Sicht höchst problematisch, denn diese Pläne ähnelten der sogenannten Lean-Variante der Bahn: "Je nachdem, für welche Variante sich die Bahn entscheiden würde, hätte das zur Folge, dass bei Mettingen eine aufgeständerte, acht Meter breite ICE-Trasse mit 14 Meter hohen Brückenbauwerken über das Ackerland in der Breite und dann in einen Tunnel hinauf zu den Fildern geführt" würde, heißt es in dem SPD-Papier weiter.
Mit der SPD nicht zu machen
Darin wird auch Matthias Schröer zitiert, der Vorsitzende der SPD Esslingen: "Wer diese Pläne befürwortet, nimmt für das Neckartal und insbesondere für Esslingen dreierlei in Kauf: eine zusätzliche Lärmbelästigung im Tal und auch für die Höhenlagen oberhalb Esslingens, Obertürkheims und Hedelfingens, eine Verschandelung der Landschaft sowie gegebenenfalls die Zerstörung der Gemüsebau- und Grünzone zwischen der Pliensauvorstadt und Mettingen, Brühl und Weil." Das sei mit der SPD nicht zu machen.
Diese Vorwürfe wollten die Esslinger Grünen nicht auf sich sitzen lassen. Der Stadtrat Helmut Müller-Werner, Mitglied des Ortsvorstands der Grünen, konterte einen Tag später: Der von der SPD gezeigte "angebliche Trassenvorschlag der K-21-Befürworter mit einem Tunneleinstieg in der Esslinger Champagne entspricht uralten ersten Skizzen und ist längst überholt". Schon seit Jahren werde die Trassenführung zwischen Obertürkheim und Mettingen über die Stuttgarter Deponie Einöd vorgeschlagen. Die SPD-Skizze sei eine "absichtliche Falschdarstellung" und diene der "plumpen Angstmache".
Freie Wähler wollen sich "mit Händen und Füßen wehren"
Das wiederum bestreitet der SPD-Stadtrat und Landtagsvizepräsident Wolfgang Drexler, der eben als Stuttgart-21-Sprecher zurückgetreten ist. Beim Raumordnungsverfahren der Bahn in den Jahren 1996/97 habe die dargestellte Variante hinter Stuttgart 21 Platz zwei belegt. Deshalb müsse man davon ausgehen, dass die Bahn auf diese Pläne zurückgreifen würde, sollte Stuttgart 21 scheitern.
Aber die Grünen gehen noch einen Schritt weiter. Helmut Müller-Werner: "Die Esslinger Grünen bezweifeln darüber hinaus, dass eine überregionale ICE-Anbindung des Flughafens sinnvoll wäre." Eine solche Anbindung, mutmaßt der Grünen-Vorstand Martin Lesny, "wird dazu führen, dass der - auch von der SPD nicht erwünschte - weitere Ausbau des Stuttgarter Flughafens forciert wird".
Die grüne Idee, den Flughafen und die Messe nicht an den Fernverkehr anzubinden und "ICEs knapp daneben vorbeidonnern zu lassen", hält der SPD-Fraktionschef Andreas Koch aber für eine "seltsame grüne Kapriole". Koch: "Das wäre ja nun wirklich ein Schildbürgerstreich."
Grüne stehen allein
Überhaupt stehen die Grünen mit ihrer Position in der Esslinger Kommunalpolitik ziemlich alleine. Der scheidende Fraktionschef der Freien Wähler, Dieter Deuschle, hat angekündigt, seine Fraktion werde "sich mit Händen und Füßen gegen eine Hochgeschwindigkeitstrasse im Neckartal wehren". Der CDU-Bundestagsabgeordnete Markus Grübel wiederum sieht die Menschen durch eine Schnellbahntrasse im Neckartal viel mehr belastet als durch die Tunnellösung in den S-21-Plänen. Bedenken müsse man auch, dass eine solche Trasse die Gemeinden im Neckartal teilen würde. Noch größer aber ist seine Sorge, dass bei einem Scheitern von Stuttgart 21 "30 Jahre lang gar nichts mehr passiert". Markus Grübel: "Das können wir uns als Industriestandort gar nicht leisten."
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Erster Protest war schon erfolgreich
Da hat die Bahn, trotz perfekter Planung festgestellt, dass sie den Erdaushub vom S21 Loch nirgends zwischenlagern kann und hat in Esslingen das tote Gleis 8 entdeckt. Als ES - Retter kam damals S21 Sprachrohr Drechsler gerade noch rechtzeitig und konnte diese Dreckablagerung verhindern. Der hilft auch nochmal in seinem Wahlbezirk. Aber keine Angst, es wird eh immer ruhiger im Neckartal. Die großen Güterzüge haben andere Wege gefunden. Statt 140 Zügen am Tag sind es momentan noch 70, Tendenz fallend. Zugfahren mach ja auch keinen Sinn mehr, wenn die Preise weiter umgekehrt proportional zur Funktion der Züge steigen. Ab 2011 dürfen Linienbusse wieder auf den Autobahnen fahren. Wetten, daß die durch Dumpingpreise die Züge leeren, denn nicht jeder hat es eilig, viele haben auch schlicht kein Geld mehr für die Zugfahrten.
@Dampflokomotive
Ihr unter Pseudonym eingestellter Beitrag ist wieder mal ein passendes Beispiel für das Diskussionsniveau vieler Befürworter. Aber ich werde mich sprachlich nicht auf Ihre Ebene begeben, sondern sachlich bleiben. Die SPD Fotomontage zeigt eine Hochtrasse, die niemand will, in den K21 Plänen nicht vorkommt und auch von der Bahn verworfen wurde - das ist daher eine reine Stimmungsmache. Ihre Anmerkungen zum VVS Ticket sind falsch, man kann die S-Bahn auch mit einem Bahnticket benutzen. Andesrum wird es aber zum Problem, da die VVS Tickets nicht im ICE gültig sind. Bei den Regionalzügen widersprechen Sie sich offensichtlich. Die Regionalzüge von Tübingen und Ulm, die bei S21 über den Flughafen fahren, können ja nicht gleichzeitig durch Esslingen fahren. Die Esslinger hätten damit eine deutlich schlechtere Anbindung an Stuttgart und nach Tübingen und Ulm mit all den Zwischenhalten. Die Flughafen GmbH erwartet durch den ICE Bahnhof 1,5 Millionen zusätzliche Fluggäste (Esslinger Zeitung vom 23.9.2010). Die Klimabelastung eines durchschnittlichen Fluges liegt mindestens bei ca 500 kg CO², d.h. durch Stuttgart 21 entsteht ein zusätzlicher CO² Ausstoß von ca 1/2 Millionen Tonnen (dabei habe ich die Belastung durch alternative Verkehrsmittel bereits abgezogen). Wenn sich Die Grünen als Umweltschutzpartei gegen eine massive Förderung des Flugverkehrs und für eine geringere CO2-Belastung aussprechen, dann sind sie nicht "blöd", sondern tun das, was man zu Recht von Ihnen erwarten muss. Im Übrigen ist der ICE Bahnhof am Flughafen auch im K21 Denkmodell nicht enthalten. Die Grünen in Esslingen blamieren sich mit Ihrer Position auch nicht, wir bekommen gerade sehr viel Zustimmung für unser konsequentes Eintreten für eine ökologische Verkehrspolitik und gegen eine Desinformationskampagne der SPD vor Ort.
@S.Nahme, 23.09.2010 Heimerl Trasse war gestern
Ich möchte die Verdienste Heimerls nicht schmälern, aber der Mann sollte im Alter doch die Weisheit haben, seine eigene Arbeit mit etwas mehr Distanz zu betrachten, anstatt als unbedingter Verfechter von S21 aufzutreten. Steht ihm nicht gut und macht seine Verdienste zunichte. Auch dem emeritierten Herrn Professor täte diese Lektüre wie folgt durch aus gut: http://www.srl.de/dateien/dokumente/de/die_zukunft_war_gestern._neue_ansaetze_und_uuml_berlegungen_in_der_jahrzehnte_dauernden_debatte_um_das_projekt_stuttgart_21_und_die_neubaustrecke_wendlingen_-_ulm.pdf Das wäre ein Diskussionsneveau, was man eigentlich von Drexler und Co zu erwarten hätte. Aber wieder einmal mehr dort nur gezielte Irreführungen.