Stuttgart 21 Kritik an der „Galionsfigur“ Hermann

Von Markus Heffner 

Eine Dokumentation des Verkehrsministeriums über die Leistungsfähigkeit des Tiefbahnhofs von Stuttgart 21 empört die Projektgegner. Minister Hermann sieht sich auf Facebook und in Internetforen massiven Vorwürfen und Anfeindungen ausgesetzt.

Winfried Hermann sieht sich Vorwürfen der Stuttgart-21-Gegner ausgesetzt. Foto: dpa 32 Bilder
Winfried Hermann sieht sich Vorwürfen der Stuttgart-21-Gegner ausgesetzt.Foto: dpa

Stuttgart - Gedacht war das bei häufig diskutierten Themen übliche Frage-Antwort-Spiel auf der Internetseite des Verkehrsministeriums als eine Art Arbeitserleichterung: Regelmäßig laufen bei der Behörde von Winfried Hermann per Telefon oder E-Mail diverse Anfragen zur Leistungsfähigkeit des neuen Tiefbahnhofs von Stuttgart 21 ein, verbunden oft mit dem Hinweis, dass der Kopfbahnhof aus vielerlei Gründen ohnehin die bessere Variante sei. Man habe daher das bereits vielfach Gesagte zusammengefasst und auf die Homepage gestellt, erklärt der Ministeriumssprecher Edgar Neumann.

Projektgegner sprechen von „Leistungsmärchen“

Seither schlagen im Lager der Stuttgart-21-Gegner allerdings die Wellen hoch, und der Verkehrsminister sieht sich auf Facebook und in einschlägigen Internetforen massiven Vorwürfen und Anfeindungen ausgesetzt. Grund dafür ist die offizielle Antwort Hermanns auf die Frage, ob es sich bei Stuttgart 21 um einen geplanten Rückbau der Eisenbahninfrastruktur handelt. „Diese Behauptung lässt sich mit Blick auf die theoretisch bewältigbaren Zugzahlen von Kopf- und Tiefbahnhof nicht bestätigen“, schreibt dazu der Grünen-Politiker, der selbst ein bekennender Gegner des umstrittenen Bahnprojekts und eine Art Galionsfigur für die Kritiker ist, sich nun aber Vorhaltungen ausgesetzt sieht, in das Lager der Projektbefürworter gewechselt zu sein. Bei seiner Darstellung stützt sich Ministerium indes auf das Ergebnis des Stresstests, der dem geplanten unterirdischen Durchgangsbahnhof von Stuttgart 21 bescheinigt hat, dass „49 Ankünfte in der am meisten belasteten Stunde und mit dem der Simulation unterstellten Fahrplan mit wirtschaftlich optimaler Betriebsqualität abgewickelt werden können“.Von den Projektgegner wird diese Zahl seither vehement als „Leistungsmärchen“ angezweifelt, wofür sie Verfahrensfehler bei der Simulation, falsche Annahmen und Einstellungen, zu kurze Haltezeiten der Züge, fehlerhafte Signalstellungen, einen Softwarefehler im Berechnungsprogramm und etliche andere Widrigkeiten ins Feld führen. Die entscheidende Leistung in der Spitzenstunde werde durch Stuttgart 21 von heute 38 Zügen auf 32 Züge pro Stunde gesenkt, laut Gutachter der Planfeststellung auf maximal 32,8 Züge, betont etwa Christoph Engelhardt, Betreiber des Faktencheck-Portals Wikireal.

Verkehrsministerium hat die Fakten geprüft

Der Münchner Physiker und Systemanalytiker hat unter anderem sämtliche Gutachten der vergangenen Jahre zur Leistungsfähigkeit des Tiefbahnhofs ausgewertet und kommt zum Schluss, „dass Stuttgart 21 dramatisch unterdimensioniert ist, auch für Fußgänger.“ Die Landesregierung mache sich unglaubwürdig, wenn sie etwa mit „30 vertakteten Zügen“ die Leistungsfähigkeit des Tiefbahnhofs verteidige. Sowohl in der Planfeststellung als auch im ­Finanzierungsvertrag sei ausdrücklich festgehalten, dass die Belastung der Spitzenstunde für die Bemessung der Leistungsfähigkeit des Bahnhofs entscheidend sei. „Wie viele Züge vertaktet sind, ist absolut irrelevant“, so Engelhardt: „Das entkräftet den Rückbau nicht.“Das Verkehrsministerium wiederum argumentiert, dass sich die Experten des Hauses mit den Kritikern an einen Tisch gesetzt und deren Zahlen und Expertisen umfassend aufgearbeitet hätten. Sämtliche Vorhaltungen seien aber von der Deutschen Bahn als Bauherrin von Stuttgart 21 schlüssig erklärt und widerlegt worden. Und auch besagter Softwarefehler, der sich bei der vom Schweizer Gutachterbüro SMA durchgeführten Simulation positiv auf die Leistungsfähigkeit des Tiefbahnhofs ausgewirkt hatte, sei in seiner Wirkung als nicht wirklich relevant einstuft worden, so Edgar Neumann. Das Verkehrsministerium habe keinen Argumentationswechsel vollzogen, sondern nichts anderes gemacht, als die Fakten zusammenzutragen und zu veröffentlichen. „Wir können nur mit Daten umgehen, die wir haben.“

Information: Die Studie des Ministeriums steht unter www.mvi.baden-wuerttemberg.de (unter Rubrik „Verkehrsträger“ erst „Schiene“ und dann „Stuttgart 21“ auswählen).

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Sprachwissenschaftler: Banale, Banale, Banale

Hari Seldon, 06:06 Uhr: Die Diskussion gleitet jetzt ins Bannale ab: Wenn Sie im Stuttgarter Hauptbahnhof Anschlüsse verpasst haben, hat das nichts mit dem Kopfbahnhof zu tun. Man kann genauso gut Anschlüsse in Mannheim, Köln und Dortmund verpassen. – Sie schreiben, „die Fachliteratur wird nie die Praxiserfahrungen ersetzen.“ Natürlich nicht. Wer sagt denn das? Das ist doch eine Binsenweisheit! Indem Sie mir so etwas erklären, tun Sie so, als wüsste ich das nicht, und stellen mich auf die Stufe mit einem kleinen Kind. Fügen noch hinzu, ich solle mich nicht lächerlich machen. Muss das sein? Aber das, was Menschen in Jahrhunderten und Jahrtausenden sich ausgedacht haben, kann niemand durch Praxiserfahrung nachholen. Menschen geben Erfahrungen weiter – schriftlich, mündlich – und ersparen sich dadurch gegenseitig, dass jeder das Rad neu erfinden muss. Denken Sie z.B. an die Stiftung Warentest. Kaufen Sie 10 Waschmaschinen und probieren alle aus – auch auf Haltbarkeit? Haben Sie Anfang 1980 vier Computer gekauft und die dazu angebotene Software ausprobiert? Wo kommen wir denn hin, wenn wir alles selber ausprobieren müssten! Computer, Waschmaschinen, Fahrräder, Isolierverglasung, Rasenmäher … Wollen Sie sich von einem Arzt behandeln lassen, der noch nie ein Buch oder eine Fachzeitschrift aufgeschlagen hat? Ärzte informieren sich über bestimmte Behandlungsmethoden in der Literatur: welche Methode funktioniert, welche nicht, Vor- und Nachteile neuer Behandlungsmethoden, Untersuchungsberichte, Studien usw. Wenn ein Arzt erst durch eigene Versuche herausfinden muss, was andere schon längst erprobt und für gut oder schlecht befunden haben, dann möchte ich nicht das Versuchskaninchen sein.

@garibaldi: Nun, als Vielfahrer arbeite ich auch im Zug, aber in meinem Büro kann ich viel effektiver arbeiten, so die Minimierung der Reisezeit ist ein wichtiger Faktor. Anschlüsse: Wissen Sie, wieviele Anschlüsse habe ich schon im Schrottbahnhof in Stuttgart (""pünktlichster Bahnhof": Lach, Lach, Lach...) verpasst?===Nun, damals war die Hardwer noch nicht so leistungsfähig wie heute (es gab noch keine Grafikkarte, Bitmaps, viel langsamere Prozessoren, usw.), so GUIs wie heute waren einfach nicht machbar. Ich kenne die ersten MACs nicht nur aus der Fachliteratur: Die Arbeit mit der ersten MAC-GUI war viel komplizierter und langsamer als mit MS-DOS.===Last but not least, die Fachliteratur wird nie die Praxiserfahrungen ersetzen. Übrigens, nur solche Ärzte sollten Sie behandeln, die keine Praxiserfahrung haben, nur die Fachliteratur studiert haben. Mal sehen, wie Ihre Gesundheit und Begeisterung aussehen würde. Bitte, machen Sie sich nicht lächerlich.

Charlotte, 17:28 Uhr: Was schreiben Sie für Unsinn!: Ich will niemandem meine Lebensweise aufzwingen! Wie kommen Sie darauf, so einen Unsinn zu behaupten. Wer im Zug nicht arbeiten will, der arbeitet eben nicht. Wer im Zug auf dem Kopf stehen will, kann das auch dann machen, wenn ich sitze. Er kann im Kopfbahnhof so wie in jedem anderen Bahnhof auf den letzten Drücker einsteigen, und er kann überall dort, wo ich komfortable Verbindungen bevorzuge, die schnelleren wählen.

Garibaldi: Sie meinen wohl, Sie könnten Ihre Lebensweise anderen aufzwingen? Nehmen Sie zur Kenntnis: wenn Sie im Zug arbeiten wollen, dann tun Sie dies. Andere wollen das nicht. Punkt.

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