Stuttgart 21 Kritiker werfen der Bahn Vertuschung vor

Von und Jörg Nauke 

Die Ingenieure 22 haben die geheime Azer-Liste mit 121 Risiken ausgewertet und kommen zu dem Schluss, dass der geplante Tiefbahnhof noch einmal deutlich teurer werden könnte.

Die S-21-kritische Gruppe Ingenieure 22 hat die geheime Azer-Liste mit 121 Risiken des Bahnprojekts Stuttgart 21 ausgewertet und kommt zum Schluss, dass der Tiefbahnhof deutlich teurer werden könnte. Die Geschichte der S-21-Kostenexplosion zeigen wir in der Fotostrecke. Foto: dpa 16 Bilder
Die S-21-kritische Gruppe Ingenieure 22 hat die geheime Azer-Liste mit 121 Risiken des Bahnprojekts Stuttgart 21 ausgewertet und kommt zum Schluss, dass der Tiefbahnhof deutlich teurer werden könnte. Die Geschichte der S-21-Kostenexplosion zeigen wir in der Fotostrecke.Foto: dpa

Stuttgart - Die Befürworter und die Gegner von Stuttgart 21 trennen Welten – das wurde jüngst bei der Erörterung zum Grundwassermanagement deutlich, das manifestiert sich aber auch beim Blick auf die erwarteten Kosten. Während Manfred Leger, der Chef der neuen DB Stuttgart-Ulm Projekt GmbH, hofft, mit sechs Milliarden Euro für den Tiefbahnhof auszukommen, ziehen die Kritiker aus internen Unterlagen der Bahn, die ihnen zugespielt worden sind, andere Schlüsse: Sie vermuten, das Projekt werde noch teurer als die 6,8 Milliarden Euro, die die Bahn im März dieses Jahres als neue Obergrenze eingeräumt hatte; zuvor waren es 4,5 Milliarden Euro für Stuttgart 21 gewesen.

„Wenn alle heute absehbaren Risiken und notwendigen Maßnahmen berücksichtigt werden, ist mit weiteren Kostensteigerungen über die inzwischen eingeräumten 2,3 Milliarden Euro zu rechnen“, behauptet die Gruppe der Ingenieure 22. Sie geht davon aus, dass der neue Tiefbahnhof 8,5 Milliarden oder gar bis zu zehn Milliarden Euro kosten werde.

Die S-21-kritischen Experten sagen, sie könnten das belegen. Sie haben das bisher der Öffentlichkeit nur in Auszügen bekannte Dossier der DB-Projektbau von Anfang 2011 – die nach dem früheren Projektleiter Hany Azer benannte und in verschiedenen Risikokategorien von A bis D unterteilte „Azer-Liste“ – mit insgesamt 121 Risiken in der Komplettfassung vorliegen und ausgewertet. Die zahlreichen offenen Posten wurden von ihnen mit möglichen Kosten hinterlegt.

Viele Probleme sind der Bahn bereits seit März 2011 bekannt

Die Bahn hatte die Risikoeinschätzung, die auch der StZ vorliegt, stets als „internes Papier“ eingestuft. Mittlerweile sei sie ohnehin überholt und nicht mehr aktuell, heißt es im Konzern. Deswegen sind selbst die Projektpartner, von denen die Bahn eine Beteiligung an möglichen Mehrkosten fordert, bis heute nicht davon in Kenntnis gesetzt. Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) ließ auf Anfrage extra mitteilen, ihm liege die Liste immer noch nicht vor – er hätte sie aber gerne.

Bei der Durchsicht fiel den Ingenieuren 22 auf, dass viele – inzwischen öffentlich diskutierte – Probleme bereits im März 2011 bekannt gewesen seien. Ihre Eintrittswahrscheinlichkeit war aber als so gering eingeschätzt worden, dass sie gar nicht oder nur in Teilen mit Mehrkosten hinterlegt wurden – etwa das Top-Thema Brandschutz, die Leitungsverlegung, das aufwendigere Grundwassermanagement, die Entsorgung und der Grundstückskauf.

Als Risiko wurden zudem „Dolinen“ bezeichnet und „Setzungen größer fünf Zentimeter an Bebauung Maybachstraße“. Auch die umstrittene Geothermie wurde thematisiert. Als Risiko im Cluster D wurden außerdem „nicht vorhersehbare Störungen bei Unterfahrungen von Gebäuden mit geringer Überdeckung (IHK, Presselstraße, Gäubahnviadukt, etc.)“ benannt. Und ein Kostenrisiko wurde aufgrund zusätzlicher Anforderungen an den Schallschutz im Bereich zwischen der Station Terminal bei der Rohrer Kurve auf den Fildern identifiziert.