Stuttgart 21 „Mit Bauchladen auf die Baustelle“

Von  

Peter Maile ist von der katholischen Kirche zum Stuttgart-21-Diakon berufen. Er soll sich um die Nöte der Wanderarbeiter und um das Seelenheil der Ingenieure kümmern.

Der S-21-Seelsorger Peter Maile fordert gerechte Löhne auf den Baustellen des Bahnprojektes. Foto: Michael Steinert
Der S-21-Seelsorger Peter Maile fordert gerechte Löhne auf den Baustellen des Bahnprojektes.Foto: Michael Steinert

Stuttgart - Peter Maile wird in den nächsten drei Jahren die 4000 bis 5000 Arbeiter auf der Stuttgart-21-Baustelle seelsorgerlich betreuen. Der katholische Diakon will missionieren, prophetische Visionen entwickeln und sich solidarisch zeigen. Vor allem aber will er mit einem Bauchladen und vielleicht auch einem Bauchgrill zu den Arbeitern kommen und praktische Hilfe leisten.


Herr Maile, Sie sollen sich um das Seelenheil der Arbeiter kümmern. Wie viel verstehen Sie von Tunnelbau und Gleisarbeiten?
Ich komme aus dem Handwerk und bringe deshalb technisches Verständnis mit, auch wenn ich noch keinen Tunnel gebaut habe. Ich weiß aber, dass die heilige Barbara die Schutzpatronin der Bergbauleute ist.

Ob das die Bauarbeiter interessiert?
Das wird sich herausstellen. Ich werde sie jedenfalls darauf hinweisen.

Wie weit geht ihr technisches Verständnis?
Ich bin in einer Schreinerei aufgewachsen, deshalb ist mir der Umgang mit Holz vertraut. Später habe ich Heizungsbau gelernt und montiere heute noch Waschbecken. Auch mein neues Stuttgarter Büro habe ich selbst gestrichen.

Wollten Sie der Kirche Geld sparen?
Nein, ich mache das, weil ich weiß, dann ist es meines. Und weil wir das Geld für in Not geratene Menschen verwenden können.

Die katholische Kirche hat Sie beauftragt, sich in den nächsten Jahren ausschließlich um die S-21-Arbeiter zu kümmern. Füllt das eine ganze Stelle aus?
Es werden 4000 bis 5000 Bauarbeiter erwartet. Das ist eine große Gemeinde, oder nicht? Hinzu kommt, dass wir den Arbeitern auf allen Baustellen zwischen Stuttgart und Wiesensteig ein seelsorgerliches Angebot machen wollen, weil wir meinen, dass es guttut, wenn die katholische Kirche zu den Leuten geht. Wir möchten uns um die Menschen kümmern, die in prekären Arbeitsverhältnissen stecken. Mit diesen wollen wir uns solidarisch zeigen, etwas Prophetisches entwickeln und missionarisch unterwegs sein.

Wie missioniert man auf einer Baustelle?
Man hält den Menschen jedenfalls keine Beitrittserklärung unter die Nase. Vielmehr hilft man ihnen, Anträge auszufüllen, fragt nach ihren Sorgen und Nöten und ihrer Familie. Ich rechne damit, dass viele Arbeiter aus osteuropäischen Ländern angeheuert werden, die sich hier fremd fühlen und die Sprache nicht verstehen. Es werden Menschen darunter sein, die keine Krankenversicherung haben, andere werden monatelang an Heimweh leiden. Ich will für die Menschen die Initiative ergreifen, Ideen entwickeln und Netzwerke gründen, um sie zu unterstützen.

Wie darf man sich den prophetischen Part vorstellen?
Ich meine Prophetie in dem Sinne, dass ich Visionen entwickeln möchte, wie das Reich Gottes in der Welt von heute umgesetzt werden kann. Wir wollen den Menschen, die unter schwierigen Arbeitsbedingungen leiden, zu mehr Gerechtigkeit verhelfen und Solidarität zeigen. Es geht um Visionen, die über uns und die tägliche Arbeit hinausweisen.

Wie wird Ihre Solidarität aussehen? Werden Sie mit Transparenten vor die Bahn-Zentrale ziehen und gerechte Löhne fordern?
Das nicht, ich sehe mich als Netzwerker, und es liegt an dem Partner, ob er mein Angebot annimmt oder nicht. Die Leute bei der Bahn, die ich kennengelernt habe, begrüßen das kirchliche Angebot. Es geht mir auch nicht darum, Demonstrationen zu organisieren; das ist in erster Linie Sache der Gewerkschaften. Streiks sind ein legitimes Mittel, und wenn er der Sache dient, zeige ich mich solidarisch. Ich aber will dafür sorgen, dass sich die Menschen hier wohlfühlen, dass sie sagen können, ich lebe hier für ein Jahr und bin gut aufgehoben, auch wenn ich mir bessere Arbeitsbedingungen wünschen würde. Eine Idee ist zum Beispiel, dass ich Bauarbeiter und Kirchengemeinden zusammenbringe. Die Gemeinden könnten zum Beispiel an Erntedank oder an Weihnachten die Arbeiter mit Willkommensgeschenken empfangen.

Wie wollen Sie auf Missstände hinweisen?
Natürlich sind mir als Betriebsseelsorger faire Löhne ein Herzensanliegen. Das heißt aber nicht, dass ich alle Bauherren und Baufirmen auf die Anklagebank setzen möchte. Wir leben nun einmal in einer globalisierten Welt, in der es Niedriglöhne und Leiharbeit gibt und in der Unternehmen immer größere Gewinne anstreben. Deshalb werde ich im Sinne der Armen, die vielleicht nicht den Mut haben, sich zu artikulieren, auf Missstände hinweisen. Aber das kann auch im direkten Gespräch mit einem Vorgesetzten passieren. Ansonsten werde ich versuchen, das soziale Umfeld des Betroffenen zu verbessern.

Mit wie vielen Zuwanderern rechnen Sie?
Bei den Tunnelbauten werden wir sicher viele heimische Ingenieure antreffen, bei den Armierungsarbeiten dafür umso mehr Wanderarbeiter ohne Ausbildung. Zahlen aber kann ich nicht nennen, da werden erst die nächsten Monate Klarheit bringen.

Sieht man von Polen ab, ist die katholische Kirche in den osteuropäischen Ländern gar nicht so stark vertreten. Sind Sie dann überhaupt der passende Seelsorger?
Das hindert die katholische Kirche nicht daran, sich für die Zuwanderer zu engagieren. Ich bin im Moment dabei, Kontakte zu den orthodoxen Kirchen und den muttersprachlichen Gemeinden in Stuttgart und der Umgebung aufzubauen, damit ich den Weg auch dorthin weisen kann, wenn dies die Menschen wünschen.

Wie werden Sie an die Bauarbeiter rankommen. Sind Sie in jeder Vesperpause vor Ort?
Ich werde einen Bauchladen dabeihaben. Entweder gibt es eine Runde Tee für alle, oder ich binde mir einen Bauchgrill um und verteile Würstchen. Das überlege ich noch. Tatsächlich wollen wir uns als Betriebsseelsorge einen kleinen Bus anschaffen, in den ich die Menschen dann auch zu einem Kaffee oder einem Beratungsgespräch einladen kann. Ich werde natürlich auch da sein, wenn ein Bauarbeiter im Krankenhaus landet. Die Zugänge müssen verschieden sein, der eine freut sich über einen Tee, der andere braucht einen Dolmetscher beim Gespräch mit dem Arzt, der Dritte möchte vielleicht reden oder mit mir beten.
  Artikel teilen
31 KommentareKommentar schreiben

Ein Bischof erhält über 10.000 € monatlich direkt vom Steuerzahler...: In Deutschland wird jeder Bischof direkt vom Steuerzahler mit über 10.000 € monatlich alimentiert. Da fragt man sich doch, ob diese frommen Kirchenmänner nicht einfach ein wenig ihrer Apanage unter den weniger begüterten oder gar Notleidenden Mitbürgern verteilen könnten... Für Gotteslohn bei freier Kost und Logis die frohe Botschaft verkünden - da braucht es doch kein Manager Gehalt....

Ver-Kümmern: Nach meinem Verständnis muss man sich darum kümmern, dass erst gar keine Wanderarbeiter nötig sind und dass perkäre Arbeitsmodelle nicht akzeptiert werden. Das oben beschriebene Mitläufertum des Parrers xy ist nicht zielführend. Im Gegenteil, mit diesem Verhalten akzeptiert und legitimiert er die Ausbeutung der Arbeitnehmer. Um die Verschlechterung der Situation entgegen zu wirken muss dagegen angegangen weden. Dies erfordert Courage.

Der Engländer sagt: 'Talk is cheap'.: Mehr werden die wohl doch nicht so hochgeschätzten Arbeiter aus dem Ausland vom Hr. Pfarrer wohl nicht bekommen. auf die Sozialleistungen der Unternehmen hat er keinen Einfluß. Will er auch gar nicht. Er will Schäfchen und Befriedigung. Aber auch hier schläft die Konkurrenz nicht. Gewinnt er Marktanteile? Verliert er Marktanteile? Seis drum.

Fremdsprachen tauglich?: dann soll der Seelsorger schon anfangen Fremdsprachen zu lernen: Rumänisch, Türkisch, Polnisch, Rusisch, Ukrainisch usw. usw. Denn auf dieser Großbaustelle werden verschwindend wenig schwäbische Arbeiter beschäftigt sein. Und die anderen werden auch das Geld nicht in Stuggart liegen lassen. Gut, bei Aldi, Norma, Penny vielleicht. Ansonsten wird jeder Cent gespart und in die Heimat überwiesen.

@ Kein Katholik: Lieber kein Katholik, wenn ich zu Gegnern sage, ich habe keine Lust für Polizisten zu bezahlen, die euch aus den Bäumen pflücken müssen, bekomme ich immer die Antwort 'Die werden sowieso bezahlt'. Ich denke, so ist das bei einem Diakon nicht anders. Was dieser Mann leisten will, halte ich für den größten Luxus, den eine Gesellschaft sich leisten kann: Ihre Grundwerte nach Außen tragen. Wäre doch tragisch wenn die Bauarbeiter aus Rumänien bei sich zu Hause sagen, dass die Deutschen so reich sind, aber so arrogant dass Arbeiter schlechter behandelt werden als die Tiere in der Wilhelma. Klar, wir können S21 auch mit heimischen Arbeitern bauen. Nicht nur zum Mindestlohn, sondern zu einem fairen Lohn. Aber dann würde S21 nicht nur (noch) länger dauern sondern auch (noch) teurer werden. Ich denke, ein Seelsorger, der als Kumpel und als Verbindung zu deutschen Außenwelt außerhalb der Baustelle ist ein gutes Mittel um zu zeigen, dass Deutschland ein tolerantes und weltoffenes Land ist, das Menschen, die hier zu niedrigen Löhnen arbeiten, willkommen heißt. Wie der liebe Herr 'Lieber Herr Dilettantenklatscher' richtig erkannt hat, ist es in unserem Wirtschaftssystem nunmal so, dass günstige Arbeitskräfte importiert werden wenn das Lohnniveau zu Hause zu hoch wird. Das heißt aber noch lange nicht, dass man sie auch wie den letzten Dreck behandeln muss. Und schlussendlich werden auch die Maßnahmen, die für das vorgeschlagene K21 Projekt gebaut werden unter Garantie von den günstigsten verfügbaren Arbeitskräften durchgeführt. Ich habe dieses Jahr mehr Zeit in China als in Deutschland verbracht. Da gibt's Wanderarbeiter zu Hauf. Ohne Betreuung, die kaum die Baustellen verlassen dürfen und die zu wirklichen Hungerlöhnen schuften. Nur halte ich das deutsche Wirtschafts- und Gesellschaftssystem für deutlich humaner als das Chinesische. Gerne erkläre ich das 'kein Katholik' bei einem gemeinsamen Mittagessen in seiner Kantine. Ich bringe tolle Bilder und Eindrücke mit. Aber jeder zahlt sein eigenes Essen ;)

Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt. Alternativ können Sie sich mit Ihrem Facebook-Account anmelden.