Stuttgart 21 Mitschöpfer des Bahnhofs zweifelt
Michael Schmidt, 19.08.2010 17:28 Uhr
Der 85-jährige Frei Otto sieht derzeit vor allem unkalkulierbare technische Risiken nicht ausreichend berücksichtigt. Foto: Zweygarth
Der 85-jährige Frei Otto sieht derzeit vor allem unkalkulierbare technische Risiken nicht ausreichend berücksichtigt. Foto: Zweygarth
""Wenn ein Entwurf zu lange nicht realisiert wird, dann hat sich die Planung überholt.""
Frei Otto über eines der Probleme des Tiefbahnhofs



Gesamte Gesellschaft muss dahinter stehen


Auch jenes Olympiaprojekt sei zu Beginn, im Jahr 1967, ein riesiges Wagnis mit vielen Unbekannten gewesen. Unter anderem wegen der Grundfrage, ob ein Tragwerk wie das Münchner Olympiadach überhaupt ausreichend sicher gebaut werden könne. "Aber da gab es nicht nur Fakten und Zahlen, sondern ein Bekenntnis aller zu dem Projekt", erinnert sich Frei Otto an einen kompletten Neustart der Planung, unmittelbar vor dem Bau. Aber: "Die gesamte Gesellschaft muss hinter einem solchen Projekt stehen", betont er.

Eine Empfehlung, Stuttgart 21 nun zu stoppen, will der 85-Jährige ausdrücklich nicht geben. "Aber es liegen mittlerweile viele neue Informationen vor, über die Wirkung des Anhydrits, über die Fundamentierung in durchweichtem Baugrund wie dem Stuttgarter Talkessel", weist er auf die veränderten Voraussetzungen hin.

Der Visionär hat in seinem gläsernen Atelier im beschaulichen Leonberger Teilort Warmbronn das Urmodell des Stuttgarter Tiefbahnhofs ständig vor sich. "Als ich gehört habe, dass sich mein damals junger Kollege Ingenhoven um den Wettbewerb bemüht, bin ich auf ihn zugegangen. Mit dem Entwurf der Lichtaugen wollten wir etwas Schönes schaffen", sagt der Leonberger Ehrenbürger. Und: "Wir hatten mit den Ingenieuren Ted Happold und Fritz Leonhardt die besten Fachleute der Welt eingeschaltet" - beide sind mittlerweile verstorben.

Jeder Planer muss zunächst an Sicherheit denken


Nun sei von den Planern des Ursprungsentwurfs lediglich noch Christoph Ingenhoven im Boot. Auf die Frage des 85-jährigen Otto, wer denn nun als Prüfingenieur die heikle Statik verantwortet, hat er keine Antwort von offizieller Seite erhalten. "Ist denn überhaupt einer bestellt?", fragt er.

Mittlerweile habe er viel Zeit gehabt, auch neue Verkehrssysteme zu studieren - und die Zweifel beim Schöpfer des Tiefbahnhofs wachsen immer stärker, je länger seine Erfahrungen und seine Gedankenspiele zusammenkommen: "Jeder Planer muss zunächst an die Sicherheit denken. Es braucht Fantasie, um Gefahren zu erkennen. Wie kann man beispielsweise Massenpaniken verhindern?"

Mit solchen Fragen beschäftigt sich Frei Otto nicht erst seit dem aktuellen Geschehen bei der Love-Parade in Duisburg. Schon in den siebziger Jahren war er in die Planungen für eine sichere Zeltstadt des Hadsch, der großen Pilgerreise nach Mekka, eingebunden. "Wer neue Bauten schafft, der muss überall Unglücke sehen", weiß der Visionär.

Aber auch andere Erkenntnisse - wie beispielsweise nach dem Bau des Leonberger Engelbergbasistunnels in den neunziger Jahren, der in den gleichen Gipskeuperschichten verläuft wie ein Großteil der gut 30 Kilometer langen Tunnelstrecken von Stuttgart 21 - lassen Frei Ottos Zweifel wachsen. Der Autobahntunnel bewegt sich pro Jahr um viele Zentimeter, muss immer wieder wegen Wassereinbrüchen saniert werden. "Gips ist wunderbar, um guten Württemberger Wein zu erhalten, aber als Baugrund völlig unzuverlässig", so Frei Ottos Urteil.
Kommentare (86)
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AUG
24
Hugo Spiess, 10:09 Uhr

Frei Otto

.. hoffentlich bleibt er noch lange gesund. Zeigt sich doch mal wieder, dass in der baubranche nicht nur Betonköpfe und Baukolonnen Soldaten unterwegs sind, mit Ihrem Kampfschrei, weiterso alles bleibt wie es war. Da zeigt Herr Otto wahre Größe, die vielen Anderen in der Branche mit dem sturen Blick auf das Portemonnai abgeht.

AUG
24
mainzelmännchen, 09:13 Uhr

Die besten Fachleute...

...der Welt hatten 15 Jahre Zeit, um sich Untergrundgedanken zu machen. Wohin sind die verschwunden? In welchem Sumpf der gegenseitigen Gefälligkeiten, Vorteilsnahmen und Abhängigkeiten sind die versandet?

AUG
24
volker s., 09:09 Uhr

Hanns-H. Kübler

Ich entnehme seinem Kommentar, dass ihm jemand in die Suppe gespuckt hat. Vielleicht ist es auch nicht die von Ihnen angesprochene Altersweisheit, vielleicht ist es auch Altersstarrsinn. Wer weiß das schon. Ja ich habe den Bericht über den Engelbergtunnel gelesen. Und jetzt? Es wurden Fehler gemacht. Genau wie in Staufen Fehler gemacht wurden. Nein, das Szenario ist nicht lustig. Wenn die Bauarbeiten richtig ausgeführt werden passiert das nicht. Auch das wurde schon oft bewiesen. Dass der ICE im Pulverdinger Tunnel feststeckte ist für die Fahrgäste nicht angenehm, kann aber passieren. Dies aber mit Kaprun zu vergleichen ist wieder mal eine dieser schamlosen Übertreibungen die gerne vorgebracht werden. In meiner Jugend haben wir gerne mal den Spruch gebracht: Wer arbeitet macht Fehler, vermeidet Fehler. Das ist der einzige Weg der den Menschen bleibt wenn sie Fehler vermeiden wollen. Nichts zu tun. Aber ob das besser ist??

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