Stuttgart 21 Nur der Opa bleibt zu Hause

Erik Raidt und Robin Szuttor, 27.08.2010 22:00 Uhr
Stuttgart - Der Ring rund um den Landtag wird immer enger. Kurz vor 21 Uhr haben tausende von Demonstranten längst die Bannmeile rund um das Parlament und damit auch eine unsichtbare Grenze überschritten. Im Restaurant Plenum sitzen einige Gäste im Inneren des Glasbaus und schütteln fassungslos die Köpfe. Sie blicken hinaus auf eine bunte Wand aus einigen zehntausend Gegnern des Projekts Stuttgart 21. Sie haben nicht nur den Landtag, sondern auch den Eckensee eingekreist. Viele von ihnen stehen direkt neben dem Landtag. Kurzfristig steigt die gefühlte Temperatur bei der Großdemonstration. "Mappus raus, Mappus raus!" brüllt eine Gruppe gegen den Ministerpräsidenten an, der nicht vor Ort ist. Als einige der Protestierenden einem Polizeipferd zu nahe kommen, gerät die Menschenmenge für einen Moment in Bewegung. Blitze aus Kameras erhellen die Szene, Blaulicht flackert von den Mannschaftwagen der Polizei an der Konrad Adenauer-Straße hinüber.

Die Einsatzkräfte verhalten sich in diesem Moment äußerst besonnen. Nach wenigen Minuten flaut die Erregung wieder ab. Jenseits dieses Brennpunkts beobachtet die Brenchers aus Stetten im Remstal das Geschehen vor dem Landtag. Der Tag hat für die Familie ganz harmonisch und ruhig begonnen: gegen zehn Uhr morgens sitzen Christine Brencher und ihre Kinder am Esstisch und basteln Protestschilder für die abendliche Demo. Die 13-jährige Luise hat mit Filzstiften einen Baum gemalt. "Nein, nein, nein", sagt er in einer Sprechblase. Und: "Aufhören mit dem Blödsinn". Ihre Zwillingsschwester Sophia hat den Pappkarton ihres Zeichenblocks geopfert, die fünfjährige Emilie bestreicht ihn mit Klebestift und klebt ein Blatt mit der Aufschrift "Für uns ist der Zug noch nicht abgefahren" darauf. Die Parole "Wir bezahlen eure Schulden nicht" ist schon mit Klarsichtfolie versehen, jetzt kommt eine Kordel drum, damit die Kinder das Schild als Halskette tragen können. Opa Hanspeter, 64, schreibt "Oben bleiben, oben bleiben". Dass der zweijährige Johann mit einem Zug spielt, ist Zufall und hat nichts mit Stuttgart 21 zu tun.

Der Drei-Generationen-Protest


Die Brenchers wollen am Abend mit drei Generationen anrücken. Vater Jeffrey, 40, kommt um fünf von der Arbeit, vespert noch was, und dann geht’s los. Opa Hanspeter, entschiedener S-21-Gegner, hat lange mit sich gekämpft und sich schließlich durchgerungen, statt zur Demo zur Generalprobe des Musikvereins zu gehen. Er spielt Flügelhorn, und am Wochenende ist großes Fest der Stettener Weingärtnergenossenschaft. "Da braucht man mich mehr als in Stuttgart", sagt er. Dafür schließt sich Oma Helga, 63, an – als Tiefbahnhofsgegnerin und als Mitaufpasserin für die Kinder. Nachdem sie auf dem Wochenmarkt ihre Äpfel und Kartoffeln verkauft hat, zieht sie sich um und geht rüber zur Tochter. Der Rucksack mit den Krachmachern ist schon gerichtet. Der muss mit. Ein Glöckchen ist drin, ein Tambourin, eine mit Steinen gefüllte Blechdose – und ein schützender Kopfhörer für die Kleinen. Dann die härteren Sachen: eine Vuvuzela in Deutschlandfarben und eine Holzrätsche von einem Wagnermeister aus dem Ort. Wertarbeit aus dem Remstal. Das Holzgerät misst fast einen Meter und beschallt, kräftig geschwungen, die gesamte Siedlung, in der die Straßen nach Trollinger und Silvaner benannt sind.

S-21-Gegner sind sie schon lange. Da herrscht Einigkeit in der Familie und im Freundeskreis. Beim Demonstrieren haben sie sich bisher zurückgehalten. Im Juni waren sie bei einer Protestveranstaltung im Schlosspark. Der Onkel machte da Musik. Ansonsten sind sie Neulinge: "Mir ist das zu viel, immer mit Kind und Kegel da hinzufahren", sagt Christine Brencher. "Aber ich will jetzt was machen." Am Donnerstag wurde sie von einem Bekannten angesprochen, ob sie zur Menschenkette kämen. Da sagte sie kurzentschlossen Ja. Die Organisatoren der Demonstration in Stuttgart zählen auf Familien wie die Brenchers. Ihre Rechnung ist einfach: Jeder, der auf die Straße geht, erhöht den Druck auf die Politiker. In einer Werbeagentur im Stuttgarter Süden klingelt am Freitagmittag des Großkampftags das Handy von Rainer Benz im Zehn-Minuten-Takt. Der 60-Jährige sitzt am Konferenztisch, er trägt eine khakifarbene Outdoorhose und ein Poloshirt. "Ja, Fritz, das machen wir. Nein Fritz, ich glaube, der Kulturmittwoch fällt aus." Bei Rainer Benz laufen an diesem Tag viele Fäden der Protestbewegung zusammen.

Werbeprofi als Multifunktionsmann der Protestbewegung


Benz ist einer der Köpfe des Aktionsbündnisses K21. Er ist derjenige, der den Kopfbahnhof zu einer Marke gemacht hat. Von seiner Agentur stammt das Logo der Aktivisten. "Lindgrün" erklärt Rainer Benz, "es sollte eine frische Farbe sein." Inzwischen hat das Lindgrün die ganze Stadt erobert. Rainer Benz lehnt sich zurück. Bis in die Nacht hinein hat er mit Künstlern telefoniert, die am Abend auftreten. Er ist noch ein wenig müde, der Protest geht nicht nur ihm an die Substanz. Wie lange die Bewegung durchhält, wird auch davon abhängen, wie gut sie mit ihren Kräften haushält. "Wir müssen immer wieder etwas Neues machen", sagt Rainer Benz. Da trifft es sich, dass seine Agentur auch Events organisiert. So ist der Werbeprofi zu einem Multifunktionsmann der Protestbewegung geworden. Er plant, wo die Bühne platziert wird, er entwickelt Ablaufpläne, in denen er festhält, wer wann und wie lange reden darf. Abends stellt er sich neben das Podium, streift sich eine Ordnerbinde über den Arm und wird ein Mann fürs Grobe. "Gerade machen wir im Büro fast nur Arbeit für den Protest", sagt er. Unentgeltlich.

"Es ist vor allem die Arroganz der Macht, die mich antreibt." Rainer Benz, Werber und Aktivist bei den Gegnern