Stuttgart 21 Schlossplatz grüßt Taksim

Von und Markus Heffner 

Die Kundgebung gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 auf dem Schlossplatz stand im Zeichen der Solidarität mit der Türkei. Bürgerbewegungen aus aller Welt tauschen sich über den Kampf gegen Großprojekte aus.

 Foto: Benjamin Beytekin 70 Bilder
Foto: Benjamin Beytekin

Stuttgart - Einen Moment war es still auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Auf der Tribüne wurde die Liveschaltung nach Istanbul angekündigt. Die ersten Worte von Martin Thoma, einem deutschen Filmemacher, der in der türkischen Hauptstadt lebt und sich im umkämpften Gezi-Park mit Aktivsten verabredet hat, lösen dann tosenden Applaus aus.

Allein die gespürte Anwesenheit der türkischen Aktivisten genügte offenbar. Denn das Interview von Martin Thoma war angesichts des Lärms im Gezi-Park und der Geräuschkulisse auf dem Stuttgarter Schlossplatz kaum verständlich. Es wurde schließlich abgebrochen. Die Stuttgarter Bewegung gegen den Bau des Tiefbahnhofs scheint in den Demonstranten vom Taksim-Platz neue Helden gefunden zu haben. Menschen tragen türkische Fahnen. Sie sind mit den bekannten Stuttgart-21-Aufklebern geschmückt. Auf Transparenten steht: „Wir grüßen die Wächter vom Gezi-Park“ oder „Stuttgart und Taksim – Hand in Hand“. Auch die Redner auf der Tribüne nehmen Bezug auf die Proteste in der Türkei, interpretieren sie als Zeichen des globalen Widerstandes gegen das, was sie d als „Prinzip Stuttgart 21“ bezeichnen.

Norbert Bongartz, Co-Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21, erklärt, was damit gemeint ist. „Die Politik setze im Interesse von Investoren Projekte durch, ohne Rücksicht auf die Interessen der Bürger und ohne ausreichenden demokratische Legitimation, sagt er. Er nennt als Beispiel für das „Prinzip Stuttgart 21“ neben der Auseinandersetzung um den Gezi-Park in Istanbul, auch das Fiasko des Flughafenbaus in Berlin und andere Infrastrukturprojekte in Deutschland.

Tatsächlich schildern dann auch auf der Tribüne Vertreter von Bürgerbewegungen aus Berlin, Frankfurt am Main, Hamburg, vom Oberrhein und dem italienischen Turin ihre Erfahrungen im Kampf gegen Großprojekte. Unter den von den Veranstaltern geschätzten 8000 Demonstranten (Die Polizei geht von circa 4000 Teilnehmern der Kundgebung aus) sind auch viele Türkeistämmige. Sie zeigen ihrerseits Solidarität mit der Protestbewegung gegen Stuttgart 21. Ihre Plakate wenden sich nicht nur gegen den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, sondern tragen auch die Botschaften der S-21-Gegner.

Niemand fühlt sich vereinnahmt

Offenbar scheint unter den Türkeistämmigen niemand das Gefühl zu haben, vereinnahmt zu werden. Gleichwohl richten sich die Proteste in der Türkei längst nicht nur gegen den Abriss der Bäume im Gezi-Park , sondern allgemein gegen den autoritären Politikstil der türkischen Regierung.

Auf dem Marktplatz haben laut Schätzungen der Polizei rund 500 Türken und Deutsche mit türkischen Wurzeln kurz vor der S-21-Kundgebung auf dem Schlossplatz demonstriert. Auch vor dem Rathaus mischen sich die beiden Gruppen. S-21-Plakate sind zu sehen zwischen den Transparenten mit dem Konterfei des türkischen Republikgründers Kemal Atatürk. Eine Organisatorin der Kundgebung, Mehtap Degirmencioglu freut sich über die Solidarität der Deutschen. Es gäbe viele Ähnlichkeiten zu der Auseinandersetzung in Stuttgart. „Aber natürlich geht es uns nicht allein um den Park, sondern um die gesamte politische Lage“, sagt sie. Doch genau das scheint die türkeistämmigen Stuttgarter Sympathisanten der Proteste in der Türkei mit den Bewegung gegen Stuttgart 21 gemeinsam zu haben.

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Re Jürgen Schwab 21.06. 23.55°°:Moderner Feudalismus?: In der Tat gleichen sich die symptomatischen Auswüchse unserer Zeit und die historisch unzweideutig zu belegenden Kennzeichen permissiver Gesellschaften wie des Feudalismus-aber nicht nur dessen- frapierend.Daß, wie im Beispiel S 21, auch noch Kerngedanken der angeblich eigenen Überzeugung pervertiert,weil diametral mißinterpretiert werden(Stichwort:"Wirtschaftlichkeit"),erscheint mir dekadent.Jeder der tatsächlich die Erhadt`sche soziale Marktwirtschaft ernst nimmt und verantwortlich für Mitarbeiter und Betrieb seriös arbeitet, muß sich ausgenommen vorkommen.Einem eigenverantwortlich wirtschaftenden Unternehmer wäre von ehrbaren Banken und seriösen Beratern längst die rote Karte in Richtung "Alpine(iieren)" gezeigt worden. Alter Demokrat, einer der Unternehmer-gegen-S21.

@Alter Demokrat-Ist unser System ein moderner Feudalismus?: Als Unternehmer wissen Sie natürlich, wie eine Wirtschaftssystem funktioniert, sonst wären Sie schnell pleite. Sie können auch nicht mehr Kredit aufnehmen, als Sie bedienen können. Aber bei uns sind Großkonzerne, Banken und Politik zu Komplizen geworden, die über Ihre Verhältnisse leben, und sich das Ganze von solide wirtschaftenden Unternehmern, wie Ihnen, und der arbeitenden Klasse bezahlen lassen über Steuern, Sozialabgaben, Fahrpreise etc. So etwas nennt man auch "Feudalismus". Untrennbar zum Feudalismus gehören Protzprojekte, die der normalen Bevölkerung kaum etwas oder nichts nützen, oft schaden. Früher waren es Schlösser und Burgen, heute sind es überflüssige Bahnhöfe, Konzerthäuser, Flughäfen etc. Ich muß sagen, die Protzprojekte der früheren Adligen, Könige etc. waren ästhetischer!

Klartext-Logik: Und eben weil dies Protestle gerade mal einer Handvoll ahnungsloser Lügner – der Rest wird ja vom linken Kartell nach Stuttgart gekarrt – derart bedeutungslos und uninteressant ist, werden Sie sich weiterhin Tag für Tag und sogar des Nachts genau mit so etwas beschäftigen und ihre Textbausteine wiederholen bis die Schwarte kracht, auf dass dem bestgeplanten Schrägtiefbahnhöfle aller Zeiten, dessen minimale Unwägbarkeiten und Mehrkosten, pardon: erweiterte Finanzierungsrähmchen nun wirklich nicht ins Gewicht fallen bzw. alte Hüte sind, nichts mehr im Wege stehe und alles gut werde. In Ihrer Haut stecken möchte ich allerdings nicht, sollten Sie dereinst aus solchen Tagträumen unsanft erwachen.

Re Jürgen Schwab 20.06. 20.42°°:Genau so sehe ich das auch: Ich kann mich Ihrer Analyse vollumfänglich anschließen. In Abwandlung eines Ihnen sicher bekannten politischen Buchtitels:"Die Restauration frißt Ihre Enkel". Alter Demokrat, einer der Unternehmer-gegen-S21.

S21 Alltag – wie denn: ohne GWM2, mit untauglichem Dükermurks, ohne geeigneten Untergrund, mit der Gleisneigung einer Gebirgsbahn, ohne Brandschutz, mit zu wenig Beton, ohne Chance, Terminpläne einhalten zu können, mit zuwenig Platz auf den Gleisen, ohne Durchfinanzierung

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