Stuttgart-Album Prosit Neujahr vor über 100 Jahren

Von Uwe Bogen 

Auf dem Neckar vergnügen sich Eisläufer, vor dem Rathaus steht eine Kutsche, und der Hirsch, der röhrt. Die einzigartigen Grußkarten, die aus der Sammlung von unserem Leser Wolfgang Müller stammen, zeigen, warauf man einst in Stuttgart stolz gewesen ist.

Stuttgarts Sehenswürdigkeiten von einst sind auf der Karte zum neuen Jahr 1903 zu sehen. Foto: Sammlung Wolfgang Müller 6 Bilder
Stuttgarts Sehenswürdigkeiten von einst sind auf der Karte zum neuen Jahr 1903 zu sehen. Foto: Sammlung Wolfgang Müller

Stuttgart - Prosit Neujahr! In welches Jahr es damals ging, zeigen vier große Zahlen, deren Rundungen mit den Fotos von Stuttgarter Sehenswürdigkeiten gefüllt sind: 1903.

„Herzlichen Glückwunsch zum neuen Jahr sendet Karl Zing“, steht unter der über ein Jahrhundert lang ausgedienten Jahreszahl 1903 in akkurater Sütterlin-Schrift. Damals durften Postkarten nur auf der Vorderseite beschrieben werden. Bis 1905 gehörte die Rückseite allein der Postadresse und der „Freimachung“, wie zu lesen war.

Etliche Generationen vor E-Mails und WhatsApp war die Postkarte das Massenkommunikationsmedium. Alte Grußkarten erzählen Geschichten. Wer die Fotos in den verzierten Zahlen der 1903er Karte des Herrn Zing genau betrachtet, erkennt, worauf Stuttgart damals sehr stolz war. Die Sehenswürdigkeiten also waren: Eugensbrunnen, Nachtwächterbrunnen, Johanneskirche (noch mit vollständiger Turmspitze), Schlossplatz – und das Interimstheater.

Interimstheater wurde im Oktober 1902 eröffnet

Was sich doch alles wiederholt: Zur Sanierung des Opernhauses muss bald ebenfalls eine Interimslösung her. Den Littmann-Bau gab es damals noch nicht. Im Januar 1902 war das Hoftheater, das sich an jener Stelle befand, auf dem heute der goldene Hirsch über dem Kunstgebäude thront, abgebrannt. In nur neun Monaten ließ König Wilhelm II. auf dem Platz des heutigen Landtags ein Ersatztheater bauen. Bis 1912 war das prächtige Provisorium die Heimat der Bühnenwelt, ehe das Doppeltheater nach den Plänen von Max Littmann fertig war – mit Großem Haus und Kleinem Haus.

Die Zeugnisse von einst, die uralten Grußkarten an das neue Jahr, stammen aus der einzigartigen Sammlung von unserem Leser Wolfgang Müller. Im Facebook-Forum unseres Geschichtsprojekts Stuttgart-Album erfreuen sich Zehntausende an der kleinen Serie der Prosit-Neujahr-Karten.

Schlitttschuhläufer auf dem Neckar bei der König-Karls-Brücke

Wir sehen das „neue Rathaus“ von Stuttgart, vor dem eine Pferdekutsche steht. Heute würde man es das „alte Rathaus“ nennen. „So ein schönes Rathaus hatte Stuttgart mal“, kommentiert Uwe Kienzle auf unserer Facebook-Seite. Ed Win findet: „Diese Fassade muss wieder hergestellt werden.“ Stefan Heinrichs hält dagegen: „Die würde heute wahrscheinlich zum gesamten Außenrum aus den 1950er Jahren leider überhaupt nicht mehr passen.“

Auf einer weiteren Karte sind Schlittschuhläufer zu sehen, die sich auf dem zugefrorenen Neckar bei der König-Karls-Brücke zwischen Stuttgart und Cannstatt vergnügen. Die gingen auf dem Postweg mit Glückwünschen zum neuen Jahr weit über die Stadt hinaus. „Gruß aus Stuttgart“ steht auf der Karte. Damit steht für Wulf Wager fest, von wann sie stammt. „Muss nach 1905 gewesen sein, denn da erfolgte der Zusammenschluss von Cannstatt und Stuttgart“, schreibt er in unserem Facebook-Forum, „sonst müsste es heißen ,Gruß aus Cannstatt’.“ Stimmt! Auf der Grußkarte mit dem winterlichen Neckar-Treiben ist der König-Olga-Bau in einem Kreis zu sehen, der befindet sich unweit des Schlossplatzes – also gewiss nicht in Cannstatt.

Die Bücher zur Serie „Stuttgart-Album“ gibt’s im Silberburg-Verlag

Gute Partien von früher. Wenn auf einer der historischen Karten erklärt wird, was zu sehen ist, wird meist die „Partie“ erwähnt – die „Partie am Schlossplatz“ etwa. Zeichnungen waren damals öfter zu sehen als Fotografien. Über die gemalten Bilder freut sich Wibke Wi. „Was für ein Aufwand“, schreibt sie in unserem Internetforum, „ich überlege gerade, wie lange die Künstler gebraucht haben, um solche Karten zu malen.“

Ein Jahr geht – und wir wünschen uns gegenseitig Glück. Denn das neue Jahr hat eine Chance verdient. Als Karl Zing zum Ende von 1902 seine Glückwünsche verschickte, ahnte er nicht, dass 1903 der Traum vom Fliegen wahr geworden ist. Den Brüdern Wright gelang im Dezember 1903 der erste motorgetriebene Flug. Jetzt geht das Jahr 2016. Was wird 2017 überraschend wahr?

Diskutieren Sie mit unter: www.facebook.com/Album.Stuttgart. Die Bücher zu unserer Stadtgeschichtsserie sind im Silberburg-Verlag erschienen.