Stuttgart-Album zum Weihnachtsmarkt Vom Staunen der Kinder nach dem Krieg

Von Uwe Bogen 

Wenn die Stuttgarter einst sagten, sie gingen „auf die Mess’“, war der Weihnachtsmarkt beim Rathaus gemeint. Die erste urkundliche Erwähnung des winterlichen Markttreibens geht auf das Jahr 1692 zurück. Unser Geschichtsprojekt Stuttgart-Album erinnert an die festliche Stimmung in früheren Zeiten.

Der Weihnachtsmarkt in Stuttgart hieß einst Weihnachtsmesse: Briefmarke von 1912. Foto: Wolfgang Müller 9 Bilder
Der Weihnachtsmarkt in Stuttgart hieß einst Weihnachtsmesse: Briefmarke von 1912. Foto: Wolfgang Müller

Stuttgart - Auf der Briefmarke von 1912 ist’s deutlich zu lesen. „Weihnachts-Messe Stuttgart“ steht da drauf. Von Wolfgang Müller, einem Mitglied des Beirats des Stadtmuseums, haben wir dieses mehr als 100 Jahre alte Dokument erhalten. Es zeigt, dass der Weihnachtsmarkt lange Zeit Weihnachtsmesse hieß. Man freute sich „auf die Mess’“ – auch noch Jahrzehnte später, als sich der offizielle Begriff geändert hatte.

„Solange ich denken kann, sind wir zur ,Messe‘ gegangen“, schreibt Gusti Schäfer im Facebook-Forum unseres Stuttgart-Albums, „die Bezeichnung Weihnachtsmarkt kam erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf.“ Unsere Leserin erinnert sich an „unterschiedliche Ständchen und Marktbuden“. Manche hätten nur einen Tisch mit Lebkuchen, Bonbonketten, Magenbrot gehabt. „Wir Kinder waren voller Vorfreude auf das Weihnachtsfest“, erzählt Gusti Schäfer, „meist kaufte mir die Mama einen viereckigen Lebkuchen mit Mandeln.“ Den habe sie „wie einen Schatz“ nach Hause getragen. „Unser Weg war nicht weit, bis zum Wilhelmsbau. Daheim ließ ich mir – zu Tee oder Milch – meinen Lebkuchen schmecken.“

Einst war der Weihnachtsmarkt ein Viehmarkt

Adventslichter funkeln, Weihnachtsmänner sind zur Parade arrangiert, Glühwein, das saisonale Nationalgetränk, duftet von jeder Ecke. Wer diese Bilder vor Augen hat, spürt starke Gefühle seiner Kindheit. Auf unserer Facebook-Seite beschreibt sie Gisela Salzer-Bothe: „Der Geruch! Die Lichter! Staunen! Früher habe ich mich amüsiert, wenn die Väter an der Ecke zum Spielwaren Kurz standen und die Eisenbahn bewunderten. Die Kinder mussten förmlich bitten und drängen, dass sie mal vorne auch was sehen konnten.“ Der Weihnachtsmarkt sei nach dem Krieg „ein einziges Staunen für uns Kinder“ gewesen. „Oben an der Königstraße waren bei Union im Schaufenster Figuren, zum Teil aus Märchen, die sich bewegten“, hat sie des Weiteren notiert.

Der Stuttgarter Weihnachtsmarkt ist nicht nur einer der schönsten und größten Weihnachtsmärkte Europas, sondern auch einer der ältesten. Seine erste urkundliche Erwähnung geht auf 1692 zurück. Einst war er ein Jahrmarkt im Herbst mit Seiltänzern, Zauberern, Gauklern, Spaßmachern und Tierdressuren – und er war ein Viehmarkt. Im Jahr 1811 ist der Herbstmarkt eingestellt worden – daraufhin begann der Weihnachtsmarkt früher und wuchs weiter. Vieh verkaufte man nicht mehr, als die „Schwäbische Kronik“ 1835 den Markt beschrieb: „Die Händler kommen von weit her, wie der türkische Handelsmann Raubenmajor aus Belgrad. Angeboten werden Stoffe aller Art, türkische Schlafröcke, Damenbeinkleider, Strümpfe, Galoschen, seidene Damenhüte, superfeine und ordinäre Hemden, Zivil- und Militärkrawatten, Parfümerien, Haaröl, Hautpomade, englische Nähnadeln, holländische Waffeln, Nürnberger Lebkuchen und Basler Konfekt, Händler Hoffmann aus Hamburg bietet seine marinierten Heringe, neue Sardellen und echte Vanille an.“ Bis in die 1970er war das Treiben auf den Marktplatz beschränkt. Da standen Klapptische mit Planen als Dach. Der neue Marktleiter Lothar Breitkreuz wollte mehr daraus machen. Die alten Stände wurden durch einheitliche Holzbuden mit aufwendiger und glanzvoller Dekoration ersetzt. Der neue Budenzauber vor der Kulisse der Stiftskriche hat den Tourismus beflügelt.

Eine „Schweizer Spielhalle“ auf dem Markt im Jahr 1949

Schweizer kamen nicht erst seit dieser romantischen und glitzernden Aufwertung. Wer das Foto von 1949 im Stuttgart-Album betrachtet, sieht nicht nur den Rathausturm unverbaut in die Höhe gestreckt, sondern eine Menschenansammlung vor einem Stand, an dem „Schweizer Spielhalle“ steht.

Früher in den 1970ern, so hört man bei Händlern, sei’s „familiärer“ geworden. Heute ist die Konkurrenz bei 285 Ständen groß. Bis zu vier Millionen Besucher werden erwartet. Erstmals dürfen sie freitags und samstag bis 22 Uhr bleiben. Von der „Mess’“ redet keiner mehr. Sonst wär’ klar, was der Renner ist: Messglühwein.

Diskutieren Sie mit unter www.facebook.com/Album.Stuttgart. Im Silberburg-Verlag gibt’s zwei Bücher zu unserer Geschichtsserie „Stuttgart-Album“.