Stuttgart Brasilianische Ureinwohner besuchen Linden-Museum

Von Sara Maria Behbehani 

Im Stuttgarter Linden-Museum befinden sich die ältesten noch existierenden Objekte der Pataxó, einer indigenen Gruppe aus Brasilien. Ihre Vertreter sind jetzt nach Stuttgart gekommen.

Mit dem Giftpfeil in der Hand: Raoni Braz Vieira im Stuttgarter Lindenmuseum Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Mit dem Giftpfeil in der Hand: Raoni Braz Vieira im Stuttgarter Lindenmuseum Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Die Atmosphäre im kleinen Nebenzimmer des Stuttgarter Linden-Museums lässt den Besucher für einen Moment das Draußen vergessen. Wo eben noch Straßenlärm und Alltag waren, ist auf einmal Stille. In diesem leeren Raum sitzen die beiden Vertreter der Pataxó an einem Tisch und halten die ältesten noch existierenden Objekte ihrer Ahnen in Händen. Nichts an ihren Bewegungen ist unüberlegt oder hektisch. Sie sprechen ruhig und bedächtig miteinander, so dass sie kaum zu hören sind. Aber es ist nicht nur die Stille in diesem Raum, die eine tiefe Ruhe einkehren lässt, sondern auch die Anmut, die Maria das Neves da Conceição Alves dos Santos, bekannt unter dem Namen Nitynawa, und Raoni Braz Vieira ausstrahlen.

Sie gehören zu der indigenen brasilianischen Gruppe der Pataxó, deren erste Zeugnisse aus dem 16. Jahrhundert stammen, wobei ihre Kultur sehr viel älter sein dürfte. Ihre Dörfer, wo heute ungefähr 1500 Menschen leben, liegen im Süden des Bundesstaats Bahia und sind Neugründungen, da die Pataxó in den 1950er Jahren Opfer von Massenmorden und Vertreibung wurden und in das Innere der Regenwälder fliehen mussten. Erst nach und nach fanden sie wieder zusammen und leben heute autonom von Fischerei, Jagd und Tourismus.

Die Pfeile sind noch giftig

Die fünfzehn Objekte, unter denen sich Umhängetaschen, Amulette, Halsketten, Rasseln und zwei noch immer giftige Pfeile befinden und die vor Nitynawa und Raoni liegen, gehören zur Ausstattung von zwei Jägern ihres Stammes. 1816 nahm der deutsche Forschungsreisende Prinz Maximilian zu Wied diese Stücke von einer Brasilien-Expedition mit nach Hause. Sich diese Sachen nun anzusehen, ist Teil eines seit zwei Jahren laufenden Projekts, dessen Ziel es ist, die verloren gegangene Kultur der Pataxó zu erforschen. Mit den bei der Firma Robert Bosch vorhanden Tagebüchern des Prinzen ist es Nitynawa und Raoni möglich, diese einzigartige Sammlung zu untersuchen. Begleitet werden sie von den Ethnologen Thiago Mota Cardoso.

Mit den Objekten in ihren Händen, sagt Nitynawa, könne sie die spirituelle Verbindung zu ihren Ahnen wieder aufnehmen. Auch für Raoni spielt der Geist der Ahnen in den Dingen eine besondere Rolle, weshalb er die Ausstellung von Stücken, die während der Kolonialzeit nach Europa gebracht wurden, auch mit Skepsis betrachtet. Die Verbindung auf spiritueller Ebene zwischen dem Menschen und den Dingen werde gebrochen, weshalb viele Ethnien die Dinge, die einmal ihnen gehörten, zurückfordern. Dennoch ist es für Raoni auch ein Geschenk, dass die Dinge, die ihm die Möglichkeit geben, von seiner Herkunft und Identität zu erzählen, im Stuttgarter Museum aufbewahrt wurden.

Gemeinsame Forschungsarbeiten

Weil sich die Pataxó im Prozess einer Neuordnung befinden, ist ihnen die Begegnung in Stuttgart wichtig. Sie steht nicht unter kritischen Vorzeichen, zumal der Prinz zu Wied damals als Forscher kam, nicht als Kolonialmacht. Und auch Nitynawa und Raoni sind als Erforscher ihrer Kultur gekommen. All das, was sie sehen, ist neu für sie – und von einer Bereicherung spricht auch die Lateinamerika-Referentin des Linden-Museums: „Auch wir lernen viel“, sagt Doris Kurella, „so ein Aufenthalt ist für beide Seiten ungeheuer inspirierend. Wir wollen immer wieder Menschen aus den Ursprungsgesellschaften in unser Haus einladen und gemeinsam die Sammlung erforschen.“

Am 4. Oktober kehren Nitynawa und Raoni nach Brasilien zurück. Ein Teil ihrer Geschichte konnte ihnen in Stuttgart zurück gegeben werden.