Stuttgart-Degerloch Anwohner sorgen sich wegen Rissen in der Terrasse

Von Tilman Baur 

Ein Spalt zwischen Terrasse und Hauswand, Risse an der Fassade – das Ehepaar Therrien in Stuttgart-Degerloch stellt Veränderungen an seinem Haus fest. Die beiden haben einen Verdacht, aber keine Beweise: die Bauarbeiten der Bahn im Untergrund.

François Therrien deutet auf Risse in seiner Terrasse. Foto: Tilman Baur
François Therrien deutet auf Risse in seiner Terrasse. Foto: Tilman Baur

Degerloch - Vor fast 15 Jahren fing alles an. Im Juli 2002 habe die Bahn erstmals sogenannte Erkundungsbohrungen für den Fildertunnel an seiner Straße In der Falterau durchgeführt, erzählt François Therrien. Erste Veränderungen an seinem denkmalgeschützten, 1911 erbauten Haus bemerkte er ein Jahr später, im Jahrhundertsommer 2003. Im oberen Teil der Falterau standen Pumpversuche an. „Das Grundwasser ist da tagelang die Straße runtergeflossen“, sagt er.

Die von jenen Pumpversuchen ausgelösten Druckveränderungen in Verbindung mit dem außergewöhnlich trockenen Sommer hätten dazu geführt, dass sich seine Terrasse langsam vom Haus gelöst hat, vermutet Therrien. Er deutet auf die zwei Finger breite Stelle zwischen Fassade und Terrasse. Notdürftig hat er die entstandene Lücke damals mit Zement flicken lassen. Ob er sicher ist, dass die Bohrungen dafür verantwortlich sind? „Ich kann es mir nicht anders erklären“, sagt Therrien. Einem Nachbarn zwei Häuser weiter sei damals genau das Gleiche passiert. Alles nur Zufall? Therrien fällt es schwer, das zu glauben.

Das Projekt Stuttgart 21 sei ihm eigentlich recht egal

Doch protestieren wollte er zunächst nicht, obwohl er 3000 Euro in Stützen investiert habe, die die Terrasse seitdem von unten stabilisieren. Ohnehin sei er kein Querulant. Stuttgart 21 interessiere ihn gar nicht besonders. Der 68-Jährige habe Besseres in seiner Freizeit zu tun, als sich damit zu beschäftigen, was 200 Meter unter der Erde passiert. Die Umstände machen ihm die Sache aber nicht leichter, und schließlich wurden er und seine Frau aktiv.

Als die beiden im vergangenen Oktober aus dem Kanada-Urlaub nach Degerloch zurückkehrten – Therrien stammt aus Québec – entdeckten sie Risse an der Fassade. Feine Haarrisse, kaum sichtbar die einen, deutlich erkennbar andere. Diesmal schien der Zusammenhang noch klarer, denn seit Frühjahr hatte die Bahn begonnen, in Degerloch die Weströhre des Fildertunnels vorzutreiben, was Sprengungen nötig machte. Jemand von der Bahn solle vorbeikommen, forderte Therrien, und sich die Sache selbst ansehen.

Die Antwort der Bahn fiel ernüchternd aus. Die Messwerte würden eingehalten, eine Auswirkung auf sein Haus sei unmöglich, argumentierte die Versicherung des Unternehmens schriftlich. Vor ein paar Wochen kamen dann schließlich doch zwei Vertreter der Bahn zu den Therriens, darunter auch Andreas Dörfel. Der Teamleiter des Bauabschnitts hatte den Besuch in der April-Sitzung des Bezirksbeirats zugesagt, nachdem Therrien sein Anliegen dargelegt hatte. Nett und freundlich sei er gewesen. Die Auswirkungen der Sprengungen aufs Haus habe er gleichwohl abgestritten. Die Grenzwerte würden eingehalten, wiederholte er das Mantra der Bahn.

Der Degerlocher hat selbst zwei Gutachter angeheuert

François Therrien wertet es dennoch als wichtiges Zeichen, dass sich die Bahn hat bei ihm blicken lassen und sich die Sache mit eigenen Augen angesehen hat. „Wenn jetzt noch etwas passiert, können sie nicht sagen, von nichts gewusst zu haben.“ Zwei unabhängige Gutachter hat er selbst angeheuert, um Veränderungen am Haus zu dokumentieren. Mehrere hundert Euro Honorar hat er dafür bezahlt. Zwei volle Leitz-Ordner mit ausgedruckten E-Mails, Messungsdokumenten, Grafiken der unter Degerloch verlaufenden Gesteinsschichten und vielem mehr hat er gesammelt.

Denn sicher sei keineswegs, dass die Sache glimpflich ausgehe. „Mit der Weströhre sind sie fertig, aber die Sprengungen für die Oströhre stehen noch an“, sagt Therrien. Seiner Frau graut es davor. „Vier- bis achtmal am Tag kommt dieses Grollen. Die Vibrationen spürt man auch jedes Mal“, sagt Elke Therrien. Als Rentner sei das aushaltbar. „Aber für Berufstätige muss das schlimm sein.“ Mehrmals, beteuern beide, seien sie nachts wegen der Sprengungen aufgewacht. Seit deren Beginn vor einem Jahr haben die beiden ihr Haus noch genauer im Blick. Die Sache beschäftigt sie zu sehr. Dabei wollen die Therriens eigentlich nur ihre Ruhe haben. „Wir wollen kein Geschiss, und wir wollen auch nicht von der Sache profitieren“, sagt er.

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