Stuttgart Heftige Proteste gegen Ehrung von Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit

Von dpa/lsw 

Etwa 70 Demonstranten, organisiert von der Jungen Union, beschimpfen die Gäste vor dem Neuen Schloss in Stuttgart - Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit wird dort der Theodor-Heuss-Preis verliehen. Der 68-Jährige bricht während seiner Dankesrede in Tränen aus.

Etwa 70 Demonstranten, organisiert von der Jungen Union, beschimpfen die Gäste vor dem Neuen Schloss in Stuttgart - Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit wird dort der Theodor-Heuss-Preis verliehen. Der 68-Jährige bricht während seiner Dankesrede in Tränen aus.  Foto: dpa 21 Bilder
Etwa 70 Demonstranten, organisiert von der Jungen Union, beschimpfen die Gäste vor dem Neuen Schloss in Stuttgart - Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit wird dort der Theodor-Heuss-Preis verliehen. Der 68-Jährige bricht während seiner Dankesrede in Tränen aus. Foto: dpa

Stuttgart - Es war eine emotionale Preisverleihung im Stuttgarter Neuen Schloss: Der dort geehrte Träger des diesjährigen Theodor-Heuss-Preises, der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit, brach während seiner Dankesrede in Tränen aus. In seiner Stellungnahme zu den Vorwürfen, er habe sich an Kindern vergangen, schilderte er auch seine Kindheit, die vom frühen Tod von Vater und Mutter geprägt war. Bei der Erinnerung an diesen Verlust kam der 68-Jährige ins Stocken.

Der langjährige Europa-Abgeordnete Cohn-Bendit wurde in Stuttgart für seine Verdienste um die deutsch-französischen Beziehungen und um die Demokratie gewürdigt. Vor dem Gebäude herrschten Wut und Empörung: Etwa 70 Demonstranten, organisiert von der Jungen Union, beschimpften die Gäste der Veranstaltung mit „Schämt Euch“-Rufen. Der Grund: Cohn-Bendit, einst in Frankfurter Kinderläden tätig, hatte sich in den 70er und 80er Jahren über Intimitäten mit Kindern geäußert. Auf den Plakaten der Protestierenden war zu lesen: „Heuss-Preis für Kinder-Sex“, „Missbrauch darf nicht salonfähig werden“ und „So nicht Herr Kretschmann“.

Denn neben Cohn-Bendit war auch dessen alter Grünen-Freund, Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, ins Visier der Opposition im Stuttgarter Landtag geraten. Kretschmann widersetzte sich deren wiederholter Aufforderung, von seinem geplanten Grußwort Abstand zu nehmen. Er argumentierte, Cohn-Bendits Äußerungen seien zwar unerträglich, doch bestehe ein Unterschied zwischen Worten und Taten. Daraufhin warfen ihm Liberale und Christdemokraten vor, Kindesmissbrauch zu verharmlosen und die Opfer zu verhöhnen.

Nicht nur die grün-rote Koalition im Südwesten wittert dahinter eine Kampagne, die aus wahltaktischen Gründen angezettelt wurde, um den populären grünen Landesvater zu diskreditieren. Der Laudator Cohn-Bendits, der Schweizer Publizist Roger de Weck, warnte vor Verleumdungen und davor, dass „Hass salonfähig“ werde.

"Vergeben bezieht sich nur auf Personen, niemals auf die Sache"

Auch der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) scherte sich nicht darum, dass liberale Mitglieder des Bundestages und des Landtages die Veranstaltung boykottierten. Er sei gerade deshalb gekommen. Denn: „Man muss die Größe haben, einen politischen Konkurrenten zu ehren.“ Das Verhalten seiner Parteifreunde sei „Wahlkampf auf dem Rücken der Theodor-Heuss-Stiftung“. Der Protest draußen vor dem Schloss sei „unglaublich“.

Kretschmann warb in seiner Rede um Vergebung für Irrtümer und Fehler. Er teile die Meinung seiner Lieblings-Denkerin Hannah Arendt: „Vergeben bezieht sich nur auf Personen, niemals auf die Sache.“ Demnach seien Cohn-Bendits Äußerungen inakzeptabel und würden ihn sein Leben lang verfolgen, aber seine Person könne dennoch geehrt werden. Der gläubige Katholik betonte: „Verzeihung gibt die Chance, immer wieder neu anfangen zu können.“

Und Kretschmann erinnerte auch an den Namensgeber der Stiftung, Theodor Heuss. Dieser habe dem Ermächtigungsgesetz der Nazis zugestimmt, sei aber als Bundespräsident ein Glücksfall für die Bundesrepublik Deutschland gewesen. Sein Ja zur Machtübernahme der Nazis von 1933 sei nicht auszumerzen, aber dennoch sei er für seine späteren Leistungen zu würdigen.

Draußen im Regen machte sich ein ehemaliger Schüler der durch Missbrauchsskandale in Verruf geratenen Odenwaldschule auf den Heimweg. Anders als die Gäste im Schloss kann er nicht vergeben und vergessen. Denn der 53-Jährige ist Opfer der Übergriffe von Pädagogen an der früheren Reformschule geworden und protestierte mit dem Banner „Die Odenwaldschule lässt grüßen“ gegen die Auszeichnung. „Das ist schon eine Verletzung“, sagte er mit Blick auf die Ehrung des Grünen-Politikers. „Das, was er beschrieben hat, habe ich selbst sieben Jahr lang in der Odenwaldschule erlebt. Davon habe ich mich nie erholt."

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64 KommentareKommentar schreiben

Alter Demokrat: Sie übersehen dabei geflissentlich, dass sich Cohn-Bendit SELBST bezichtigt hat - niemand sonst - und das mehrfach: in seinem Buch, in Interviews, im Fernsehen.....

Re Yvonne de Frey 22.04. 16.37°°:Staatsbürgerpflichten: Ich für meinen Teil solidarisiere mich mit dem Rechtstaat und nicht für eine Person. Und bin entschlossen dagegen, daß der Straftatbestand der Verleumdung aufgrund unbewiesener Unterstellungen('C.-B.=Kinderschänder') durch anonyme Hetzer wieder zum Mittel der politischen Auseinandersetzung wird in Deutschland.Das gilt für alle Politikfelder, Infrastrukturfehlplanungen eingeschlossen. Alter Demokrat, einer der Unternehmer-gegen-S21.

S21-Gegner für Cohn-Bendit?: Das Forum hier treibt schon mächtig Blüten. Jetzt solidarisieren sich die S21-Hardcore-Gegner schon mit dem grünen Parlamentarier Cohn-Bendit. War dessen Verhalten etwa genauso heroisch wie das der Demonstranten am Bahnhof?

@Freilich: Vertuscher.: Anstatt sich um angebliche Jungunionisten und Rentner zu sorgen, die ehrlich und offen ihre Meinung zum Skandal sagen, sollte der grüne Lobhudler Freilich sich lieber mal mit den Verfehlungen seines Parteifreunds Cohn-Bendit und den Opfern beschäftigen.

Heucheleischaulauf.: Bei aller meiner Antipathie gegen Cohn-Bendit (aber in erster Linie wegen anderer Sachen), ist es schon lustig, wie die JU sich genau der gleichen Waffen bedient, wie ihre „randalierende“ Gegner. Wie müssen sich aber diese anständigen Bürger beherrscht haben, als es um die Missbrauchsfälle in der Kirche oder um Herrn Fajfr, bzw. seinen Paten Föll ging? Und die Medien stürzen sich auf die Geschichte, als ob sich der Schwarze Donnerstag wieder anbahnt. Was sind schon über tausend Montagsdemonstranten, wenn die JU mit ihren 70 Mannen aufmarschiert! Das kommt dann beim SWR in den Hauptnachrichten! Stuttgart in Aufruhr! Seltsamerweise wird auf den fotografisch dokumentierten Tumult (siehe die Fotostrecke) in keinem der Presseorgane eingegangen.

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