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Stuttgart in der Finanzklemme Bädern droht Schließung

Jörg Nauke, vom 08.03.2010 18:23 Uhr
Im Mineralbad Berg wird aus Geldmangel erst von acht Uhr an geschwommen. Foto: Rudel
Im Mineralbad Berg wird aus Geldmangel erst von acht Uhr an geschwommen. Foto: Rudel
Früher Vogel fängt den Wurm, sagt sich eine überschaubare Anzahl von Mineralbadfans, die bereits morgens um sechs ihre Bahnen zieht. Das ist aus Kostengründen nun aber nur noch im Leuze möglich. Das Mineralbad Berg öffnet erst um acht Uhr. Das ärgert die Frühaufsteher, spart aber 54.000 Euro; insgesamt muss sich der Bäderbetrieb mit 610.000 Euro an den Sparbemühungen der Verwaltung beteiligen.

Die Grünen haben diesen Beschluss im Bäderausschuss hinterfragt. Die Bäderchefin Anke Senne-Bunn solle Alternativen prüfen, etwa, ob sich die Gäste zu einem Verein zusammenschließen könnten, der morgens die Schlüsselgewalt bekäme. Ein höherer Eintrittspreis steht zur Debatte und die Möglichkeit, das Bad montags zuzulassen, um an den anderen Tagen wieder um sechs Uhr zu öffnen.

Besucherzahlen sind zurückgegangen


Die Frühbader sind jedoch das geringste Probleme des städtischen Bäderbetriebs. Das Rechnungsprüfungsamt hat einen "dringenden Handlungsbedarf" beschrieben. Sinkenden Besucherzahlen stehe ein enormer Sanierungs- und Investitionsstau gegenüber. Es gebe zudem "kein Konzept zur weiteren Betriebsentwicklung".

Im vergangenen Jahr sind die Besucherzahlen in den Hallenbädern deutlich zurückgegangen. Der Erste Bürgermeister Michael Föll (CDU) hält die Statistik allerdings für wenig aussagekräftig. Zwar kamen ins alte, unattraktive Sonnenberger Hallenbad 12000 Gäste weniger (minus 5,2 Prozent), die übrigen Rückgänge ließen sich aber meist mit umbaubedingten Schließungen oder mit inakzeptablem Baulärm begründen. So waren das Leo-Vetter-Bad sowie die Hallenbäder in Bad Cannstatt und Plieningen lange Zeit geschlossen, im Leuze bleiben die Leute wegen des Lärms auf den Baustellen der "Winzersauna" und der Abwasseaufbereitungsanlage weg. Im Mineralbad Cannstatt werden die Becken wegen der Quellensanierung derzeit mit gewöhnlichem Wasser gefüllt. Das wirkt offenbar abschreckend.

Die Forderung von FDP-Stadtrat Bernd Klingler nach einem neuen Bäderkonzept wies Föll zurück, er habe schließlich eines. Dies sehe ein wohnortnahes Angebot für Schulen und Vereine vor, ergänzt durch die Mineralbäder fürs allgemeine Publikum. Von der Anregung der Rechnungsprüfer, Bäder ersatzlos zu schließen, hält er nichts; die Aussagen seien von wenig Sachversand geprägt. Grundsätzlich kann sich Föll aber sehr wohl Bäderschließungen vorstellen – vorausgesetzt, es werde Ersatz geschaffen. Bad Cannstatt und Feuerbach könnten offenbar abgerissen und die Grundstücke vermarktet werden; außerdem soll die Traglufthalle im Inselbad ausgedient haben. Als Ausgleich steht der Bau eines Sportbades mit 50-Meter-Becken zur Disposition.

Bürgermeister Murawski bereitet sich auf nächste Sparliste vor


Dieses Konzept lässt aber den Umstand unberücksichtigt, dass die Stadt mindestens 4,5 Millionen Euro im laufenden Betrieb sparen muss. Sowohl Föll als auch OB Schuster erwecken im Rathaus zwar den Eindruck, die Kassenlage werde sich rasch verbessern. Bürgermeister Klaus-Peter Murawski bestreitet das und bereitet die nächste Sparliste vor. Der Grünen-Beigeordnete schlägt dabei die Schließung des Höhenfreibads Killesberg und die Bebauung des Areals vor. Murawski erklärt, die Schließung wäre obsolet, falls der Gemeinderat die Kulturförderabgabe einführe, die Hotelgäste bezahlen müssten. Er begründet dies damit, dass Hoteliers nur noch den reduzierten Mehrwertsteuersatz auf Übernachtungen bezahlen müssten.

Föll ist strikt gegen diese "Bettensteuer". Er hat deshalb kürzlich die Fraktionsvorsitzenden über die "erheblichen Bedenken" des Städtetags informiert und dass in dieser Frage "bislang keine höchstrichterliche Rechtsprechung vorliegt". Murawskis Experten sehen dies ganz anders.
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Kommentare (23)
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MRZ
09
19:11 Uhr, geschrieben von Stuttgarter
@ Eingebürgerter Schwabe
Lieber Polemisierer! Die Stadt hat Rücklagen für S21 bilden müsse und hat bereits in der Vergangenheit 459 Millionen für S21-Grundstücke ausgegeben. Und sie wird in der Zukunft weitere Ausgaben für S21 tätigen! In der Summe sind das, je nach Rechnung, bis zu 1,2 Milliarden Euro. Für die Sanierung des kontaminierten Bodens an der Nordseite des Hauptbahnhofs soll die Stadt auch noch zahlen. Und für die angeblich 5000 ausgewachsenen Bäume soll sie auch zahlen. Unser visionäres Schusterle hat also schon jetzt etliche hundert Millionen für diesen Schrotrt vergraben. Und will noch mehr dafür vergraben. Mir graust, wenn ich an die versifften und heruntergekommenen Schulen denke, an Bäderscghließungen, an Streichungen bei der VHS und Bibliotheken und und und...
MRZ
09
13:27 Uhr, geschrieben von Bordstein
Investitionsstau
Das Problem liegt nicht in der Gegenwart (letzte 2-3 Jahre), sondern in der Vergangenheit. Als es Stuttgart finanziell noch gut ging hat man es versäumt, die Infrastruktur inklusive der Bäder und Schulen auf dem Laufenden zu halten. Statt dessen war es wichtiger über so unnötige Dinge wie den "Deckel" nachzudenken und dafür Geld (für Planung und Wettbewerb) zum Fenster raus zu werfen. Im Stuttgarter Gemeinderat ist immer wieder festzustellen, dass der Bestand und dessen Erhalt nichts wert ist, dafür aber alles Neue bejubelt wird. (Und das ist NICHT auf S21 bezogen sondern ganz allgemein!) Oft genug waren hinterher die Gesichter lang, weil man sich das alles gaaaaanz anders vorgestellt hat. Die Straßen sind teilweise in einem erbärmlichen Zustand, die Bäder und Schulen sind heruntergekommen, öffentliche Gebäude und Einrichtungen verfallen zusehends. Stuttgart ging es in den letzten Jahren finanziell gut. Man fragt sich, wofür das ganze Geld ausgegeben wurde. Sparen und Schulden abbauen ist eine sinnvolle Aufgabe, aber ganz offensichtlich wurden darüber mindestens ebenso wichtige und sinnvolle Investitionen verschlafen!
MRZ
09
13:01 Uhr, geschrieben von sk
Schuldzuweisungen
Na ja, jetzt bremsen Sie sich aber bitte ein mit Ihrer Schuldzuweisung, dass die Grünen alleinschuld sind. Sie sind es nicht allein, auch die anderen Parteien haben ihren Teil dazu beigetragen. Da darf man die Hand nicht rumdrehen. Die Finanz- und Wirtschaftskrise (die ja aus völlig heiterem Himmel aus USA über uns hereingebrochen ist) ist ein Problem. Aber anstatt die Verursacher zur Kasse zu bitten, geschweige denn diesen Daumenschrauben anzulegen, lässt man sie weiterzocken und das Volk bezahlt diese Krise in der Erwartung, dass das Volk auch die nächste Krise (die sich anbahnt) bezahlt. Auf den ersten Blick ist das von S21 völlig unabhängig. Nur: S21 wird deutlich teurer werden und die Verursacher werden dann auch nicht zur Verantwortung gezogen. Was bleibt ist der Griff in die Börsen der Bevölkerung bzw. es werden halt viele Dinge einfach gestrichen. Ist auch ok, wenn ich mir überlege, dass in einem gesunden Köper ein gesunder Geist wohnt, sollte man tunlichst dafür Sorge tragen, dass dieser verblödet -also weg mit Sportstätten, weg mit Kultur. Wachstum, Wachstum und nochmals Wachstum. Dazu benötigt man Arbeitssklaven (möglichst schmerz- bzw. anspruchsbefreit). Und man schlägt damit eine weitere Klappe: Unsere Kinder und Jugendliche verdummen dann schneller weiter höher und hauen sich gegenseitig um. Mit etwas Glück geht die Rechnung ja langfristig auf: Die Rentenzahlungen entfallen.
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