Möhringen und Vaihingen Stuttgarter Tunnel werden für Tauben zur Todesfalle

Von  

Im Oktober wurden im Hengstäcker- und Österfeldtunnel Netze angebracht. Taubenschützer sorgen sich um den Verbleib der Jungtiere. Die Stadt und die ausführende Firma wollen die Situation vor Ort noch einmal prüfen.

Netze an den Kabelkanälen unter der Tunneldecke sollen das Brüten dort verhindern. Doch in den Maschen haben sich bereits Tiere stranguliert. Foto: privat
Netze an den Kabelkanälen unter der Tunneldecke sollen das Brüten dort verhindern. Doch in den Maschen haben sich bereits Tiere stranguliert. Foto: privat

Vaihingen/Möhringen - Für den gefiederten Zeitgenossen kam jede Hilfe zu spät. Er hatte sich in den Maschen des Netzes verfangen und stranguliert. „Als ich die Taube gefunden hatte, lebte sie noch. Ich habe den Tiernotdienst gerufen. Bis die Mitarbeiter kamen, war sie bereits tot“, erzählt Thomas Porada. Er hatte das Tier hinter den Netzen unter der Decke am Eingang des Hengstäckertunnels entdeckt. Über das Schicksal einer zweiten Taube, die er ebenfalls hinter dem Netz gesehen hatte, ist nichts bekannt. Porada vermutet, dass auch sie tot ist, vielleicht hat sie sich ebenfalls stranguliert, vielleicht ist sie verhungert, weil der Weg nach draußen versperrt war.

„Ich bin kein militanter Tierschützer. Aber ich kann nicht einfach wegschauen, wenn Menschen oder Tiere in Not sind“, sagt Porada. Für die Stuttgarter Stadttauben setzt er sich seit fast zwei Jahrzehnten ein. „Leider interessieren diese Tiere so gut wie niemanden“, sagt Porada. „Ich und meine Mitstreiter kämpfen für Lebewesen, die für die meisten Leute nur Müll sind.“

Kanäle sind kein geeigneter Nistplatz für Tauben

Die Netze wurden Mitte Oktober im Rahmen von Reinigungsarbeiten über die Kabelkanäle im Hengstäcker- und im Österfeldtunnel gespannt. Sie sollen die Tauben davon abhalten, in den Kanälen unter der Tunneldecke zu schlafen und zu brüten. Thomas Porada und seine Mitstreiter allerdings kritisieren die Aktion. „Ich habe Verständnis, dass die Kabelkanäle kein geeigneter Nistplatz für die Tauben sind. Und der Dreck, den die Tiere hinterlassen, ist ein Problem“, sagt Porada, der sich selbst als Sprecher der Taubenschützer bezeichnet, aber betont, kein Einzelkämpfer zu sein. Die Netze allerdings seien nicht die Lösung des Problems. Sie sind angebracht worden, um die Tauben zu vergrämen. „Unsere Stadttauben sind standorttreue Tiere. Wenn sie dort nicht mehr hinkönnen, suchen sie Unterschlupf an nahen Gebäuden oder tiefer im Tunnel“, sagt Porada.

Reduzierung statt Vertreibung sollte das Ziel sein, so der Taubenschützer. Allerdings nicht durch die Tötung der Vögel. „Die Stadt leistet vorbildliche Arbeit im Stadttaubenmanagement mit den betreuten Taubenschlägen“, sagt Porada. Dort werden die Eier der Tiere durch Plastikattrappen ersetzt. Somit schlüpfen keine neuen Tauben und die Zahl der Vögel geht zurück.

Tierschützer sorgen sich um die Taubenküken

Besondere Sorge bereitet Porada der Verbleib der Jungtiere aus den Tunnelröhren. Stadttauben brüten nach seinen Angaben das ganze Jahr über. „Nur wenige Tage vor der Anbringung der Netze habe ich von den Schrebergärten unterhalb des Nesenbachtalviadukts das typische Gepiepse der Küken registriert. Seit der Maßnahme ist nichts mehr zu hören“, sagt Porada. Auf Nachfrage bei der Verwaltung habe man ihm mitgeteilt, dass bei den Arbeiten „keine Auffälligkeiten mit Jungtieren“ festgestellt worden seien.

Das bestätigt Sven Matis, der Pressesprecher der Stadt. „Die Firma, die die Maßnahme durchgeführt hat, hat uns das bestätigt. Uns ist nicht bekannt, dass Jungtiere in den Nestern waren oder entnommen wurden“, so Matis. Porada will das nicht glauben. „Es ist ausgeschlossen, dass keine Jungtiere im Tunnel waren. Was ist mit ihnen passiert? Wer hat die Kanäle gereinigt? Vielleicht haben die die Taubenjungen entfernt.“ Der Pressesprecher betont, dass der Stadt die Beachtung des Tierschutzes wichtig sei. „Wir werden noch einmal mit der Firma sprechen, ob unnötigerweise Vögel zu Schaden gekommen sind“, sagt Matis. Beim Aufbauen der Netze sei ein Vertreter des Stadttaubenprojekts dabei gewesen. Man habe sogar eine Taube davor bewahren können, eingesperrt zu werden. „Bei einer zweiten Taube allerdings war ein Rettungsversuch zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr möglich“, sagt Matis und bestätigt den Fall, den Porada beobachtet hatte.

Die Anbringung der Netze soll überprüft werden

Die Firma, die die Netze angebracht hat, versichert auf Nachfrage, die Maßnahme sei „sach- und fachgerecht“ durchgeführt worden. Man habe sich aber mit dem Auftraggeber darauf verständigt, sie zu überprüfen. Der Vor-Ort-Termin soll noch in dieser Woche stattfinden. „Wir werden dem Taubenschutzprojekt Stuttgart die Gelegenheit bieten, bei diesem Inspektionstermin dabei zu sein zu können“, versichert eine Mitarbeiterin der Firma.

Sonderthemen