Stuttgart Das Wort ist die Waffe der Trickdiebe

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Die Kriminalpolizei ist besorgt: Immer wieder gelingt es Trickdieben, dass ältere Menschen sie in die Wohnung lassen. Wieder ist das einer diebischen Familie gelungen – und die Täter waren besonders dreist.

Die Polizei warnt vor Dieben, die an der Haustür klingeln. Foto: Fotalia
Die Polizei warnt vor Dieben, die an der Haustür klingeln. Foto: Fotalia

Stuttgart - Immer wieder schaffen es Trickdiebe, dass sie aufgrund einer ausgedachten Geschichte in Wohnungen gelassen werden. So ist es auch einer 85-Jährigen in der Stuttgarter Innenstadt ergangen: Gutgläubig ließ sie eine Familie ein, weil sie glaubte, dass der Sohn dringend zur Toilette musste. Dreist stahlen die Täter ihr Schmuck – vor ihren Augen.

Geschichten wie diese bereiten Joachim Zahn, dem stellvertretenden Leiter des zuständigen Dezernats bei der Polizei, Sorgen: „Da nutzt jemand gewusst und gewollt die Schwächen älterer Menschen aus. Das ist sehr übel. Und wir verzeichnen da zurzeit eine Zunahme der Fälle“, fasst er zusammen. Angefangen hat die aktuelle Welle der Trickdiebstahlsdelikte in Wohnungen vorwiegend älterer Opfer etwa im Spätsommer. „Wir haben das das ganze Jahr über, aber seither häuft es sich“, sagt Zahn. Aufs Jahr gerechnet ereigneten sich ein bis zwei Fälle pro Woche, überschlägt der Kriminalbeamte den aktuellen Stand.

Im Frühsommer war es noch der Trick mit den falschen Polizeibeamten gewesen, welche Betrüger anwandten, um ans Ersparte älterer Herrschaften zu kommen. Sie hatten die Enkeltrickbetrüger abgelöst. An jener Front ist es gerade ruhig.

Während Enkeltrick und die Masche der falschen Polizeibeamten oft von kriminellen Organisationen mit Sitz im Ausland verübt werden, handelt es sich bei den Trickdieben, die an der Haustür klingeln, um unabhängige Einzeltäter oder Duos. „Wir glauben nicht, dass dahinter feste Strukturen stecken“, sagt Joachim Zahn.

Mutter, Vater und Kind begegnen dem Opfer in der Stadt

Mit unterschiedlichen Vorgeschichten spielen sich die Taten ähnlich ab wie der Fall der alten Dame aus der Rosenstraße: Die Frau begegnete Vater, Mutter und Kind am Nachmittag des Mittwoch, 8. November, in einem Blumengeschäft. Die Eltern baten sie, ihr Kind aufs Klo gehen zu lassen. Die Stuttgarterin hatte Mitleid mit dem etwa neunjährigen Buben und ließ die drei ein. Während die Seniorin dem Sohn das Badezimmer zeigte, machte sich der Vater ungeniert am Wohnzimmerschrank zu schaffen, berichtet der Polizeisprecher Stephan Widmann. Der Mann habe dort zwei Ringe gefunden und eingesteckt, wobei es ihn überhaupt nicht beeindruckt habe, dass die 85-Jährige ihm zusah. Auch dass sie ihn aufforderte, den Schmuck zurückzugeben, habe den Mann nicht gestört. Die Familie flüchtete aus der Wohnung. Die Beute hat einen Wert von mehreren Hundert Euro.

Die Täter denken sich immer neue Geschichten aus

Die Geschichten sind unterschiedlich, doch es geht immer um das gleiche Ziel: Die Täter wollen in die Wohnung kommen und dort möglichst ungestört die Schränke durchstöbern. Mal behaupten sie, sie seien von den Stadtwerken und müssten etwas an den Leitungen kontrollieren. Dann wieder behauptet jemand, er wolle einen Zettel, um einem Nachbarn eine Botschaft zu hinterlassen. Wieder andere Täter geben vor, Grüße von einem Bekannten auszurichten und kommen mit dieser Geschichte in die Wohnung. „Es wäre schon viel gewonnen, wenn die Senioren hinter dem Fremden die Tür zumachen. Meist gehen sie aber voraus, dann lässt der Täter die Wohnungstür angelehnt. Dann kommt sein Komplize rein und sucht Wertsachen, während der erste Täter die Bewohner ablenkt“, schildert Zahn.

Die Täter machten sich dabei die Altersschwächen der Opfer zunutze. „Sie erzeugen Hektik. Da die Aufnahmefähigkeit und das Reaktionsvermögen im Alter ohnehin eingeschränkt sind, können sie so von ihrem Tun ablenken“, sagt der Ermittler. „Sie suchen sich keine Opfer auf Augenhöhe, sondern Personen mit Schwächen. Und ihre Waffe ist das Wort“, fügt der Kriminalbeamte Joachim Zahn hinzu.