Stuttgart von oben: die Heilbronner Straße in Stuttgart-Feuerbach Obst und Gemüse statt Autos und Verkehr

Von Georg Friedel 

Mitte der 1950er Jahre säumten eine Baumschule und eine Gärtnerei die Heilbronner Straße. Heute ist das Asphaltband ein Autoboulevard.

  Foto: Jan Georg Plavec
  Foto: Jan Georg Plavec

Feuerbach - Vom Autoboulevard heutiger Prägung war die Heilbronner Straße Mitte der 1950er Jahre meilenweit entfernt. Gerade mal sechs Fahrzeuge sind auf dem Luftbild von 1955 (oberes Foto) zu erkennen. Kein Stau, der Stuttgarter Norden konnte noch atmen und erstickte nicht im Verkehr. Es fällt auf, wie viele Grünflächen abseits der heutigen B 27 zwischen Friedrichswahl und Siegle-/Krailenshaldenstraße damals noch existierten.

Zum Beispiel betrieb bis 1957 Wilhelm Aldinger eine Obstbaumschule direkt an der Heilbronner Straße. „Auf einem rund 1,8 Hektar großen Gelände hatte er 800 verschiedene Obstbaumsorten aufgepflanzt“, erinnert sich der inzwischen 88-jähriger Sohn Herbert Aldinger. Sein Vater veredelte vor allem Birnbäume. „Damals gab es ja noch keine Früchte aus Spanien oder Italien“, betont er. Die Villa Aldinger befand sich an der Kruppstraße 65 direkt an der Ecke Heilbronner Straße.

Obstbaumschule direkt an der Straße

Auf der anderen Straßenseite im Gebiet Seewiesen lagen die Flächen der Gärtnerei Müller: „Die Gärtnerei führten die Urgroßeltern meiner Frau“, berichtet Helmut Wirth. Der ehemalige Vorsitzende des Wein-, Obst- und Gartenbauvereins Feuerbach lebte bis 1972 im elterlichen Haus an der Schoberstraße 20 – nicht weit weg von der Heilbronner Straße: „Mein Vater hat dort von 1922 bis in die 1990er Jahre gewohnt, dann wurden die Häuser platt gemacht wegen des Industriegebiets Feuerbach-Ost“, berichtet Wirth. Dabei sei es nach Feierabend und an den Wochenenden in dem Gebiet „himmlisch ruhig“ gewesen. In seinem Geburtshaus befand sich ein Lebensmittelgeschäft, daneben die Bäckerei Ebner. Direkt an der Heilbronner Straße lag die Gaststätte „Heidelberger Faß“ mit einer Kegelbahn. Auf der anderen Straßenseite war früher die Adresse der Spedition Scherrieble. Außerdem existierte eine Eisfabrik: „Dort gab es Stangenblöcke aus Eis“. Die heutige Krailenshaldenstraße war nur teilweise ausgebaut. Sie bestand hauptsächlich aus dem Gleis der Industriebahn. Letztere war ein Motor für die Industrialisierung, viele Firmen in Feuerbach wickelten den Gütertransport und Rohstoffanlieferung übers Gleis ab – im Gegensatz zu heute.

Auch das Gaswerk an der Ecke Heilbronner/Borsigstraße befeuerte die Industrialisierung. 1902 ging das Gaswerk in den Besitz der Gemeinde Feuerbach über, später schloss Feuerbach mit Stuttgart einen Liefervertrag. Der Gaskessel an der Borsigstraße ist noch 1955 zu erkennen: „Er diente noch eine Zeit lang als Lagerraum, erst in den 1960er Jahren wurde er demontiert“, schreibt der Historiker Joachim Arendt im Buch „Feuerbacher Objektgeschichte“.

Ein Stück Industriegeschichte

Später ging Hahn + Kolb auf das dortige Gelände. Neuerdings will dort Daimler ein weiteres Autohaus bauen. Schräg gegenüber liegt das Nordtor Plaza. Auf diesem Eck produzierte früher die Lackfabrik Eugen Schaal. Mit „Eugen Lackschaal“ verbindet Wirth ein Stück Industriegeschichte: „Die Farbe für den ersten Grundanstrich des Pariser Eiffelturms lieferte Schaal“, sagt er. Auch an die Firma Model, die Haushaltsmaschinen herstellte, erinnert er sich noch. Der Unternehmersohn Karl Model fuhr 1889 mit dem Hochrad nach Paris, um dort die neusten mechanischen Produktionstechniken kennenzulernen.

Einst wohnten über 1000 Menschen in Feuerbach-Ost. Leben und Arbeiten gehörte westlich der Heilbronner Straße zusammen. In 90er Jahren änderte die Stadt das Planungsrecht. Aus Feuerbach-Ost wurde – zumindest auf dem Papier – ein reines „Arbeitsstättengebiet“. Gleichzeitig beschloss der Gemeinderat den Ausbau der Heilbronner Straße. Für Wohnhäuser war kein Platz mehr, obwohl die Interessengemeinschaft (IG) Feuerbach-Ost die Umsetzung der Pläne zu verhindern suchte. Die Bürgerinitiative zog bis vors Bundesverwaltungsgericht und unterlag. Nur ganz wenige Wohngebäude entgingen in der Folge der Abrissbirne. Heute konkurrieren Großinvestoren um die letzten Filetstücke an dem Autoboulevard. Ob sich die vielen Autosalons angesichts der derzeitigen Automobil-Krise dort halten können? Luftbilder in 60 Jahren werden es sicherlich zeigen.

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