Stuttgart von oben: die Landstadt Der Wille zur Gemeinschaft ist groß

Von Caroline Holowiecki 

Die Landstadt in Stuttgart-Sillenbuch ist einst als Vorbildsiedlung gebaut worden. Das Viertel hat bewegte Jahre hinter sich. In jüngerer Zeit machen sich die Bewohner vor allem um das Erscheinungsbild Sorgen.

Die Geschichte der Landstadtsiedlung begann in den 1930er Jahren.  Das Besondere damals: sehr viel Grün und wenig Beton. Foto: Stadtmessungsamt/Plavec
Die Geschichte der Landstadtsiedlung begann in den 1930er Jahren. Das Besondere damals: sehr viel Grün und wenig Beton. Foto: Stadtmessungsamt/Plavec

Sillenbuch - Es fällt vielen wohl erst auf den zweiten Blick auf, dann aber sehr deutlich: Die Landstadt in Sillenbuch ist etwas Besonderes. Das Gebiet zwischen der Kernenblickstraße im Norden, der Trossinger Straße im Süden, dem Silberwald im Westen und der Rankestraße im Osten hat eine einmalige und vor allem bewegte Geschichte, die in den 30ern begann und das Viertel zu einem der markantesten im Bezirk machte. „Landstadt (...) hält die Mitte zwischen ländlichem und städtischem Bauen. Sie ist für Bedürfnisse und Bequemlichkeit des Stadtbewohners eingerichtet, aber zwischen den Häusern sind Rasenflächen und grün bewachsene Gehwege angelegt; kein Asphalt, kein Beton erinnert an die Stadt“, stand 1938 im „Stuttgarter Neuen Tagblatt“.

Errichtet wurde die Nachbarschaft vom Bau- und Heimstättenverein, und zwar im Vorfeld der Reichsgartenschau 1939, die nach Stuttgart vergeben worden war. Ziel war eine Vorbildsiedlung, die es den Mitgliedern ermöglichte, zu zumutbaren Konditionen ein Häuschen im Grünen zu beziehen. Die knapp 100 Eigenheime sind vom Verein in ihrer Kubatur gleichförmig gebaut und in den Hang eingepasst worden. Alle Gärten zur Grundversorgung sind nach Süden ausgerichtet, First- und Geschosshöhen sind wie beim Nachbarn.

Nachbarschaft im Sinne des Gemeinwohls

Dennoch wirkt die Landstadt nicht uniform. „Jedes Haus korrespondiert mit dem Gesamtgebiet. Die Siedlung ist als Gesamtkonzept geplant“, erklärt der Anwohner Günther Vallon (73) und spricht von einem architektonischen Unikat. „Vorn am Hang und am Rand der Siedlung stehen nur einstöckige Häuser, die den hinteren Reihen den Blick übers Tal frei lassen: Auch hier zeigt sich der Wille zur Gemeinschaft, der die ganze Landstadt beherrscht“, liest man 1938 in der Zeitung. Eine Nachbarschaft im Sinne des Gemeinwohls.

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Die Idylle sollte nur kurz währen. Schlimm genug, dass im Krieg etliche Bomben aufs Viertel niedergingen und Häuser dem Erdboden gleichmachten, wurde nach dem Krieg gut die Hälfte beschlagnahmt. Letten, Ukrainer, sogenannte „Displaced Persons“, wurden einquartiert. „Die Siedlung musste in einem Tag geräumt werden. Man durfte nur mitnehmen, was in Taschen passte“, berichtet Günter Vallon, der damals gerade ein Jahr alt war. Auch seine Eltern mussten samt der vier Kinder aus dem Haus an der Kernenblickstraße von jetzt auf nachher raus. Erst kamen sie bei Bekannten in der Landstadt unter, später vermittelte der Briefträger den Vallons eine Bleibe am Eichenhain.

„Meine Mutter war streng katholisch und wurde aus der NS-Schwesternschaft ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam, weil sie Hitler mit einem abwertenden Begriff belegt hatte.“ Der Briefträger, auch kein Freund der Nazis, wusste Bescheid. Ende der 40er der nächste Schlag: Trotz des Protestes des Gemeinderats übernahmen US-Offiziersfamilien die Häuser. Immerhin zahlten sie Mieten und waren darum bemüht, sie wieder bewohnbar zu machen, so Günther Vallon, aber die Schmucksiedlung und vor allem die Gärten verwilderten zusehends.

Die Landstädter wurden wieder Landstädter

Die Vallons durften 1954 wieder in ihr Haus – und mussten erst mal Hand anlegen, denn das Eichenparkett war braun gestrichen, die Wände mit brauner und olivgrüner Ölfarbe bemalt. Im Verlauf des folgenden Jahres wurden auch die restlichen Eigenheime übergeben. Die Landstädter wurden wieder Landstädter. „Das war toll. Endlich ein eigenes Zimmer. Der Schulweg zur Straßenbahn war kürzer. Und der Weg zu meinen alten Freunden im Eichenhain war auch nicht zu weit“, erinnert sich Vallon. Die Heimstätter restaurierten ihre Häusle, legten die Gärten neu an, verhalfen der Siedlung zu neuem, alten Glanz. Zwei Häuser weiter zog in der Zeit die siebenjährige Barbara aus dem Stuttgarter Osten mit ihren Eltern ein. Barbara Krüger (70) lebt heute noch immer im Anwesen, das ihr Vater damals für 34 000 D-Mark kaufte, und erinnert sich gern an eine idyllische Kindheit – besonders gern ans Skifahren das heutige Landschaftsschutzgebiet hinunter.

Günther Vallon erinnert sich:

Es ist wohl diese Geschichte von Vertreibung und Wiederaufbau, die das Selbstverständnis geprägt hat. Die Gemeinschaft ist eng, ebenso die Vorstellung, wie das Viertel aussehen soll. „Wir sind uns sehr einig, was Erhaltung und Ausgestaltung der Siedlung angeht“, sagt Vallon, der die Landstadt-Homepage betreibt. Ein neuer Kampf wird seit 1989 ausgefochten. Da wurde die Wohnungsgemeinnützigkeit aufgehoben, was zum Rückzug des Bau- und Heimstättenvereins führte. „Das war die Geburtsstunde der Grundstückshaie“, sagt er. Durch den Wegfall der Baubeschränkungen hätten sich die Grundstückspreise vervielfacht.

Gegen unliebsame Veränderungen

Schon 1991 verhinderte eine Bürgerinitiative, dass das Haus Landschreiberstraße 19, das der Widerständlerin Anna Haag, abgerissen und das Areal mit einem Mehrfamilienblock bebaut wird. Ensembleschutz besteht zwar seit Anfang der 90er Jahre, um unliebsamen Veränderungen vorzubeugen, setzen sich die Anwohner seit Jahr und Tag für einen einheitlichen Bebauungsplan ein. Der neueste von 2013 geht vielen nicht weit genug, da er etwa den Bereich ums Freibad ausklammert. Barbara Krüger spricht von einem Flickenteppich. Auch werde das Planwerk Zielen der Erhaltungssatzung nicht gerecht, etwa in Sachen Fensterform und Bautiefen. „Heute sind wir in großer Sorge um den Erhalt der städtebaulichen Besonderheit und des damit verbundenen hohen Originalwertes der Siedlung“, resümiert Günther Vallon. Die Ur-Landstädter werden weniger, mit jedem Wechsel kommen neue Ideen. „Für manche ist das altes Klump“, meint Barbara Krüger und fügt an: „Allen, die etwas für Architektur und Geschichte übrig haben, sollte etwas am Erhalt liegen.“ Dem Vernehmen nach brodeln an manchen Ecken juristische Auseinandersetzungen. Es bleibt turbulent in der Landstadt.

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