Stuttgart von oben – Kirchheimer Straße Mit der Straßenbahn kam das Leben

Von Caroline Holowiecki 

Die Kirchheimer Straße ist die Hauptschlagader des Bezirks Stuttgart-Sillenbuch – bereits seit den 30ern. In unserer Luftbildserie „Stuttgart von oben“ werfen wir einen Blick auf die Route und stöbern in der Geschichte.

Die Kirchheimer Straße hat sich im Laufe der Jahrzehnte stark verändert. Nicht viel erinnere an früher,   erzählen Anwohner Foto: Stadtmessungsamt/Plavec
Die Kirchheimer Straße hat sich im Laufe der Jahrzehnte stark verändert. Nicht viel erinnere an früher, erzählen Anwohner Foto: Stadtmessungsamt/Plavec

Sillenbuch - Erwin Beck harkt in seinem Vorgarten. Oder eher: in seinem Vorgärtle. Ein schmaler Streifen ist zwischen dem Haus von Mitte der 30er Jahre, in dem er sein ganzes Leben verbracht hat, dem Gehweg und schließlich der Kirchheimer Straße geblieben. „Früher ging der Garten bis zu dem weißen Streifen“, sagt der Mann und zeigt auf die Park-Markierung. Bis dann die Straßenbahn hier vorbeifuhr und die Kirchheimer Straße erweitert werden musste. Viele Nachbarn mussten damals ein Stück von ihrem Grund abgeben, erinnert sich der heute 80-Jährige. Früher war hier noch alles anders.

Er kann zu jedem Haus eine Geschichte erzählen

Wenig erinnert heute an die Kirchheimer Straße von ehemals, Erwin Beck aber hat alles gespeichert. Zu jedem Haus kann er eine Geschichte erzählen. Der Blick geht nach links gegenüber, in Richtung Sillenbucher Markt. „Die Tankstelle war früher auf der anderen Straßenseite. Und etwas weiter war das Kino, Alhambra-Lichtspiele.“ Sein Blick geht geradeaus. „Gegenüber hat Wolfgang Windgassen, der Opernsänger, gewohnt. Die Familie hatte ein weißes Spitzerle.“ Der Blick wandert nach rechts. „Neben Windgassens war eine Glaserwerkstatt, daneben ein Flaschner, und gleich nach der Spaichinger Straße war ein Maler. Und hinter der ersten Häuserlinie, da war alles freies Feld.“

Erwin Beck ist so etwas wie das Gedächtnis der Kirchheimer Straße. Die Erinnerungen sind lebendig. Etwa an die Gaststätte Wilhelmshöhe, dort, wo später Feinkost Böhm war und jetzt der Biomarkt ist. „Das war eine tolle Gaststätte mit einem schönen Biergarten“, sagt er. Schweinebraten mit Knödel oder mal ein Schnitzel mit Pommes, das sei was Besonderes gewesen, denn nach dem Krieg habe man zunächst nicht viel gehabt. In der Wilhelmshöhe habe man alle getroffen, „da hat man sich informiert und ist zusammengesessen“. Später habe ein Jugoslawe die Gaststätte geführt, „ein guter Wirt“, sagt Erwin Beck und nickt anerkennend. Früher, da hat jeder jeden gekannt. „Die Alteingesessenen werden weniger“, fügt er an. Nicht vorwurfsvoll oder traurig. Es ist eine sachliche Feststellung. Es verändert sich halt viel.

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Vor allem Mitte der 50er hat hier alles gebrummt – die Zeit des Wirtschaftswunders. 1955 fuhr die Straßenbahn-Linie 10 nach Sillenbuch und wendete in der damals nagelneuen Schleife an der Schemppstraße, später waren es die Linien 5 und 15. Mit der Bahn angebunden ist Sillenbuch tatsächlich schon seit bald 90 Jahren. Am 5. April 1930 wurde die Fertigstellung der Strecke gefeiert – oberirdisch, wohlgemerkt. Der ÖPNV veränderte Sillenbuch, „mit der Straßenbahn ist das Leben gekommen, davor waren es nur Spaziergänger. Oder Stuttgarter, die im Eichenhain Ski gefahren sind“, erinnert sich Erwin Beck.

Seit 90 Jahren ans Bahnnetz angebunden

Auf die Bahn folgten die Privathäuser, „der Boden war ja spottbillig“, erzählte der Ortshistoriker Hans-Georg Müller in einem Gespräch, das kurz vor seinem Tod Ende Juli stattfand. Und mit den Leuten kamen die Handwerker und die Händler. In den 50ern, da sei richtig was losgewesen. Allein drei selbstständige Metzger zählte Müller auf. Viele Handwerker firmierten an der Kirchheimer Straße: Sattler, Schlosser, eine Druckerei. Kein Wunder, dass Sillenbuch rasch wuchs. „In den 70ern war die Wohnbebauung abgeschlossen. Dann war kein Platz mehr da“, sagte Hans-Georg Müller.

Der Zahn der Zeit nagt an der Kirchheimer Straße

Einige Namen sind auf der Kirchheimer Straße bis heute ein Begriff im Bezirk. Ganz vorn dabei: Auto-Wais. Die Firma besteht an derselben Stelle seit Mitte der 20er – früher als Fahrradladen samt Tankstelle, heute als Autowerkstatt. Die Geschäfte führt seit 2012 Sven Fisch, der Urenkel des Gründers Alfred Wais. „Wir haben wahnsinnig viele treue, alteingesessene Kunden. Für die sind wir bis heute d’r Fahrrad-Wais“, sagt er. Ein paar Häuser weiter, den Bäcker unter dem Namen Unger, gibt es seit 1931, auch wenn das Unternehmen Anfang des Jahres aufhörte. Die Apotheke Dr. Höss weiter hinten in der Straße wurde bereits 1949 von Dr. Ferdinand Höss aufgemacht, seinerzeit noch unter dem Namen Apotheke Sillenbuch. „Zuvor musste man seine Rezepte bei Blumen Feucht abgeben“, erzählte Hans-Georg Müller. 1954 wurde die Apotheke um ein homöopathisches Dispensatorium erweitert. Den Namen des Gründers hat die Inhaberin Brigitte Heger bis heute nicht geändert. Warum auch, der sei jedem bekannt.

Erwin Beck erinnert sich:

Erwin Beck weiß, dass der Zahn der Zeit unaufhörlich an seiner Kirchheimer Straße nagt. Das Gebäude zwei Häuser weiter, die Nummer 95, ist verkauft, die 98 gegenüber ebenfalls, ebenso die Immobilien mit den Hausnummern 109 und 76. All diese Häuser sollen abgerissen werden, um die Grundstücke dann neu zu bebauen. Alles wird anders. Dennoch würde er nie woanders wohnen wollen. „Hier bin ich geboren, das gehört dazu.“ 67 Jahre SV Sillenbuch, 25 Jahre Obst- und Gartenbauverein.

Vom Lärm, der auf der Durchfahrtsstraße in den vergangenen Jahren unweigerlich zugenommen hat, hört er nichts. Isolierglasfenster, sagt er und lacht knitz. Nicht alles Moderne ist schlecht.

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