Stuttgart von oben – Südmilch-Areal Umbruch an der Vorderen Prag

Von Georg Linsenmann 

Das Quartier zwischen der Nordbahnhofstraße und den Gleisen hat sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten gewandelt. Auch die Anwohner staunen – und finden nicht jede Entwicklung wirklich gut.

Die gravierenden Veränderungen in dem Stadtviertel zwischen Nordbahnhofstraße und Bahngleisen sind auf den ersten Blick erkennbar. Foto: Stadtmessungsamt 10 Bilder
Die gravierenden Veränderungen in dem Stadtviertel zwischen Nordbahnhofstraße und Bahngleisen sind auf den ersten Blick erkennbar. Foto: Stadtmessungsamt

S-Nord - Verkehrswege lenken zunächst den Blick auf dem historischen Luftbild von 1955, der schieren Dimension wegen vorneweg nach rechts auf die Bahnflächen. Dann aber geht es wie von alleine auf die heutige Nordbahnhofstraße, die als Ludwigsburgerstraße einmal die Hauptstrecke des nördlichen Ausgangs der Stadt war: an der vorvergangenen Jahrhundertwende mit der Pragsiedlung auf dem öden Grenzland zwischen Stuttgart und Cannstatt entstanden. Auf dem Foto bis knapp vor die Mittnachtstraße reichend, wo dann auch der bis heute verbliebene, südliche Teil der Eisenbahner-Siedlung erkennbar ist. Nebst der Martinskirche am linken Bildrand bildet die Siedlung im Abgleich mit dem ein gutes Jahrhundert älteren Farbfoto nun fast das letzte verbliebene bauliche Kontinuum. Entsprechend atemberaubend ist der Kulissenwechsel zwischen den beiden Fotodokumenten, wobei nicht unwesentliche Teile des Farbfotos nun auch schon wieder historisch sind.

Wie ein Sinnbild wirkt so an der Haltestelle „Milchhof“ der aufgetürmte, bereits zur Wiederverwertung aufbereitete Schutthügel des alten Staiger-Areals, wo der Opelhändler den Weg freigemacht hat für einen zweiten Bauabschnitt zur Erweiterung des neuen Rosenstein-Karrés: autofrei und auch sonst Ansatzpunkt für ein anders Mobilitätsverständnis, bis hin zum Verleih von Pedelecs. Zeitsprünge, die im Rückblick noch rasanter wirken. Denn die Vordere Prag war um 1900 eine in sich geschlossene städtische Siedlung mit großen Stadthäusern für Handwerker und Angestellte. Ein Bezirk, der 1944 in Schutt und Asche ging und nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut wurde: Just da, wo auf dem Schwarzweiß-Foto noch der Opel-Händler auszumachen ist – und wo nun eine neues, modernes Quartier weiter wächst.

Einst der größte deutsche Molkereibetrieb

Kein Stein auf dem anderen blieb auch auf der gegenüberliegenden Seite, wo in der Helikopter-Perspektive das einem Tortenstück gleichende Gebäude der Agentur für Arbeit besonders auffällt, nebst dem bereits in Gang befindlichen Zusatzbau des Jobcenters. Und an den Milchhof erinnert nurmehr der Name der Haltestelle. Wo sich einst das Firmengelände der genossenschaftlichen Südmilch AG befand, der größte deutsche Molkereibetrieb, der in den 1990er Jahren niederging, von skandalösen Betrügereien einiger Manager begleitet, dort befindet sich heute markant Neues: etwa das eine Wohnhochhaus mit charakteristisch gerundeter Kante, das den Eingang auch zur Rosensteinstraße prägt. Ein großer öffentlicher Platz bietet sich vor dem Ufa-Palast über der Tiefgarage, mit einem geschwungenen Aufgang über die Rümelinstraße, wo Neubau-Karrés an der nördlichen Ecke an die alte Eisenbahner-Siedlung grenzen.

Diese Gegensätze machen bei einem Rundgang den besonderen Charme des Gebietes am Rande des Pragfriedhofes aus, der mit seiner parkähnlichen Ruhe auch auf das neue Rosenstein-Quartier abstrahlt. Wie eine Idylle wirkt so der von Stadtvillen und Geschossbauten umfriedete Bereich, auch wenn das magere Rasengrün schwer ums Überleben kämpft. Kinder spielen hier geschützt und ungestört, und nur gelegentlich dringt Straßenlärm aus den Durchgängen zur Nordbahnhofstraße. Im Gegensatz zur Eckartstraße, wo scheppernde Lastwagen an der Martinskirche vorbei auf S21-Einsatz sind. Und an finstere Zeiten erinnert die Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“. Wobei auch eine Messingtafel an der Kirche daran erinnert, dass durch diese Straßen einst jüdische Mitbürger getrieben wurden auf dem Weg, der vom Nordbahnhof in die Vernichtungslager führte.

Die Menschen wohnen gern hier

Die Knappstraße hinunter geht es dann mitten hinein ins historische Quartier mit seinen das Bild prägenden, charakteristischen Backsteinbauten. Etwa in einen Hinterhof an der Knappstraße, wo eine „jung gebliebene Rentnerin“ vom Balkon aus alles im Blick hat. So leicht ist sie aber gar nicht zu entdecken, denn sie ist größtenteils verdeckt vom Blumenschmuck, den es hier auch sonst reichlich gibt. Nebst Urban Gardening selbst im schmalsten Vorgärtlein: „Stimmt, es gibt hier einen stummen Wettbewerb. Das zeigt doch, dass wir gerne im Quartier hier wohnen. Die Leute geben sich Mühe, dass es schön ist“, betont die Dame und fügt hinzu: „Aber Sie sollten auch mal in der Adventszeit kommen! Dann leuchtet es hier ringsum.“

Axel Alt kennt die „hohe Identifikation von langjährigen Quartiersbewohnern mit ihren Häusern und mit dem Stadtteil“. Der Bezirksbeirat ist ja selbst ein „alter Nordmann“, er lebt seit mehr als 60 Jahren in einem Siedlungshaus auf der anderen Seite der Heilbronner Straße. Er kennt aber auch Kehrseiten der Entwicklung. Etwa, „dass an der Nordbahnhofstraße fast alle kleinen Geschäfte verschwunden sind. Eine Bank und eine Poststelle gibt es hier auch nicht mehr“. Zudem „fast nur noch drittklassige Kneipen“. Sein Fazit: „Das Nordbahnhof-Viertel wird chic, aber es ist auch in gewisser Hinsicht ausgeblutet. Es muss sich was tun bei der Infrastruktur“, betont Alt. Vehement erinnert er an den Beschluss des Bezirksbeirates, die Stadtbahn in der Friedhofstraße zu erhalten. Zugleich staunt er über die Entwicklung des Stuttgarter Nordens: „Ja, es passiert wahnsinnig viel hier. Und es bleibt spannend!“

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