Stuttgarter Antiquariatsmesse Bibliophiles Paradies für Sammler

Von Irene Ferchl 

In Stuttgart öffnet am Freitag die weltweit wichtigste Antiquariatsmesse ihre Pforten. Wer kein Geld für die patinierten Kostbarkeiten hat, kann auch nur zum Staunen ins Kunstgebäude am Schlossplatz kommen.

Miniatur aus „Il Fiore di Virtú“, einem Benimmbuch für hohe städtische Beamte (1340), das  für 780 000 Euro auf der Messe zu kaufen ist. Foto: Katalog
Miniatur aus „Il Fiore di Virtú“, einem Benimmbuch für hohe städtische Beamte (1340), das für 780 000 Euro auf der Messe zu kaufen ist.Foto: Katalog

Stuttgart - In diesem Jahr hat man sich Jorge Luis Borges zum Paten gewählt, dessen Diktum, er habe sich „das Paradies immer als eine Bibliothek vorgestellt“ als Motto einer Antiquariatsmesse natürlich bestens passt. Bücher und Manuskripte, Grafiken und Tafelwerke aus allen Kontinenten und sechs Jahrhunderten locken wieder Käufer und interessiertes Publikum ins Kunstgebäude. Leider steht der Kuppelsaal nicht zur Verfügung, doch finden 78 Aussteller ihren Platz im Vierecksaal und Glasfoyer. Davon kommen fünf zum ersten Mal nach Stuttgart: aus London Leo Cadogan und Pickering & Chatto, Rambaldi aus Bologna, der eine 1517 gedruckte Enzyklopädie von Gregor Reisch mit schönen Holzschnitten und sogar einer Weltkarte (17 000 Euro) mitbringt; Johann Anton Schantl aus Wien, der Robert Musils Novelle „Grigia“ mit eigenhändiger Signatur und Datierung für 4000 Euro anbietet, oder das Dresdner Antiquariat Bachmann & Rybicki, das Fotografien einer Expeditionsreise durch das damalige Deutsch-Südwestafrika des Majors Georg Hartmann für 6000 Euro annonciert.

Der 200-seitige Katalog, wieder üppig und durchweg vierfarbig illustriert, enthält Objekte für jeden Geschmack und Geldbeutel – wenn er denn mindestens ein paar Hunderteuroscheine enthält. Die teuersten Objekte präsentiert wie meistens das Antiquariat Bibermühle von Heribert Tenschert: das Stundenbuch des Ludovic und der Elisabeth Peix aus Neapel, um 1500 vollendet (850 000 Euro), das Lektionar von Santa Maria de Guadelupe aus dem Jahr 1506 (480 000 Euro) und eine ebenso prachtvoll illuminierte weltliche Handschrift „Il Fiore di Virtù“ aus Modena von 1340. Dieses älteste erhaltene mittelalterliche Anstandsbuch über korrektes Benehmen bei der Ausübung höchster Regierungsämter mit 37 Miniaturen kostet 780 000 Euro. Auch wer sich diese Preziosen nie wird leisten können, mag sich an ihrem Anblick erfreuen.

Das gilt natürlich auch für die Inkunabeln und Frühdrucke des 15. und 16. Jahrhunderts, die an den Ständen von Meda Riquier, Hellmut Schumann und Paul Kainbacher zu bewundern sind: „De historis et causis plantarum“ von Theophrastus, ein extrem seltenes, frühes botanisches Werk (45 000 Euro), ein geografisches Lexikon „Ethnica“, 1502 von Aldus Manutius gedruckt (20 000 Euro), und „Tractatus de contractibus et usuris“ von Bernardinus Senensis (25 000 Euro). Albrecht Dürers „Institutiones Geometricae“, ein Meisterwerk der Kunsttheorie, findet sich für 32 000 Euro bei Norbert Donhofer.

Japanische Holzschnitte, Schönbergs Notenzeilen

Von besonderer optischer Attraktivität sind Reise- und Expeditionsberichte. Eine berühmte Darstellung der Indianerstämme Nordamerikas, G. Catlins „North American Indian Portfolio“ mit handkolorierten Tafeln, hat Ralf Eigl im Angebot (115 000 Euro), und Matthäus Truppe offeriert David Roberts’ epochales Tafelwerk „The Holy Land, Syria, Idumea, Arabia, Egypt & Nubia“ mit 248 lithografierten Ansichten (95 000 Euro). Neben diesen spektakulären Objekten aus alter Zeit und weiter Ferne gibt es eine Fülle von Kunstwerken: japanische Farbholzschnitte bei Margot Lörcher und Hans-Martin Schmitz, naturwissenschaftliche Tafeln und Kupferstiche oder Bildnisse in verschiedenster Technik. Hanno Schreyer bringt eine Sammlung von über 400 grafischen Blättern aus der Zeit zwischen 1750 bis 1920 mit Kinderbildern (14 800 Euro), Löcker eine Porträtpostkarte mit eigenhändiger Unterschrift und Notenzeilen von Arnold Schönberg (3500 Euro). Ausschließlich Grafiken von Pablo Pi­casso hat die Stuttgarter Galerie Valentien im Angebot, darunter die seltene Radierserie „El Entierro del Conde de Orgaz“ (45 000 Euro).

Nicht zuletzt findet sich auf der Antiquariatsmesse eine Fülle von Büchern aus allen Gebieten: Kochbücher bei Müller & Gräff, Kinderbücher bei Geisenheyner und Sabine Keune, wo das vermutlich jüngste Werk steht: „Herr Grimm schreibt das Märchen von den Gärten des Glücks“, ein zum Grimm-Jubiläum kürzlich erschienener Handpressendruck in zwanzig Exemplaren, Erstausgaben wie Nietzsches „Zarathustra“ gibt es bei Blank für 22 000 Euro oder die Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ – und zwar jenes Exemplar, das Achim von Arnim und Clemens Brentano Goethe gewidmet haben – bei Tusculum für 12 800 Euro. Inge Utzt zeigt an ihrem Stand wie immer Bücher von, über und für Frauen, diesmal schwerpunktmäßig zur Mädchenerziehung, das Rote Antiquariat bringt allerlei zum Thema Bauhaus mit nach Stuttgart. Abgerundet wird das Angebot durch reizvolle Autografen von Justinus Kerner über Friedrich Schiller bis Richard Wagner.

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