Stuttgarter Ballett: „Romeo und Julia“ Und so lieben und kämpfen sie noch heute

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Großes Familientreffen am Stuttgarter Staatstheater: das Ballett feiert den fünfzigsten Geburtstag von John Crankos „Romeo und Julia“ mit einer Gala. Auf der Bühne versammeln sich die Stars von heute und einst.

„Romeo und Julia“: die Tänzer beim Schlussapplaus Foto: Stuttgarter Ballett
„Romeo und Julia“: die Tänzer beim SchlussapplausFoto: Stuttgarter Ballett

Stuttgart - Drei Stunden John Crankos „Romeo und Julia“ am Sonntagabend im Stuttgarter Ballett, auf den Tag genau fünfzig Jahre nach der Uraufführung im Opernhaus, seitdem kontinuierlich im Spielplan und auf der Bühne, nicht nur in Stuttgart, sondern überall auf der Welt – und wieder einmal vergehen diese drei Stunden wie im Flug. Große Frage also: was genau ist der Trick daran? Warum steht dieses Tanzkunstwerk auch fünfzig Jahre nach seiner Entstehung weiter frisch und vornehm da, während man andere Inszenierungen bereits fünfzig Tage nach ihrer Geburtsstunde nicht mehr sehen mag?

Natürlich, da ist die schöne Geschichte. Natürlich, da ist die großartige Musik von Sergej Prokofjew, diese harte Rhythmik, dieser Melodienreichtum, diese Farbigkeit, die da wild und rau aus dem Orchester­graben tönt. Natürlich, das ist ganz sicher auch das reiche Spektrum an Charakteren. Da sind ja keineswegs nur die beiden Liebenden, die in diesem Ballett anspruchsvolle Partien zu bewältigen hätten, da sind ja auch noch Mercutio und Benvolio, Tybalt und Paris, die uns mit ihren Auftritten sofort beeindrucken.

Da gibt es des weiteren wunderbare Ensembleszenen: Gleich im ersten Bild ent­wickelt sich aus einer harmlosen Markt­rangelei in Verona eine veritable Straßenschlacht; im dritten Bild wird der Zuschauer schlicht überwältigt von der tödlich-kalten Pracht im Ballsaal des Capulet-Clans. Und als wäre das nicht schon genug an großen Tableaus, taucht viel später im zweiten Akt auch noch die herrlich anarchische Faschingstruppe auf, die alles kurz und klein tanzt. Und dann wäre da ja noch der Balkon und die heimliche Hochzeit und das Gift und der schauerliche Begräbniszug bei Vollmond.

Die Liebesgeschichte funktioniert vom ersten Schritt an

Aber selbst summa summarum ist all dieser Reichtum an Bildern und Motiven noch nicht der große Trick. Entscheidend ist doch wohl die Lebendigkeit und Un­mittelbarkeit der Figuren, die uns trotz aller Künstlichkeit des Tanzes von Anfang an gefangen nehmen. So, wie jetzt wieder am Sonntagabend bei der Stuttgarter Ballettgala aus Anlass des Fünfzig-Jahr-Jubiläums: Friedemann Vogel als Romeo, Alicia Amatriain als Julia. Ihre Liebesgeschichte funktioniert vom ersten Schritt an. Und so exakt ihre Schritte auch vorgegeben sein mögen, wir wissen, ein anderer der sechs Romeos und eine andere der sechs Julias, welche das Stuttgarter Ballett in seinen Reihen aktuell zu bieten hat, würde einem solchen Abend einen anderen, höchst eigenen Ausdruck verleihen. Perfektion durch genügend Freiraum für Individualität – das ist der Schlüssel, welcher einer Kunst womöglich zur Ewigkeit verhilft.

Friedemann Vogels Romeo ist ein eher feinsinniger, verträumter Italiener, dem man anfangs vielleicht weniger die Affäre mit Rosalinde, dafür im weiteren Verlauf umso mehr die gänzlich haltlose Schwärmerei für Julia glaubt. Diese Julia wiederum ist in der Interpretation von Alicia Amatriain zunächst von feinnerviger Schwerelosigkeit, um später dann doch aus wachsender Verzweiflung auch schreckliche Entschlossenheit glaubwürdig ent­wickeln zu können. Und dass ihnen zur Seite Alexander Jones als Graf Paris eigentlich auch eine höchst ansehnliche Partie abgäbe, Nikolay Godunov als Tybalt empörende Schnöseligkeit an den Tag legt, derweil Filip Barankiewicz als Mercutio und Marijn Rademaker als Benvolio ihm auf der Nase herumtanzen – all das wäre schon Grund genug für Beifall gewesen.

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