Stuttgarter Bürgertum Generation Webdesign

Von Wolfgang Schorlau 

Dass ein Grüner in einer Landeshauptstadt OB wird, ist bemerkenswert. Noch bemerkenswerter ist, dass in Stuttgart das aufgeklärte Bürgertum gesiegt hat – zum ersten Mal in der deutschen Geschichte überhaupt. Ein Gastbeitrag des Stuttgarter Krimi-Autors Wolfgang Schorlau.

Unter Kronleuchtern: Fritz Kuhn am Wahlabend auf der Grünen Party Foto: Martin Stollberg
Unter Kronleuchtern: Fritz Kuhn am Wahlabend auf der Grünen Party Foto: Martin Stollberg

Stuttgart - Das Bürgertum macht Presse. Die Grünen seien tief ins Bürgertum eingedrungen, erklärte Fritz Kuhn nach seiner Wahl zum Stuttgarter Oberbürgermeister. Der unterlegene Kandidat, Sebastian Turner, behauptete, er habe die Stimmen des „bürgerlichen Lagers“ voll ausgeschöpft. Beides zusammen kann nicht stimmen.

Fritz Kuhn übersieht möglicherweise, dass er von einer Koalition von Wählern ins Amt gehoben wurde, zu der auch die Anhänger von Hannes Rockenbauch (SÖS) und Bettina Wilhelm (parteilos) zählen. Ob die Anhänger Rockenbauchs sich umstandslos dem „Bürgertum“ zurechnen lassen, bezweifele ich. Bei den eher sozialdemokratisch orientierten Wählern von Frau Wilhelm sind diese Zweifel noch größer. Sebastian Turner muss die Augen fest vor der Tatsache verschlossen haben, dass aus dem Meer der grünen Wahlbezirke im Stadtkern nur zwei schwarze Zipfel an den Rändern schimmerten: im Norden die Bezirke um Zuffenhausen und im Süden um Untertürkheim. Beides jeweils die Sitze der beiden großen Automobilfirmen und bisher als bürgerliche Zentren nicht bekannt.

Die Unklarheit beginnt mit dem Begriff. Das Wort „Bürger“ entstand aus dem mittellateinischen burgus, das eine durch Mauern geschützte Ansiedlung von Kaufleuten und Handwerkern bezeichnete. Bürgertum grenzt sich vom Feudaladel nach oben und vom Bauerntum und Arbeiterklasse nach unten ab. Heute wird der Begriff meistens benutzt, um eine gut ausgebildete städtische Mittelschicht zu bezeichnen. Er beschreibt die Bandbreite zwischen reichen Großbürgern über Selbstständige bis hin zu Gehalt beziehenden mittleren Angestellten und Beamten.

Hölderin und Hegel, die Stammväter des Bürgertums

In der Zeit des Feudalismus begeisterten sich die deutschen Bürger an den Ideen der Französischen Revolution, an Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Auch wenn Hölderlin, Hegel und Schelling nie wirklich um den Baum der Freiheit in Tübingen tanzten, begrüßten sie doch die neue Zeit mit Begeisterung. Doch die Deutschen hatten nicht die Kraft, es den Franzosen gleichzutun – zu zersplittert lebten sie in Preußen und zahlreichen Kleinst-Fürstentümern. So gingen die drei Tübinger Freunde unterschiedliche Wege, die nahezu idealtypisch für die weitere Entwicklung des deutschen Bürgertums sind. Hölderlin blieb den bürgerlichen Idealen treu, verzweifelte an den Zuständen und wurde (vielleicht deshalb?) verrückt; Hegel machte seinen Frieden mit den Mächtigen, wurde Professor in Berlin und schrieb, dass das Wirkliche auch vernünftig sei. Mit etwas gutem Willen kann man die beiden als Stammväter der beiden Flügel des deutschen Bürgertums sehen, der obrigkeitshörigen Mehrheit und der aufgeklärten Minderheit.

Als Preußen und die deutschen Fürsten Napoleon bekämpften, lockerten sie die Unterdrückung der Bürger, um danach mit den Karlsbader Beschlüssen erneut jede freiheitliche Regung zu verfolgen. Die Deutschen, so spottete Karl Marx, seien nur einmal in Gesellschaft der Freiheit gewesen – am Tag ihrer Beerdigung. Das Ziel des Bürgertums – ein einiges Deutschland ohne Zollschranken, die Bildung eines sowohl politisch als auch wirtschaftlich einheitlichen Landes mit einem großen Binnenmarkt – wurde nicht erreicht. Lessing und Schiller wiesen den Deutschen dafür einen anderen Weg. Da die politische Einheit der Nation aussichtslos war, sollte zumindest ein Nationaltheater errichtet werden. In der Kultur suchten die Bürger nun Kompensation für die verweigerte politische Partizipation. Einen Staat mit Untertanen statt Bürgern akzeptierten sie, aber einen Staat ohne Kultur – undenkbar.

Als 1848 der Versuch misslang, die Demokratie zu erstreiten, und erst recht, als Bismarck 1871 „mit Blut und Eisen“ das bürgerliche Ziel des einigen Deutschland erzielte, gab das Bürgertum seine politischen Ziele auf. Es nutzte die Vorteile des nun geschaffenen großen Markts, aber es unterwarf sich politisch und gesellschaftlich vollständig dem Kaiser und den Fürsten. Heinrich Mann hat diesem kraftlosen und obrigkeitshörigen, nur dem Geld ergebenen Bürger in seinem Roman „Der Untertan“ ein unvergessliches Denkmal geschaffen. Als am Ende des Ersten Weltkriegs das Kaisertum am Ende war, hatte das deutsche Bürgertum nicht einmal mehr die Kraft, den Leichnam zu beseitigen. Das übernahmen die Arbeiter und Soldaten. Es war ein Sozialdemokrat, der schließlich die bürgerliche Republik ausrief. Es ist eine untilgbare Schande, dass das deutsche Bürgertum nur in seiner aufgeklärten Minderheit die Republik verteidigte. Es waren vor allem die jüdischen Teile des Bürgertums, es waren die Stimmen Tucholskys und Carl von Ossietzkys, während das Großbürgertum um Hugenberg die Einsetzung Hitlers als Reichskanzler betrieb und die bürgerlichen Parteien dem Ermächtigungsgesetz zustimmten.

Und wieder wurde uns die Republik geschenkt

1945 bekam Deutschland zum zweiten Mal eine bürgerliche Republik geschenkt, diesmal von den Alliierten. Das Bürgertum selbst hat seine Republik nie erstritten. Nach dem Krieg knüpfte die CDU an die obrigkeitshörigen Traditionen an. Hinzu kam, dass sie in großem Umfang ehemalige Nazi recycelte und in Baden-Württemberg sogar zwei ehemalige Mitglieder der NSDAP zu Ministerpräsidenten machte, Kurt Georg Kiesinger und Hans Karl Filbinger. Die schwache aufgeklärte Strömung des Bürgertums versteckte sich in verrauchten Jazzkellern oder suchte, wie Günter Grass, Unterschlupf bei der SPD. Erst von 1968 an meldete sich das aufgeklärte Bürgertum wieder zu Wort, lautstark, manchmal noch ungelenk und unpassend in proletarische Kostüme verkleidet, aber unübersehbar.

Die Achtundsechziger selbst waren in ihrer Generation eine Minderheit, erst die zwischen 1955 und 1970 geborenen Jahrgänge verliehen dem aufgeklärten Bürgertum Massencharakter. Die Erfahrung dieser Generationen ist, dass bei jeder ihrer politischen und gesellschaftlichen Äußerungen und Aktionen die CDU auf der anderen Seite stand. Das gilt für das Interesse am Umweltschutz, an der Friedensbewegung und an der Anti-Atomkraft-Bewegung, es gilt ebenso für das Engagement gegen Ausländerfeindlichkeit und für die Gleichberechtigung der Frauen – alle diese auf Emanzipation und Teilhabe gerichteten Bewegungen rieben sich an der CDU, bis schließlich komplette Jahrgänge die CDU als ihren naturgegebenen Gegner ansehen mussten. Die Konservativen verloren die Verbindung zu den damals heranwachsenden und heute mitten im Leben stehenden Jahrgängen. Das erklärt auch, dass sie bei modernen Berufen keinen Rückhalt haben. Der Bäckermeister wählt CDU, der Webdesigner die Grünen. Und es gibt heute nun mal weniger Bäckermeister als Webdesigner.

Die CDU mobilisierte stattdessen das Ressentiment gegen Minderheiten und Frauen, gegen Ausländer, Homosexuelle und Hartz-IV-Empfänger, gegen Achtundsechziger und Alleinerziehende. Das funktionierte bei den Generationen, die nach der schrecklichen Kriegserfahrung endlich Ruhe vor den unkalkulierbaren Risiken der Politik haben wollten und dann hauptsächlich Arbeit und Sicherheit suchten. Aber diese Stammwähler der CDU sind aus dem Berufsleben schon lange ausgeschieden.

Die Stuttgarter Sensation: die Aufklärung siegt!

Das unschätzbare historische Verdienst der Grünen besteht darin, dass sie den Minderheiten Stimme und Würde gegeben haben. Sie haben damit einer neuen Moralität zum Durchbruch verholfen.

Die Konservativen quält daher nicht nur das Problem, dass sie den Kontakt zum Bürgertum verloren haben und in Großstädten den Ton nicht treffen. Es geht nicht um den Ton. Die CDU hat vielmehr den Kontakt zu ganzen Generationen verloren. Das wird in den Großstädten jetzt sichtbar, doch schon bald wird sich die gleiche Entwicklung auch in kleineren Städten und auf dem Land zeigen.

Sowohl bei den Kommunalwahlen als auch bei den Bundestagswahlen wanderten nur wenig CDU-Wähler zu den Grünen. Der Wahlforscher Manfred Güllner sagte im „Spiegel“: „Bundesweit gibt es diesen Trend nicht. Auch in Stuttgart bekam die CDU ähnlich viele Stimmen wie bei der letzten Landtagswahl.“ Es ist vielmehr so, dass das obrigkeitshörige Lager an absoluten Zahlen abnimmt und das aufgeklärte Bürgertum, zum ersten Mal in der deutschen Geschichte, an absoluten Zahlen zunimmt und mit den richtigen Koalitionen die Mehrheit erzielen kann. Das ist die eigentliche Sensation einer – nun ja, eigentlich nur einer Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart.