Stuttgarter Fernsehturm ist wieder offen Gemächlicher Start in die neue Turm-Ära

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Die Fernsehturm-Vermarkter melden einen neuen Rekord beim Verkauf der Jahreskarten. Die Besucher am ersten Öffnungstag sind glücklich: Endlich dürfen sie wieder hoch, und das mit mäßigen Wartezeiten an der Kasse.

Liebe ist stärker als der eisige Wind über der Waldau – das gilt für die Zuneigung dieses Pärchens ebenso wie für die Lieber der Stuttgarter zum Fernsehturm. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski 10 Bilder
Liebe ist stärker als der eisige Wind über der Waldau – das gilt für die Zuneigung dieses Pärchens ebenso wie für die Lieber der Stuttgarter zum Fernsehturm.Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Es gibt an diesem Samstag Momente, da staunt selbst das Marketingteam des Fernsehturms über die Begeisterung der Stuttgarter für ihr Wahrzeichen. „Als wir um 7 Uhr kamen, um hier alles aufzubauen und vorzubereiten, saßen ein paar Jugendliche draußen auf der Parkbank, mit einer Thermoskanne Tee haben sie sich aufgewärmt“, erzählt Annette Schmidt von SWR Media Services (SMS), der Betreibergesellschaft des Turms. Die Jungs seien dann auch als erste drin und oben gewesen, am ersten Tag der neuen Zeitrechnung auf der Waldau: nach der Wiedereröffnung des Fernsehturms.

Es ist ein gemächlicher Start in einen eisigen Samstag, an dem es kaum jemand länger als ein paar Minuten auf der Aussichtsplattform aushält. Um 11 Uhr füllt die Schlange an der Kasse nicht einmal den umgebauten Souvenirladen. Das ist normal für einen Samstag“, sagt einer, der es wissen muss: der Technikchef Matthias Buck. Die Stuttgarter gehen samstags erst mal einkaufen, auf den Markt, erst dann widmen sie sich dem Vergnügen. Annette Schmidt vermutet, dass vielleicht auch manche den ersten Ansturm abwarten wollen – oder auf das große 24-Stunden-Fest zum 60. Geburtstag des Turms in der kommenden Woche warten. Dennoch kann sie schon zur Mittagszeit einen unerwarteten Erfolg vermelden: „Wir haben nach drei Stunden jetzt mit gut 70 Stück schon doppelt so viele Jahreskarten verkauft als 2012, dem letzten Jahr, in dem komplett geöffnet war“, zieht die SMS-Sprecherin eine erste Bilanz.

Draußen am Parkplatz freut sich einer ganz besonders, dass der Ansturm allmählich mehr wird. Hans Peter Fischer erzählt seine Geschichte so gern, und kokettiert ein wenig damit, dem Gegenüber zu unterstellen, man würde ihm nicht glauben: Er war als junger Maurer beim Bau des Turms dabei. Fein säuberlich gefaltet präsentiert er das Taschentuch, dass er beim Richtfest eingesteckt hatte: „Wo bitte hätte man das sonst bekommen sollen, wenn nicht hier?“ fragt er. Auch hat er ein Teil dabei, mit dem seine Familie ganz wesentlich zum Gelingen des Turmbaus zu Degerloch beitrug: einen verstellbaren Holzsprieß. „Das ist der Hägele Patent-Sprieß“, erläutert Fischer. Seine Onkel hätten in Fellbach Baumärkte betrieben und jenes variable Stützelement gefertigt. „Pass auch ein bisschen auf, dass die die Gewinde nicht heschlagen“, habe ihm sein Onkel gesagt, als er ihn zur Baustelle schickte. 60 Jahre später freut sich der 79-Jährige, dass Turmbesucher bei ihm stehenbleiben und mit ihm einen Schwatz über Fritz Leonhardt, den Konstrukteur des Turms, halten.

Zur Mittagszeit wird der Ansturm größer

Zur Mittagszeit wird der Ansturm etwas größer, und Matthias Buck achtet darauf, dass niemand ungezählt den Eingang passiert. „Das Drehkreuz tut nicht so richtig“, räumt er ein. Diese Anlage vor dem stillgelegten Kassenhäuschen ist wichtig, weil wie vor der Schließung nur 320 Personen gleichzeitig im Turmkorb sein dürfen. Daher muss das Personal sicherstellen, dass jeder Gast gezählt wird. Ein leicht zickiges Drehkreuz bringt den Techniker und seine Kollegen nach drei Jahren des Wartens aber nicht aus der Ruhe: „Wenn es nicht irgendwo ein bisschen klemmen würde, dann hätten wir heute eindeutig zu wenig Besucher“, sagt der fröhliche Technikchef.

Über eins ist Buck genauso traurig wie viele alte Stammkunden: Sie vermissen die alten Eintrittskarten, im Volksmund „Wurschtmärkle“ genannt, weil sie von einer gelben Abrissrolle kamen, wie man sie heutzutage nur noch vom Imbiss auf der Hocketse kennt. Doch es gibt Trost: Die „Wurschtmärkle“ sind eines von fünf wechselnden Motiven auf den neuen Eintrittskarten, die mit sieben Euro 40 Prozent teurer geworden sind als das letzte gelbe Ticket, das an Gründonnerstag 2013 über die Theke des alten Kassenhäuschens ging.

Kaum jemand murrt über den Preis, ein wenig Kritik kommt aber doch: „Wenn man schon so viel Geld in die Sanierung steckt, dann wären wohl auch noch ein paar neue Klobrillen mit drin gewesen – die stehen ja bestimmt nicht unter Denkmalschutz“, sagt eine Besucherin. Auch der Spielplatz am Fuß des Turms bedürfe dringend einer Erneuerung. Nebenbei gibt es Tipps für den formvollendeten Rundgang auf der Aussichtsplattform: Ein Ehemann erzählt, wie er seinen Seitenscheitel mit dem Haarspray der Gattin sturmfest gemacht hat – um oben die vom Winde zerwühlte Frisur der Frau fotografisch festzuhalten.