Stuttgarter Fernsehturm Wahrzeichen im Winterschlaf
Markus Heffner, 17.01.2010 13:23 Uhr
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Das Stuttgarter Wahrzeichen hat derzeit nicht viel zu bieten... Foto: apd
Das Stuttgarter Wahrzeichen hat derzeit nicht viel zu bieten... Foto: apd
Stuttgart - Queen Elisabeth II. würde sich heute wohl kaum mehr königlich amüsieren, würde sie nach ihrem Besuch von 1965 noch einmal mit dem Aufzug den Stuttgarter Fernsehturm hinaufsausen. Der Panoramablick weit über die Stadt ist zwar immer noch einmalig und an schönen Tagen ungetrübt, ansonsten hat das Stuttgarter Wahrzeichen derzeit aber nicht viel zu bieten. Nicht mal Automatenkaffee und Butterbrezeln, Hummerschwänze und Champagner schon gar nicht.

Wie berichtet, sind Anfang des Jahres sowohl das Panoramacafé in der obersten Etage des Turmkorbs als auch das Restaurant Primafila am Fuß geschlossen worden. Die Sanierung des Restaurant wird mindestens sechs Monate dauern, das Café soll bereits in einigen Wochen wieder geöffnet werden, sagt Annette Schmidt von der SWR Media Services, der Betreibergesellschaft des Turms. Anlass für den Umbau ist der Abschied des langjährigen Pächters, nun soll die Gelegenheit genutzt werden, endlich "den Kantinencharakter" loszuwerden. Aber auch sonst soll sich in nächster Zeit so einiges ändern. "Wir wollen den Fernsehturm wieder mehr in die Herzen und Köpfe der Menschen zurückbringen", sagt Annette Schmidt, die eigens dafür Mitte vergangenes Jahres engagiert wurde, sozusagen als Turmvermarkterin.

Derzeit arbeitet sie an einem neuen Gesamtkonzept, was auch dringend nötig ist, wie sie zugibt. "In den vergangenen Jahren ist hier nicht viel passiert." In den Schaukästen im Rundgang, die wie das alte Kassenhäuschen und vieles andere in dem Turm denkmalgeschützt sind, wellen sich vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos unter Stecknadeln. Die Geschichte des Turms klebt in Schnipseln auf Pappkarton, drapiert von Kugelschreibern und Porzellantassen. An den Kästen selbst könne man wegen des Denkmalschutzes zwar nichts ändern, die Inhalte würden wie vieles andere auch aber ganz neu gestaltet werden, sagt Annette Schmidt.

SDR-Logo soll zurückkehren


So soll beispielsweise auch das alte SDR-Logo, der vom Grafiker und Designer Anton Stankowski stilisierte Turm im Kreis, wieder aus der Versenkung geholt werden, um damit künftig auf Kappen, T-Shirts, Postkarten, Briefpapier und vielem anderen für den Turm zu werben. Das Anmeldeverfahren läuft bereits. Außerdem sollen künftig auch regelmäßig Führungen hinter die Kulissen zu festen Zeiten angeboten werden. Bisher sind nur Gruppen-Führungen nach Vereinbarung möglich. Derzeit schule man einige Mitarbeiter dafür, so Annette Schmidt. Außerdem sei geplant, künftig auch wieder verstärkt Radiosendungen im Turm zu produzieren. Den Anfang macht Mitte Februar die SWR2-Bestenliste.

Das Wahrzeichen der Stadt soll aus dem Winterschlaf geholt werden - was schwer genug werden wird, glaubt man Friedrich von Borries. Der Professor für Designtheorie an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg hat eine Ausstellung über weltweit 25 Fernsehtürme kuratiert, die derzeit im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt gezeigt wird. Mit seinem Team hat er Türme von Shanghai bis Stuttgart besucht. "Anders als in Asien ist in Deutschland die Zeit der Fernsehtürme vorbei", sagt er.

Früher hätten die Wunderwerke der 50er Jahre einen einmaligen Blick ermöglicht, den man heute hundertfach habe. Vor allem aber hätte der damals auch politisch aufgeladene neue Typus Fernsehturm als Symbol des Technologiefortschritts und gesellschaftlichen Wandels ausgedient und damit seinen Glanz verloren. "Die Menschen glauben nicht mehr, dass Technik in eine bessere Zukunft führt." Im Zeitalter des Satellitenfernsehens seien Fernsehtürme nur noch Objekte von Souvenirkitsch und kaum noch vernünftig zu betreiben.

Nur in Berlin Besucherrekorde


Im Hamburger "Telemichl" sind die Besucherplattformen seit dem Jahr 2001 geschlossen, weil sich bis heute kein Betreiber gefunden hat, der die Umbaukosten übernimmt. Und der "Ginnheimer Spargel" in Frankfurt wird von Firmen genutzt, um Fahrstühle zu testen. Lediglich der Berliner Fernsehturm, im Volksmund auch "Imponierkeule" oder "Protzstengel" genannt, funktioniere als Symbol der Wiedervereinigung noch als Wahrzeichen mit immer neuen Besucherrekorden, so Friedrich von Borries.

Im Stuttgarter Fernsehturm, der seit seiner Eröffnung im Jahr 1956 ohne liebevollen Spitznamen auskommen muss, sind die Zahlen dagegen kontinuierlich am Sinken. 2008 lösten noch 33.0000 Besucher ein Ticket, vergangenes Jahr waren es weniger als 300.000. Und in diesem Januar läuft das Geschäft so schlecht wie lange nicht mehr, was nicht nur an den schneebedeckten Straßen liegt.

Zu spüren ist das auch im Etat des SWR, der als einzige Rundfunkanstalt noch selbst einen Fernsehturm betreibt. Die meisten Türme in Deutschland, etwa 500, sind im Besitz der Deutschen Funkturm GmbH, einer Telekom-Tochter, die verzweifelt nach Investoren sucht. Das Eintrittsgeld decke gerade die Personalkosten, sagt Jürgen Frank, einer der drei Betriebstechniker. Die gesamte Instandhaltung, die immer aufwendiger werde, trage der SWR alleine.

Schon deshalb soll der von Fritz Leonhardt erbaute Turm, von dem viele sagen, er sei an Schönheit unübertroffen, wieder belebt werden. "Er ist eine Perle", findet auch Designprofessor Friedrich von Borries. Und noch dazu ist er der erste der Welt, der Urahn aller Türme. Viele wüssten immer noch nicht, dass auf dem Hohen Bopser in Stuttgart das Vorbild aller modernen Fernsehtürme steht. "Das hebt uns von allen ab", sagt Annette Schmidt, die auch wieder mehr Firmenveranstaltungen und Privatfeiern in die 217 Meter hohe Betonnadel holen will. "Es wird schon bald wieder aufwärts gehen", kündigt sie an. Auch wenn die Zeiten für immer vorbei sind, in denen königlichem Besuch und anderer Prominenz Hummerschwänze serviert wurden.
Kommentare (9)
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JAN
18
StZ-Online, 08:43 Uhr

Hinweis

Vielen Dank für den Hinweis auf den Rechtschreibfehler. Wir haben's korrigiert.

JAN
17
Hinweis, 22:26 Uhr

Kleinigkeit: Tippfehler

–> Hohen BoSPer in Stuttgart zum Glück kann mans im I-Net berichtigen ;)

JAN
17
Simon Steiner, 22:19 Uhr

Fernsehturm

Wie schrieb neulich hier in der StZ der Dichter Timo Brunke über den Fernsehturm so treffend: "Das Rot glüht auf. Ich atme ein. Das Rot glüht ab. Ausatmen. Sein."

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