Stuttgarter kämpft gegen Piraten Seeräuber im Visier

Frank Buchmeier, 21.11.2012 15:15 Uhr

Stuttgart - Kürzlich tauchte über verschlungene Wege ein Video im Internet auf, das erahnen lässt, wie blutig es im Indischen Ozean zugeht. Die Gewaltszene wurde von der Helmkamera eines Sicherheitsmannes an Bord der „Avocet“ aufgenommen: Ein kleines Boot, ein sogenanntes „Skiff“, rast auf den Frachter zu. Piraten! „Ich gebe die Waffen frei“, sagt ein Sicherheitsmann in sein Funkgerät. Gewehre knattern, Patronenhülsen fliegen. Ob es Verletzte oder gar Tote gibt, ist auf den Bildern nicht zu erkennen.

Rund 6000 Kilometer nordwestlich der Kampfzone sitzt Volker Kaltenbach im Büro der German Naval Security. Die genaue Adresse der Stuttgarter Sicherheitsfirma ist geheim wie so manches, was der Unternehmer an diesem Novembernachmittag erzählt. Kaltenbach sagt, er müsse seine Familie und seine Mitarbeiter schützen. Was auf dieser Zeitungsseite zu lesen ist, beschreibt die Realität folglich unvollständig.

Vor neun Jahren trifft Volker Kaltenbach erstmals auf Piraten. Damals befindet er sich als Personenschützer auf einer Yacht, die von Dubai durch den Golf von Oman bis zum Kap der Guten Hoffnung unterwegs ist. Vor der Küste von Somalia wird das Luxusschiff von einem Skiff attackiert. Kaltenbach erkennt, dass seine Gegner russische Sturmgewehre im Anschlag halten, er selbst ist lediglich mit einer Pistole ausgerüstet. Drei Warnschüsse reichen, um den Spuk zu beenden. Somalische Seeräuber sind 2003 noch schreckhafte Amateure.

Vorsichtshalber beschließt Kaltenbach, künftig eine Langwaffe mit an Bord zu nehmen. 2010 bewahrt das bis auf einen halben Kilometer zielsichere Gewehr ihn und seine arabischen Auftraggeber vor einer Entführung. Von zwei Seiten greifen Piraten an, mit jeweils sechs Mann. Manche tragen Panzerfäuste auf den Schultern. Würden die Piraten bis auf 200 Meter an die Yacht herankommen, wäre sie nicht mehr zu verteidigen, ohne das Leben der Passagiere zu gefährden. Mit seiner großkalibrigen Waffe gelingt es Kaltenbach, die Außenbordmotoren der Skiffs zu zerstören.

Hunderte Millionen Euro fließen in die Hände von Piraten

In jener Zeit breitet sich die Piraterie am Horn von Afrika wie eine Epidemie aus. Im Jahr 2011 registriert das International Maritime Bureau in London 968 geenterte Handelsschiffe und 1181 gekidnappte Besatzungsmitglieder. Hunderte Millionen Euro Lösegeld fließen an die Piraten, hinzu kommen immense Aufwendungen, um die geplünderten Schiffe wieder fahrbereit zu bekommen. Um der Gefahr auszuweichen, werden die Waren teilweise über große Umwege ans Ziel gebracht. Das kostet Tage und Diesel. Der volkswirtschaftliche Schaden, der durch die Piraterie entsteht, wird auf 5,5 Milliarden Euro geschätzt.

Die Freibeuter gehen immer brutaler vor. Bei den Überfällen werden acht Seeleute getötet, darunter drei Besatzungsmitglieder des deutschen Frachters„Beluga Nomination“. Dessen Eigner möchte einen privaten Schutzdienst engagieren, doch die Behörden lehnen das ab: Auf deutschen Handelsschiffen sind Waffen verboten.

Derweil schützt die Stuttgarter Firma German Naval Security völlig legal den Schweizer Außenhandel. 2010 steigt Volker Kaltenbach mit seinem Team in Malta auf ein Schiff einer eidgenössischen Reederei, um es bis nach Sri Lanka zu begleiten. Fünf weitere Seefahrten unter der roten Flagge mit dem weißen Kreuz folgen.

Die tief im Wasser liegenden und langsamen Schweizer Schwergutfrachter sind leicht zu entern. Rund um die Uhr, in Sechs-Stunden-Schichten, schieben Kaltenbach und seine drei Mitarbeiter Wache. Zweimal, jeweils bei Sonnenaufgang, wehren sie Angriffe von Piraten ab. Während die Sicherheitsleute von der Brücke und vom Bug aus feuern, harrt die Zwölf-Mann-Besatzung in einem direkt über dem Ruder liegenden Schutzraum aus. Sollte der Frachter geentert werden, könnten die Seeleute noch immer darauf hoffen, dass sie von einer Nato-Fregatte gerettet werden: Der Sauerstoff in der sogenannten Zitadelle reicht zwei Tage.