Stuttgarter Kriminächte
Der Reiz des Ungewöhnlichen
Jörg Breithut,
09.03.2010 07:12 Uhr
Krimistunde im Rotlichtviertel: Monika Geier liest im "Four Roses". Foto: Stoppel
Stuttgart - Das Licht erlischt, ein gellender Schrei ertönt, mit einem dumpfen Schlag fällt jemand zu Boden. Als die Beleuchtung wieder funktioniert, entdeckt Kommissar Kluftinger unter dem Tisch einen leblosen Körper, der in einer Blutlache liegt. Kluftinger schlussfolgert: "Er hat ein Messer im Rücken - ich würde Fremdverschulden nicht ausschließen." Mit Applaus und schallendem Gelächter quittiert das Publikum die Szene aus dem Buch "Rauhnacht", die Volker Klüpfel und Michael Kobr am Sonntagabend im Theaterhaus gelesen haben. Mit ihrer vergnüglichen Vorstellung setzten die Popstars unter den Krimiautoren im ausverkauften Theaterhaus einen heiteren Schlusspunkt bei den ersten Stuttgarter Kriminächten.
Seit diesem Jahr hat nun auch Stuttgart ein eigenes Krimifestival - und folgt damit einem bundesweiten Trend. Einem Trend, der sich in vielen anderen Städten längst etabliert hat. In München, Hamburg und dem Ruhrgebiet freuen sich die Krimifans jährlich auf Mord-und-Totschlag-Festivals. Der Besucherandrang ist nahezu garantiert. Denn nicht nur das Krimiflaggschiff "Tatort" lockt an Sonntagabenden Millionen Zuschauer vor die Fernsehbildschirme. Auch in Romanform ist der Krimi beliebter als je zuvor. Jeder vierte belletristische Titel, der hierzulande über die Ladentheke wandert, ist ein Krimi. Noch vor sechs Jahren war nur jedes fünfte verkaufte Belletristik-Buch ein Kriminalroman.
Der Verein Stuttgarter Kriminächte hat sich der Aufgabe angenommen, nun auch in der Landeshauptstadt ein Krimifestival auf die Beine zu stellen. Die Vereinsmitglieder hatten in den vergangenen zwei Jahren verschiedene Autoren aus aller Welt engagiert, unter anderem auch die beiden südafrikanischen Schriftsteller Deon Meyer und Roger Smith. Doch auch die Lokalmatadore Christine Lehmann und Wolfgang Schorlau hatten ihren Auftritt bei den Kriminächten. Als Galionsfiguren vertraten sie die vielversprechende Autorengeneration nach Felix Huby, die auch Ursula Sobek ermutigte, ein Festival dieser Art nach Stuttgart zu bringen. "Wir haben viele bekannte Autoren", doch ein Krimifestival habe in der Stadt bisher einfach gefehlt, sagt Sobek. Dabei sei Stuttgart eine "kleine Hochburg der Kriminalliteratur".
Der Heimvorteil verschaffte dem Stuttgarter Autoren Schorlau gleich zwei Auftritte bei den Kriminächten. Er las in der morbiden Aura des Krematoriums und philosophierte im Jazzclub Bix über den modernen Krimi. Im schummrigen Ambiente des Musiklokals enthüllte der Stuttgarter Autor einige Geheimnisse über den Entstehungsprozess seiner Romane. Er sagte: "Bei meinen ersten Romanen habe ich versucht, alles zu konstruieren - das hat nicht funktioniert." Seither lasse er die Geschichte beim Schreiben entstehen. Der obligatorische Mord zu Beginn eines Krimis sei ihm nicht so wichtig. Es zähle nur, den Zuschauer, den Zuhörer oder den Leser zu fesseln. "Das Schlimmste, was man einem Krimi vorwerfen kann, ist, dass er nicht spannend ist", sagt Schorlau. Die zentrale Straftat, um die sich die Geschichte aufbaue, sei nebensächlich. Sein Fazit: "Es muss nicht immer Mord sein."
Es war der prickelnde Reiz des Ungewöhnlichen, der vielen Lesungen einen besonderen Charme verlieh. Ob im Polizeipräsidium, im Krematorium, im Nachtclub oder in der Straßenbahn - die außergewöhnlichen Orte lockten ein neugieriges Publikum an. Die Folge: bis auf wenige Ausnahmen waren alle Lesungen Wochen vorher ausverkauft. Vergeblich versuchten viele Besucher, an der Abendkasse noch Karten zu ergattern, wurden aber meist abgewiesen. Man werde versuchen, sagt Ursula Sobek, im kommenden Jahr größere Locations zu finden. Auch das Repertoire soll noch um einige Partner erweitert werden. In diesem Jahr hatten bereits das Theater Rampe den "Kameramörder" ins Festival-Programm eingespeist, in der Krimifabrik wurde "Ein gefährliches Date" gespielt, die Filmgalerie 451 zeigte Kinofilme.
Nicht alles lief jedoch reibungslos beim Festivaldebüt, nicht alle Veranstaltungen hielten das, was das Programmheft versprach. Erwartungsvoll waren die Krimifans in die Pathologie des Katharinenhospitals gekommen, um Heinrich Steinfest aus seinem unveröffentlichten Roman "Batmans Schönheit" lesen zu hören. Doch viele zeigten sich enttäuscht, als bekannt wurde, dass Steinfest ausschließlich im Hörsaal lesen würde. Viele hatten gehofft, einen Blick in den Obduktionssaal werfen zu können. "Das lief anders als geplant", sagt Ursula Sobek.
Auch in der Tabledance-Bar "Four Roses" wich die anfängliche Spannung immer mehr einer angespannten Atmosphäre. Im überfüllten Stripteaselokal drängten sich die Besucher auf den Ledersofas und äußerten ihren Unmut über die krächzenden Töne aus den Lautsprechern. Weitgehend ohne Reaktion nahm das Publikum die Lesung der Autorin Monika Geier und ihre wortkargen Antworten an die Moderatorin wahr. "Bei der einen oder anderen Veranstaltung gab es noch kleinere Probleme", sagt Sobek. "Wir sind bereit, aus unseren Fehlern zu lernen." Dass es im kommenden Jahr eine zweite Auflage geben wird, ist jedoch unbestritten. Der große Zulauf hat den Veranstaltern gezeigt, dass die Kriminächte eine Lücke füllen, die bisher unbeachtet in Stuttgart klaffte.
Der Schlussapplaus bei der Kluftinger-Show im Theaterhaus untermauert das. Denn das Publikum bejubelt das Krimi-Duo, klatscht Beifall für die gelungene Mischung aus Spannung und Humor. Volker Klüpfel und Michael Kobr geben also noch eine letzte Zugabe. Zum Abschluss ihrer kabarettistischen Lesung raten die beiden Autoren den Zuschauern im Saal: "Nehmen Sie sich immer ein gutes Buch mit ins Bett - oder jemanden, der eines geschrieben hat."
Seit diesem Jahr hat nun auch Stuttgart ein eigenes Krimifestival - und folgt damit einem bundesweiten Trend. Einem Trend, der sich in vielen anderen Städten längst etabliert hat. In München, Hamburg und dem Ruhrgebiet freuen sich die Krimifans jährlich auf Mord-und-Totschlag-Festivals. Der Besucherandrang ist nahezu garantiert. Denn nicht nur das Krimiflaggschiff "Tatort" lockt an Sonntagabenden Millionen Zuschauer vor die Fernsehbildschirme. Auch in Romanform ist der Krimi beliebter als je zuvor. Jeder vierte belletristische Titel, der hierzulande über die Ladentheke wandert, ist ein Krimi. Noch vor sechs Jahren war nur jedes fünfte verkaufte Belletristik-Buch ein Kriminalroman.
Lokalmatadore und internationale Autoren
Der Verein Stuttgarter Kriminächte hat sich der Aufgabe angenommen, nun auch in der Landeshauptstadt ein Krimifestival auf die Beine zu stellen. Die Vereinsmitglieder hatten in den vergangenen zwei Jahren verschiedene Autoren aus aller Welt engagiert, unter anderem auch die beiden südafrikanischen Schriftsteller Deon Meyer und Roger Smith. Doch auch die Lokalmatadore Christine Lehmann und Wolfgang Schorlau hatten ihren Auftritt bei den Kriminächten. Als Galionsfiguren vertraten sie die vielversprechende Autorengeneration nach Felix Huby, die auch Ursula Sobek ermutigte, ein Festival dieser Art nach Stuttgart zu bringen. "Wir haben viele bekannte Autoren", doch ein Krimifestival habe in der Stadt bisher einfach gefehlt, sagt Sobek. Dabei sei Stuttgart eine "kleine Hochburg der Kriminalliteratur".
Der Heimvorteil verschaffte dem Stuttgarter Autoren Schorlau gleich zwei Auftritte bei den Kriminächten. Er las in der morbiden Aura des Krematoriums und philosophierte im Jazzclub Bix über den modernen Krimi. Im schummrigen Ambiente des Musiklokals enthüllte der Stuttgarter Autor einige Geheimnisse über den Entstehungsprozess seiner Romane. Er sagte: "Bei meinen ersten Romanen habe ich versucht, alles zu konstruieren - das hat nicht funktioniert." Seither lasse er die Geschichte beim Schreiben entstehen. Der obligatorische Mord zu Beginn eines Krimis sei ihm nicht so wichtig. Es zähle nur, den Zuschauer, den Zuhörer oder den Leser zu fesseln. "Das Schlimmste, was man einem Krimi vorwerfen kann, ist, dass er nicht spannend ist", sagt Schorlau. Die zentrale Straftat, um die sich die Geschichte aufbaue, sei nebensächlich. Sein Fazit: "Es muss nicht immer Mord sein."
Nicht alles ist reibungslos beim Festival-Debüt gelaufen
Es war der prickelnde Reiz des Ungewöhnlichen, der vielen Lesungen einen besonderen Charme verlieh. Ob im Polizeipräsidium, im Krematorium, im Nachtclub oder in der Straßenbahn - die außergewöhnlichen Orte lockten ein neugieriges Publikum an. Die Folge: bis auf wenige Ausnahmen waren alle Lesungen Wochen vorher ausverkauft. Vergeblich versuchten viele Besucher, an der Abendkasse noch Karten zu ergattern, wurden aber meist abgewiesen. Man werde versuchen, sagt Ursula Sobek, im kommenden Jahr größere Locations zu finden. Auch das Repertoire soll noch um einige Partner erweitert werden. In diesem Jahr hatten bereits das Theater Rampe den "Kameramörder" ins Festival-Programm eingespeist, in der Krimifabrik wurde "Ein gefährliches Date" gespielt, die Filmgalerie 451 zeigte Kinofilme.
Nicht alles lief jedoch reibungslos beim Festivaldebüt, nicht alle Veranstaltungen hielten das, was das Programmheft versprach. Erwartungsvoll waren die Krimifans in die Pathologie des Katharinenhospitals gekommen, um Heinrich Steinfest aus seinem unveröffentlichten Roman "Batmans Schönheit" lesen zu hören. Doch viele zeigten sich enttäuscht, als bekannt wurde, dass Steinfest ausschließlich im Hörsaal lesen würde. Viele hatten gehofft, einen Blick in den Obduktionssaal werfen zu können. "Das lief anders als geplant", sagt Ursula Sobek.
Im kommenden Jahr wird es eine zweite Auflage geben
Auch in der Tabledance-Bar "Four Roses" wich die anfängliche Spannung immer mehr einer angespannten Atmosphäre. Im überfüllten Stripteaselokal drängten sich die Besucher auf den Ledersofas und äußerten ihren Unmut über die krächzenden Töne aus den Lautsprechern. Weitgehend ohne Reaktion nahm das Publikum die Lesung der Autorin Monika Geier und ihre wortkargen Antworten an die Moderatorin wahr. "Bei der einen oder anderen Veranstaltung gab es noch kleinere Probleme", sagt Sobek. "Wir sind bereit, aus unseren Fehlern zu lernen." Dass es im kommenden Jahr eine zweite Auflage geben wird, ist jedoch unbestritten. Der große Zulauf hat den Veranstaltern gezeigt, dass die Kriminächte eine Lücke füllen, die bisher unbeachtet in Stuttgart klaffte.
Der Schlussapplaus bei der Kluftinger-Show im Theaterhaus untermauert das. Denn das Publikum bejubelt das Krimi-Duo, klatscht Beifall für die gelungene Mischung aus Spannung und Humor. Volker Klüpfel und Michael Kobr geben also noch eine letzte Zugabe. Zum Abschluss ihrer kabarettistischen Lesung raten die beiden Autoren den Zuschauern im Saal: "Nehmen Sie sich immer ein gutes Buch mit ins Bett - oder jemanden, der eines geschrieben hat."
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