Stuttgarter Staatsoper Rudolf Frey inszeniert „Nabucco“

Markus Dippold, 20.02.2013 13:30 Uhr

Unser Stuttgart - „ ‚Nabucco’ spielt an keinem realistischen äußeren Ort, vielmehr ist die Handlung an einem inneren Ort angesiedelt.“ Wie Rudolf Frey seine Inszenierung von Giuseppe Verdis Oper „Nabucco“ umreißt, klingt das merkwürdig. Geht es nicht in dieser Geschichte um den Gegensatz zweier konkreter Orte, Jerusalem und Babylon? Spielt nicht die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat eine zentrale Rolle? „Wir nehmen das als Metapher und zeigen am Beginn der Oper eine Gesellschaft, die sich in existenzieller Not befindet und nach Identität und Orientierung sucht, deshalb bleiben die Handlungsorte unkonkret“, meint der 29-Jährige vor der Premiere.

Gleichwohl will er einen denkbar starken Kontrast zeigen: weil der erste Akt um den nicht anwesenden Gott kreise, nutzt Frey einen nüchternen, abstrahierten Raum, der im Gegensatz zum goldenen Glänzen der falschen Götter in Babylon steht. Von „epischer Zeichenhaftigkeit“ spricht der junge Österreicher in diesem Zusammenhang. Er sieht im „Nabucco“, wie in den meisten Verdi-Opern, etwas Überlebensgroßes, das man nicht einsperren sollte in zu kleinen Bildern: „Die großen Themen, die in diesen Stücken behandelt werden, können oft deutlicher auf einer surrealen, abstrakten Ebene verhandelt werden.“ Damit nimmt er in Kauf, dem Zuschauer keine Aktualisierung, keine eindeutige Lesart anzubieten: „Das fände ich falsch, weil es für mich ein zu enger Weg wäre. Ich stelle lieber Fragen, zu denen jeder Zuschauer seine zeitgemäße Assoziation finden kann.“

„In verschiedene Methoden hineinblicken“

Im aktuellen Theaterbetrieb ist so eine Haltung eine Ausnahme. Viele Regisseure, gerade jüngere, die sich profilieren wollen und müssen, neigen dazu, mitunter eine eigenständige Geschichte über das Bühnengeschehen zu legen. Betrachtet man die Biografie Rudolf Freys würde man ihn auch in dieser Ecke vermuten: Bereits als 21-Jähriger wurde er als Regieassistent am Wiener Burgtheater fest angestellt. Keine schlechte Adresse, vor allem eine Gelegenheit, von den größten zeitgenössischen Regisseuren zu lernen. Andrea Breth, Luc Bondy und Martin Kusej gehören zu den prominenten Namen, mit denen Frey gearbeitet hat.

Auf die Frage, was er von solchen Größen des Fachs gelernt hat, antwortet er ausweichend: „Vor allem die Möglichkeit, in verschiedene Methoden hineinzublicken.“ Nacheifern, gar kopieren ist seine Sache nicht. Abläufe, die könne man vielleicht übernehmen, natürlich auch die Kunst der Kommunikation und des Umgangs mit Menschen am Theater. Wenn er sich auf etwas festlegen müsse, dann seien das allenfalls Ernsthaftigkeit und Leidenschaft.

Die spürt man auch, wenn man Frey während der Bühnenorchesterprobe erlebt. Zwar ist er an diesem Vormittag nicht der Hauptakteur, die Probe dient vor allem der musikalischen Koordination zwischen Bühne und Graben, doch Frey beobachtet sehr genau, registriert, was die Solisten und Chormitglieder auf der Bühne machen. Da lässt er sich anscheinend auch nicht davon beeindrucken, dass der Chefdramaturg Sergio Morabito in der Probe direkt vor ihm sitzt, während der Chef des Hauses, Jossi Wieler, ihm bei dieser einzigen Verdi-Inszenierung im Jubiläumsjahr quasi von hinten über die Schulter schaut.

Erfolg mit zahlreichen Inszenierungen

Als Problem empfindet Frey es nicht, dass er als so junger Mensch an so einem bedeutenden Haus arbeitet, dazu noch mit einem sehr erfahrenen Dirigenten; im Gegensatz zum Regisseur hat der Italiener Giuliano Carella den „Nabucco“ schon viele Male aufgeführt. „Entscheidend sind dabei Haltung und Kommunikation. Man muss sich zuhören und sich gegenseitig verstehen, dann entsteht etwas Gemeinsames.“

Der in Salzburg geborene Frey hat in den letzten Jahren mit zahlreichen Inszenierungen Erfolg gehabt. Am Alten Schauspielhaus in Stuttgart, in Klagenfurt und Eisenach, am Wiener Burgtheater, in Salzburg und mehrfach am Staatstheater Meiningen hat er sowohl im Schauspiel als auch im Musiktheater Regie geführt. Dieses Pendeln zwischen den künstlerischen Welten empfindet Frey als Idealzustand: „Ich habe das große Privileg, mich nicht entscheiden zu müssen und ich hatte bisher das Glück, Intendanten zu treffen, die mir beides ermöglicht haben.“

Und hat er schon einen Stil als Regisseur entwickelt? Er wolle, sagt er zögernd, in seiner Arbeit immer die Balance finden zwischen dem Bewusstsein, dass bei ihm die Fäden der künstlerischen Arbeit zusammenlaufen, dass man aber nicht zum Despoten am Regiepult werden dürfe.

Vorstellungen: Die Premiere von „Nabucco“am Sonntag ist ausverkauft; für die weiteren Vorstellungen sind noch Restkarten erhältlich.