StZ-Interview zum Barschel-Tod Barschels ungeklärter Tod

Von  

Im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung schildert der Journalist Sebastian Knauer den dramatischen Moment im Jahr 1987, als er den früheren Kieler Ministerpräsidenten in einer Hotelbadewanne entdeckte.

Umstritten: „Stern“-Titelbild im Jahr 1987 mit dem Foto des toten Barschel Foto: Repro StZ
Umstritten: „Stern“-Titelbild im Jahr 1987 mit dem Foto des toten BarschelFoto: Repro StZ
Stuttgart – Seit einem Vierteljahrhundert ist die Frage unbeantwortet, ob der ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe Barschel Selbstmord beging oder ermordet wurde.
Herr Knauer, am 11. Oktober 1987 haben Sie im Genfer Hotel Beau Rivage den toten Uwe Barschel gefunden. Er lag angezogen in der Badewanne. Was hatten Sie in seinen Hotelzimmern zu suchen?
Ich bin nicht nach Genf gefahren, um einen Toten zu finden, sondern um ein politisches Interview mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein zu führen. Barschel hatte angedeutet, dass er entlastendes Beweismaterial vorlegen könne. Alle Versuche, in Genf Kontakt zu ihm zu bekommen, waren vergeblich gewesen. Deshalb habe ich an die Zimmertür geklopft. Als keine Reaktion kam, habe ich die Klinke gedrückt – und die Tür öffnete sich zu meiner Überraschung.

Sie sind in das Zimmer eingedrungen. Auf dem Nachttisch entdeckten Sie Akten und Notizen, die sich auf die Affäre bezogen. Der „Stern“-Fotograf Hans-Jörg Anders hat diese Unterlagen auf dem Flur fotografiert. War das nicht bereits eine unzulässige Grenzüberschreitung?
Ich habe jedes Verständnis für kritische Nachfragen. Aber es war damals eine Ausnahme­situation. Ich stand natürlich auch unter Druck. Nachdem ich die Notizen in den Schlafraum zurückgelegt und mit einer Pocketkamera ein paar Bilder der Szenerie gemacht hatte, klopfte ich auf dem Weg hinaus auch an die Badezimmertür. Als ich sie dann öffnete, sah ich den leblosen Körper in der Badewanne liegen.

War die Entdeckung ein Schock?
Es war eine Mischung aus Überraschung, Schock und Nichtwissen. Ich hatte keine Erfahrung mit Toten. Warum lag Barschel angezogen in der Wanne? War er tot? Der Kopf lag über Wasser, deshalb dachte ich, es ist keine lebensbedrohliche Situation. Nachdem ich mit der Kamera die Situation dokumentiert hatte, bin ich runter an die Rezeption, um die Hotelleitung zu informieren.

Sie sind nicht sofort rausgelaufen, um Hilfe zu holen – sondern zückten den Fotoapparat, um Bilder eines Toten zu machen. Schämen Sie sich heute für diese Reaktion?
Für eine solche Situation hat man ja kein Betriebshandbuch. Ich sah den leblosen Körper, aber ich wusste nicht, ob Barschel tot war. Dass ich dann fotografiert habe, kann man mir vorwerfen. Es war ein journalistischer Reflex, auch diese Situation zu dokumentieren. Vielleicht auch der Versuch, mich abzusichern. Es gab später ja auch irrwitzige Vorwürfe, ich hätte irgendetwas mit dem Tod zu tun. Ich respektiere natürlich die Gefühle der Familie, die später in der Schweiz ein Strafverfahren gegen mich angestrengt hat. Das endete mit einer Verurteilung zu einer Haftstrafe auf Bewährung und einer Geldstrafe. In Deutschland gab es kein Verfahren, weil man hier juristisch eine andere Einschätzung hatte als die Schweizer.

Ganz Deutschland rätselte damals, was hinter der Barschel-Affäre steckt: Wie viel wusste der Ministerpräsident von den Umtrieben seines Medienreferenten Reiner Pfeiffer, der mit übelsten Methoden versucht hatte, den SPD-Politiker Björn Engholm zu diskreditieren?
Pfeiffer war wohl ein Motor hinter diesen Machenschaften, die von einer anonymen Steueranzeige bis zum Streuen des Gerüchts reichten, Engholm sei homosexuell. Aber die politische Verantwortung lag unbestreitbar bei Barschel.

Barschels Familie argumentiert, Pfeiffer habe die entscheidenden Informationen über seine Untaten gegen viel Geld erst an die schleswig-holsteinische SPD und dann an den „Spiegel“ verkauft – ein klares Indiz, dass er den Ministerpräsidenten hintergangen habe.
Von Pfeiffers Umtrieben muss er mindestens gewusst haben. Der Oberschüler Barschel hat, als er Schülersprecher werden wollte, in Umlauf gebracht, dass ein Mitbewerber homosexuell gewesen war. Das ist ein Hinweis auf eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur.

Die Barschel-Affäre hat einen Blick in die Abgründe des politischen Lebens eröffnet. Hat das die Republik verändert?
Diese Affäre ist zum Synonym für schmutzige Tricks in der Politik geworden. Die haben nach 1987 nicht aufgehört – wie man an vielen anderen Skandalen gesehen hat. Der Tod Barschels hat noch einmal aufgezeigt, wohin Politik nicht führen darf: dass jemand dafür ermordet wird oder sich deshalb selbst das Leben nimmt.

Was glauben Sie: War es Mord oder Selbstmord?
Ich habe mir abgewöhnt, mit der Kategorie „Glauben“ an diese Sache heranzugehen. Als Journalist ärgert mich, dass dieser Fall immer noch ungelöst ist. So wabern immer noch ungezählte Verschwörungstheorien umher – als Täter kommen dann wahlweise der Mossad, der Bundesnachrichtendienst oder der iranischen Geheimdienst infrage.

Die Witwe von Uwe Barschel wie der ehemals zuständige Oberstaatsanwalt Heinrich Wille sind überzeugt, dass Barschel ermordet wurde.
Die Staatsanwaltschaft hätte lieber ihre Hausaufgaben ordentlich erledigen sollen, statt mit unbewiesenen Theorien die Spekulationen noch anzuheizen. Nur ein Beispiel: es gab Schuhabdrücke auf dem Badvorleger, die bis heute nicht identifiziert sind. Dass ein Abdruck möglicherweise zu einem Schuh des Reporters Knauer gehört, hätte die Staatsanwaltschaft seit fünf Jahren überprüfen können. Damals habe ich ihnen ein Paar Schuhe gegeben, von denen ich vermute, dass ich sie am 11. Oktober 1987 getragen habe. Diese Schuhe sind mir zurückgegeben worden, ohne dass eine ordentliche Prüfung stattgefunden hätte.

Eine neue Untersuchung von DNA-Spuren, die an Barschels Kleidung sichergestellt wurden, befeuert aktuell die Spekulationen. Ist der Fall noch zu klären?
Diese DNA-Spur ist ganz wichtig. Die ­Analyse geht zurück auf das hartnäckige Insistieren eines schleswig-holsteinischen CDU-Abgeordneten. Es war bezeichnenderweise keine Initiative der Staatsanwaltschaft. Zu einer solchen Untersuchung gehört dann aber, dass man die Proben mit der DNA von Menschen vergleicht, die damals nachweislich in dem Zimmer waren. Für meine Person kann ich sagen: mich hat niemand untersucht. Das belegt für mich die Halbherzigkeit, mit der die Staatsanwaltschaft vorgeht.

Vielleicht gibt es starke Interessen, dass der Fall unaufgeklärt bleibt.
Ich fände das schwer erträglich – vor allem für die Familie. Sie hat ein Anrecht auf eine klare Antwort.

Die Affäre
: Die Barschel-Affäre ist der wohl bekannteste politische Skandal in der Geschichte der Bundesrepublik. Mit üblen Methoden hatte der Kieler Ministerpräsident Uwe-Barschel versucht, seinen Kontrahenten Björn Engholm von der SPD auszumanövrieren. Als Barschels Medienreferent Reiner Pfeifer vor der Presse auspackt, muss der Ministerpräsident zurücktreten. Einen Monat später wird Barschel tot in Genf aufgefunden.

Der Reporter
: Der damalige „Stern“-Journalist Sebastian Knauer (63) machte 1987 das berühmte Foto des toten Barschel in der Badewanne. Die Veröffentlichung der Bilder und ihr Entstehen löste eine heftige Debatte über journalistische Ethik aus. Knauer wechselte später zum „Spiegel“. Im B&S Siebenhaar Verlag hat er das Buch „Barschel – Die Akte. Originaldokumente eines ungelösten Kriminalfalls“ herausgegeben.

  Artikel teilen
0 KommentareKommentar schreiben
Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt. Alternativ können Sie sich mit Ihrem Facebook-Account anmelden.