StZ Kolumne Götz Aly Ein Bischof stoppte Volk und Führer

Von Götz Aly 

Erinnern an den Bischof Clemens August Graf von Galen und sein Kampf gegen die Euthanasie

  Foto: Markus Wächter / Waechter
 Foto: Markus Wächter / Waechter

Berlin - Vor 75 Jahren, im August 1941, war an einen leichten deutschen Sieg über die Rote Armee nicht mehr zu denken. Nach einem Gespräch mit Hitler vermerkte Goebbels: „Die Aufregungen und Nervenbelastungen der letzten vier Wochen (haben) ihn hart mitgenommen“. Mit schwierigen Entscheidungen konfrontiert, stoppte Hitler die Euthanasiemorde am 23. August vom nächsten Tag an. Der Befehle traf die Exekutoren des Mordens völlig unvorbereitet. Sie hatten bis dahin mehr als 70 000 psychisch kranke und behinderte Deutsche in Gaskammern „beseitigt“.

Gegen den Mord an Wehrlosen

Die Kehrtwende Hitlers hatte ein einziger prinzipienfester Mann erzwungen: der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen. Gegen den Willen der feige agierenden katholischen Deutschen Bischofskonferenz und in markantem Gegensatz zu den öffentlich so schweigsamen Landesbischöfen und Würdenträgern der protestantischen Kirchen predigte Galen an drei Sonntagen hintereinander gegen den „glatten Mord“ an Wehrlosen und gegen das allgemeine Schweigen: „Man folgt dabei jener Lehre, die behauptet, man dürfe sogenanntes ‚lebensunwertes Leben’ vernichten, also unschuldige Menschen töten, eine furchtbare Lehre, die die Ermordung Unschuldiger rechtfertigen will, die die gewaltsame Tötung der nicht mehr arbeitsfähigen Invaliden, Krüppel, unheilbar Kranken, Altersschwachen grundsätzlich freigibt!“ Galen nannte Beispiele aus Münster und wandte sich direkt an die schweigenden Familien der Ermordeten: „Regelmäßig erhalten dann die Angehörigen nach kurzer Zeit die Mitteilung, der Kranke sei verstorben, die Leiche sei verbrannt, die Asche könne ausgeliefert werden.“ Zwischen den drei Predigten wurde Münster zweimal von schweren britischen Bombenangriffen heimgesucht. Aber Galen sprach nicht von „feindlichem Luftterror gegen Zivilisten“, nicht einmal vom Leid der Opfer. Sachlich predigte er vom „Strafgericht Gottes“, das die Stadt treffen müsse, weil in ihrer Mitte in schamloser Weise gegen das Gesetz Gottes verstoßen werde. Deshalb werde „der gerechte Gott“ über die Stadt weitere schwere Strafen verhängen, die „er verhängen muss und verhängen wird über alle, die nicht wollen, was Gott will“.

Keine Möglichkeit des Wegsehens

Weil Galen die Euthanasieverbrechen öffentlich und detailliert anprangerte, entzog er der Bevölkerung und auch seinen Kirchgängern die Möglichkeit des Wegsehens, des klammheimlichen Einverständnisses mit der „Aktion Gnadentod“. Deshalb forderte Goebbels zwei Tage nach der dritten Predigt nicht etwa den Kopf Galens („im Augenblick kaum tragbar“), sondern das vorläufige Ende der Euthanasiemorde, weil man in dieser „kritischen Periode des Krieges allen Zündstoff aus dem Volke fernhalten“ müsse. Nicht allein Mut und Glaubenskraft verhalfen Galen zum Erfolg, sondern auch die militärische Konstellation: der entschlossene Widerstand sowjetischer Soldaten und die Aktionen britischer Bomberpiloten. Bald darauf segnete Galen die Waffen für den Krieg gegen „den gottlosen Bolschewismus“. Für die verfolgten Juden tat er nichts. Dennoch: Ehre seinem Andenken. Wie anders hätte die Geschichte verlaufen können, wenn damals einige ganz unterschiedliche Männer und Frauen in herausgehobenen Positionen Galens Beispiel gefolgt wären und das Wort gegen die Herrschaft des Bösen erhoben hätten.

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Am Dienstag, 23. August, schreibt an dieser Stelle unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger.