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Superlative der Region Ganz oben, wo die Engel wohnen

Ulrich Stolte, 26.12.2012 09:01 Uhr

Vor 20 Jahren ist der evangelische Citypfarrer Peter Schaal-Ahlers zum letzten Mal hinaufgestiegen und hat auf dem engen Turmumgang der Esslinger Frauenkirche gestanden. Nicht zu lange nach unten schauen, warnen die Bergsteiger. Damals hat sich Peter Schaal-Ahlers gefragt, was er verwirklichen kann und muss in seiner Gemeinde, die vor der Kirche zu Füßen liegt. Jetzt stehen wir gemeinsam oben und sehen auf die Stadt.

„Merkwürdig, dass die Leute so verrückt auf Superlative sind“, sagt er. Der Turm überragt alle anderen Kirchtürme der Region Stuttgart um sieben Meter, als wollten die Esslinger schon im Mittelalter zeigen, wozu sie technisch in der Lage waren.

Golden schmückt ein Engel in 73,50 Meter Höhe den Turmhelm. Er sei der Erzengel Gabriel, vermutet Oliver Schütz, der Geschäftsführer des katholischen Dekanates. Er habe einst ein Spruchband getragen, auf dem „Ave Maria gratia plenum – Gegrüßest seist du Maria, voll der Gnade“ gestanden haben könnte. Maria, die Gebenedeite unter den Weibern, sagt die katholische Kirche, die Gottesgebärerin, sagen die Orthodoxen. Als die Verehrung der Mutter Gottes in höchster Blüte stand, wurde die Esslinger Frauenkirche 1321 begonnen, fertig wurde sie 1508 und gilt als die schönste gotische Kirche weit und breit. Sie wird in einem Atemzug mit dem Freiburger Münster und dem Wiener Stephansdom genannt.

Die prächtige Treppe wurde abgerissen

„Keine andere Kirche in Esslingen hat so entsetzlich gelitten“, sagt Schaal-Ahlers. Maria, du Schmerzensreiche: der Citypfarrer leidet mit der Kirche mit. Einst führte eine prächtige Freitreppe zu ihr hin, die Stadtmauer schützte das Gotteshaus. Die Treppe, der Vorplatz, einfach alles wurde abgerissen, um den Altstadtring zu schaffen. Jetzt wirkt die Kirche mit einem Betonsteg von grotesker Hässlichkeit an die Altstadt angedrahtet wie eine Zahnkrone. Ihre Schauseite mit dem Weltgerichtsportal wird verstellt vom Betonbarock der siebziger Jahre. Innen aber ist „Unserer lieben Frowen der hümelischen Künigin Capell“ mit sich im Reinen. Ein Wald von Pfeilern trägt ein 15 Meter hohes Dach, darüber verborgen erheben sich noch einmal 17,50 Meter Dachstuhl bis zum First in 32,50 Meter Höhe. Als wollte die Kirche sagen, das Unsichtbare sei das Größere an ihr.

Eines lernt man in diesen Kirchenräumen, dass die Aussage, eine evangelische Kirche sei eine reine Versammlungshalle, das ist, was Schaal-Ahlers als „platte protestantische Theologie“ bezeichnet. In einem Kirchenraum, in dem so viele Jahrhunderte gebetet wurde und den so viele Künstler gestaltet haben, spürt er die Anwesenheit Gottes.

Den Turm betritt man durch eine Klapptür neben dem Westportal. Der Weg führt über eine Wendeltreppe zunächst empor in die Organistenstube. Dort haben sich die großen Esslinger Musiker in Bildern verewigt. Kalt ist es hier, in einer Mauernische steht eine Kaffeemaschine, ein Sofa scheint aus der ersten Zeit der Kirche von 1321 zu stammen, weiter oben führt die Wendeltreppe in zwei Turmstuben. Darin ist ein kleines Museum der Renovierungen eingerichtet. Alte Pläne, alte Ansichten, ein zerfressener mittelalterlicher Wasserspeier sperrt sein Froschmaul auf. Einst wurde er gegen einen neu­gotischen Kollegen ausgetauscht, dessen düstere Schönheit jetzt die Fassade ziert. Die Treppe führt weiter in die Glockenstube.