SWR-Fernsehen Berater trimmt TV auf Quote

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Offiziell ist er nur Berater. Doch beim Umbau des SWR-Fernsehens hat Gil Bachrach viel Einfluss. Im Sender wird der Münchner TV-Produzent – ein Spezialist für Unterhaltung – teils gelobt, teils kritisch gesehen.

Viel Einfluss: Gil Bachrach (mit Landessenderdirektorin Felgenträger). Foto: Heinz Heiss
Viel Einfluss: Gil Bachrach (mit Landessenderdirektorin Felgenträger).Foto: Heinz Heiss

Stuttgart - Es war eine hochnotpeinliche Panne für Gil Bachrach. Als externer Berater, der das Fernsehprogramm auf Quote trimmen sollte, wurde er im Südwestrundfunk (SWR) ohnehin skeptisch beäugt. Und dann passierte ihm das: Er ließ die Kurzcharakterisierungen über Redakteure, die er für sich verfasst hatte, offen auf einem Schreibtisch liegen. Sie wurden entdeckt, gelesen und verursachten mächtig Aufregung. Bald wusste jeder im Haus, wen er als „Rädelsführer“ oder „Sozialtante“ – oder so ähnlich – charakterisiert hatte. Der Personalrat schaltete sich ein, die betroffene Redaktion durfte selbst entscheiden, ob sie mit Bachrach weiter zusammenarbeiten wollte – und tat es schließlich.

Heute, wenige Jahre nach dem Fauxpas, setzt der Sender immer noch (oder sogar mehr denn je) auf den Berater. Bei den Bemühungen, das SWR-Fernsehen von seinem Schlussplatz unter den Dritten zu holen, gilt er als Schlüsselfigur neben Heiner Backensfeld, dem Leiter der Hauptabteilung Programm-Management. Während Backensfeld vor allem an Strategien fürs Programmprofil knobelt, nimmt Bachrach sich einzelne Sendungen vor – zurzeit besonders die „Landesschau“ als Herzstück der „Neuausrichtung“. Nach wie vor scheiden sich die Geister an ihm: Manche halten ihn für eine Art Guru, der bessere Quoten gleichsam garantiere, andere sehen in ihm einen weiteren Protagonisten der immer wieder beklagten „Verflachung“. Einigkeit herrscht darüber, dass Bachrach, wiewohl nur tageweise im Sender und offiziell ohne Entscheidungskompetenz, erheblichen Einfluss aufs SWR-Programm habe.

Bunter Vogel unter blassen Hierarchen

Die Skepsis hat wohl auch mit seinem Auftreten und mit seiner Vita zu tun. Unter den blassen Hierarchen des Südwestrundfunks wirkt Bachrach allemal wie ein bunter Vogel. Das Hemd gerne weit aufgeknöpft, gibt sich der Münchner jovial-kumpelhaft und sprudelt nur so vor Ideen. Nicht diplomatisch, sondern deutlich-direkt ist seine Sprache. „Journalist“ gibt der studierte Jurist als Beruf an, doch sein Berufsweg weist ihn vor allem als Unterhaltungsexperten aus. Seine 1987 gegründete TV-Produktionsgesellschaft sei heute in Deutschland „eine der führenden“ im Bereich Unterhaltung, heißt es auf der Homepage von GAT – Gil Bachrach and Team.

Unter dem Motto „Gute Unterhaltung ist erfolgreich“ entwickelte und produzierte sie Formate wie das „Herzblatt“, die „Rudi-Carell-Show“ oder „Bitte melde Dich“, oft für öffentlich-rechtliche, aber auch für private Sender. Heute offeriert das Multitalent, das einst auch als Mitorganisator der Münchner Lichterkette gegen Ausländerfeindlichkeit von sich reden machte, Sendern, Produktionsfirmen und Redaktionen breit gefächerten Rat: von Analyse und Verbesserung bestehender Formate über die Entwicklung neuer bis zum „Moderatoren-Coaching“. Seine Devise: „Kreativität mit Erfolg umzusetzen braucht leidenschaftliche Partner.“

Fragen stellen abseits der Routine

Partner des Südwestrundfunks ist Bachrach bereits seit einigen Jahren – zunächst in Baden-Baden, wo er die scheidende Landessenderdirektorin Ingrid Felgenträger überzeugte. Einsätze in Stuttgart und Mainz folgten. Überall gebe es „eine ganze Menge fantastischer Menschen“ mit viel Kompetenz, schwärmt der Berater. Doch in großen Systemen wie dem SWR mit ihren eingefahrenen Strukturen entstünden immer wieder Knoten, die man von außen leichter lösen könne. Abseits der Routine des Alltags könne er „ganz einfache Fragen stellen“ und so Anstöße geben, das vorhandene Potenzial besser auszuschöpfen.

Seine Arbeit beginnt mit einer gemeinsamen Analyse des Vorgefundenen: Was wird den Zuschauern versprochen, was bekommen sie geliefert? Dann feilt er mit der Redaktion am Profil der Sendungen. Bei der „Landesschau“ etwa unterschieden sich die Magazin- und die Aktuell-Ausgaben nach Bachrachs Befund viel zu wenig; beide begannen oft mit den gleichen Themen. Inzwischen wählt das Magazin ganz bewusst einen anderen, emotionaleren Einstieg, die gesamte Dramaturgie änderte sich. Die „Landesschauen“ seien nun „viel strenger formatiert“ und damit klarer erkennbar, bilanziert der Berater.

Kritiker halte ihn für einen „Weichspüler“

Deutlich gestiegene Marktanteile scheinen ihm recht zu geben. Doch gerade dieses „Formatieren“ wird auch kritisch gesehen. „Er legt über alles seine Förmchen – und was hinausragt, wird abgehackt“, moniert ein Redakteur. Die Verpackung sei offenbar wichtiger als der Inhalt. Alles werde so lange weichgespült, „bis es selbst der Blödeste kapiert“, sekundiert ein Kollege. Offiziell gibt es freilich nur lobende Stimmen zu Bachrach. Seine Außensicht helfe dabei, die Dinge selbst aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten, bestätigten vom SWR ausgewählte Mitarbeiter im Intranet und im StZ-Gespräch. Oft gebe es dabei Aha-Effekte nach dem Motto: „Mensch, das stimmt eigentlich . . .“ Auch die Kritik, Bachrach übernehme gleichsam das Kommando in den beratenen Redaktionen und mache die Chefs dort überflüssig, wird von den Fürsprechern gekontert: deren „Entscheidungshoheit“ bleibe stets gewahrt.

Wie teuer der gute Rat von Bachrach ist, wird offiziell nicht verraten. Die auf den Fluren kursierenden Tagessätze von 2000 oder mehr Euro, heißt es, seien jedenfalls klar zu hoch. Nur eine Zahl verrät der SWR auf Anfrage: Für Prüfung und Beratung stünden dem Sender pro Jahr insgesamt 566 000 Euro zur Verfügung.

Die einst in den Memos charakterisierten SWR-Leute scheinen Bachrach übrigens nicht nur verziehen zu haben. Man sehe sie, staunen Kollegen, heute sogar „Arm in Arm“mit dem Berater.

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Grünen-Funk: Werter Herr Frank, Ihr Unmut über die größte Oppositionspartei in allen Ehren, aber hören Sie gelegentlich die Programme des SWR? Schalten Sie einfach mal SWR1 ein, ich kann mir durchaus vorstellen,wer da als "Sozialtante" charakterisiert wurde. Weichgespült, vom vermeintlichen Zeitgeist beflügelt, alles ist schlimm, jede/r ist stets betroffen, selbst die Verkehrsinformationen gehen nicht ohne Dutzi-Dutzi-Einheiten ab. Kaum einmal eine deutliche Positionierung, jede Meldung scheint mehrfach quer gelesen, der sogenannte "Erziehungsratgeber" ist zum Brechen. Wenn das konservativ-liberale Kreise ansprechen soll, dann schmieren diese Parteien zurecht ab. Deswegen geht Ihre Kritik ins Leere, dieses Feld haben die Grünen eindeutig besetzt. Einzig Holtmann ist noch einschaltbar. Von daher teile ich aber Ihre Meinung, ob man für sowas noch Gebühren zahlen muss, wobei ich sagen muss, dass private Sender auch nicht ausschließlich gemeinnützig unterwegs sind.

Nichts ist eingefahrener als der "SWR": welcher einen ernstzunehmenden Grundauftrag: dem Publikum Meinungsbildung auf der Basis ausreichender Information zu ermöglichen, zu 100% verfehlt - und damit die auch die Gebührenberechtigung. Das Ziel des SWR und seiner "Führungskräfte"; darunter CDU-Mann Boudgoust und eben Bachrach, ist Stimmung, nicht fundierte Meinung. Stimmung bei einem Publikum welches die Geschehnisse im Land, wenn überhaupt, nur lethargisch zur Kenntnis nehmen soll. Hierfür Gebührengelder einzufordern und einzutreiben ist frei von irgendeiner Rechtfertigung. Boudgousts ungeniert frecher Annahme, jeder habe zu bezahlen - auch der/diejenige welcher auf Empfang seines an Seichtigkeit kaum zu überbietenden Produkts verzichtet - muß endlich Kontra geboten werden. Da dies die Politik nicht tut, muß der Widerstand vom Publikum ausgehen.

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