Sylvain Cambreling im StZ-Interview Eine Wahl zwischen Pest und Cholera

Stefan Kister, 06.12.2012 20:38 Uhr
Stuttgart - Sylvain Cambreling, der Stuttgarter Generalmusikdirektor, ist eine der inspirierendsten Dirigentenpersönlichkeiten unserer Tage. Seit dieser Saison ist der 1948 im französischen Amiens Geborene Generalmusikdirektor in Stuttgart. Von 1999 bis 2011 war er Chefdirigent des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg. Er arbeitet mit allen führenden Weltorchestern. Unter seiner Leitung wurde Frankfurt Oper des Jahres (1995). Für Cambreling ist die Standortfrage von allen Problemen, die die Orchesterfusion mit sich bringt, das geringste.
Herr Cambreling, wo sollte Ihrer Ansicht nach der Standort des fusionierten Rundfunk-Sinfonieorchesters sein?
Für mich ist die entscheidende Frage nicht, wie oder wo die Fusion stattfinden sollte, sondern ob überhaupt. Ich halte sie für eine Katastrophe. Bis jetzt haben beide Orchester ein unverwechselbares Profil. Schmeißt man beide zusammen, kommt ein gesichtsloses, „normales“ Rundfunkorchester heraus, brauchen wir das wirklich?

Darüber ist aber schon entschieden worden, jetzt geht es um den Standort.
Es ist sehr schwer dazu etwas Vernünftiges zu sagen. Viel entscheidender als die Standortfrage ist doch: Welches Profil wird dieses Orchester haben und vor allem welcher Dirigent kommt dafür infrage.

Was wiegt aus der Sicht eines Dirigenten schwerer: eine bessere Infrastruktur oder bessere Probenbedingungen?
Die Möglichkeiten im Konzertsaal zu proben sind in Freiburg sicher besser. Dafür hat Stuttgart andere Vorteile. Aber das eigentliche Grundübel ist die Fusion, sie lässt nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Ich will nicht etwas entscheiden, was nur falsch entschieden werden kann. Als ehemaliger Freiburger müsste ich Freiburg sagen, als Neu-Stuttgarter das Gegenteil. In Stuttgart gibt es ein reiches Musikleben, die Stadt hat mit den Philharmonikern und dem Staatsorchester bereits zwei sehr gute Klangkörper, in Baden-Baden gibt es nichts und in Freiburg zumindest weniger als in Stuttgart. Wenn man das Musikleben im Land verbessern wollte, müsste man dem vielleicht Rechnung tragen. Aber noch einmal: die Standortfrage ist mir persönlich egal.

Aber sie bedeutet für eines der Orchester einen aufwendigen Umzug?
Man spricht nur über pragmatische oder logistische Dinge, über Stühle und Schränke, vergisst aber die viel entscheidenderen künstlerischen Fragen. Welcher Dirigent, welcher Manager wäre denn dieser Herkulesaufgabe gewachsen?

Das frage ich Sie?
Mir fällt niemand ein, der das könnte. Das Repertoire, dessen er mächtig sein müsste reicht vom Barock bis zur Musik von morgen. Dazu bräuchte er enorme psychologische Erfahrung. Denn egal wo der künftige Standort ist, ein Teil der Musiker samt ihrer Familien wird seinen bisherigen Lebensmittelpunkt aufgeben müssen. Das wird die Atmosphäre in den Proben erheblich belasten.

Wäre das eine Aufgabe, die Sie als Dirigent gereizt hätte?
Ich habe meine Zeit in Freiburg gehabt, eine wunderbare Zeit. Aber das, was da jetzt auf die Musiker und alle Beteiligten zukommt, egal an welchem Ort, kann ich nur als äußerst negativ sehen. Man macht zwei Orchester kaputt, nur um zu sparen. Ich finde es so unglaublich erbärmlich, dass immer die Kultur bluten muss. Fusion ist der falsche Ausdruck, Division trifft es genauer. Wenn sie jemanden für diesen Posten finden, wünsche ich ihm viel Kraft und Mut. Aber das ist eine Selbstmordposition, bei der man nur verlieren kann.