Täter-Opfer-Ausgleich in „Beyond Punishment“ Schuld, Sühne und Sprache

Von Kathrin Horster 

Der Dokumentarfilmer Hubertus Siegert hat in mehreren Ländern mit Mördern und den Hinterbliebenen ihrer Opfer gesprochen. Er zeigt in seinem Film die Versuche aller Beteiligten, das Geschehene zu verarbeiten.

Leola und ihre  Tochter Lisa gewähren dem Filmemacher Hubertus Siegert Einblick ins Leben der Hinterbliebenen eines Mordopfers. Foto: Piffl Medien
Leola und ihre Tochter Lisa gewähren dem Filmemacher Hubertus Siegert Einblick ins Leben der Hinterbliebenen eines Mordopfers. Foto: Piffl Medien

Stuttgart - Green Bay, ein Hochsicherheitsgefängnis im amerikanischen Bundesstaat Wisconsin. Eigentlich eine abgeschottete Welt, unterteilt in winzige Zellen, in denen Verurteilte einsitzen, die oft seit Jahrzehnten kaum Kontakt zur Außenwelt haben. Doch zweimal im Jahr kommen Besucher. „Restorative Justice“ – wiederherstellende Gerechtigkeit, heißt das Projekt, bei dem sich Täter und Opfer von Gewaltverbrechen in Gesprächszirkeln annähern und verständigen sollen.

Kann eine so empathische Form der ­Tataufarbeitung nach dem Richterspruch überhaupt gelingen? In „Beyond Punishment“ geht der Dokumentarfilmer Hubertus Siegert dieser Frage nach und versucht in Interviews, die strikte Trennung zwischen Tätern und Opfern zu überwinden. In Deutschland filmt er ein Treffen zwischen Patrick, der seinen Vater bei einem RAF-Anschlag verlor, und Manfred, einem Mitbegründer der Terrorzelle. In Norwegen trifft er Erik, dessen Tochter von ihrem Freund erschossen wurde. In den USA begleitet Siegert Leola und deren Tochter Lisa, die vom Mörder von Leolas Sohn ein klares Schuldeingeständnis erwarten.

Raum, sich zu erklären

Die sensiblen Porträts zeigen, wie sehr die Tat den Alltag aller Beteiligten noch Jahre später dominiert. Indirekt geht es auch darum, ob Strafjustizsysteme, ganz gleich welcher Prägung, überhaupt über geeignete Mittel verfügen, ein Verbrechen aufzuarbeiten oder gar zu sühnen.

Siegert gibt Opfern wie Tätern gleichermaßen Raum, sich zu erklären. Diese Herangehensweise ist fair, aber auch ein Wagnis, weil der Film nicht nur Mitgefühl für die Hinterbliebenen, sondern auch Verständnis für die Täter einfordert, die sich in gewisser Weise selbst als Opfer unglücklich verketteter Umstände erleben. Deren Verantwortlichkeit relativiert Siegerts Film aber nicht. Es bleibt die bittere Erkenntnis, dass allen offen geführten Dialogen zum Trotz jeder für sich allein einen Weg finden muss, mit dem Erlebten umzugehen.

Beyond Punishment. Deutschland 2015. Regie: Hubertus Siegert. Dokumentarfilm. 98 Minuten. Ab 12 Jahren.