Tag der Ersten Hilfe Experten werben für beherztes Eingreifen

Von Angela Stoll 

Wird nach einem Herzinfarkt oder Kreislaufzusammenbruch sofort Erste Hilfe geleistet, steigt die Chance zu überleben stark an. Doch aus Angst, etwas falsch zu machen, schrecken viele vor einer Wiederbelebung zurück.

Viele Erste-Hilfe-Kurse seien mit Nebensächlichem überfrachtet, sagen Notfallmediziner. Sie plädieren dafür, sich bei den Lehrgängen auf das Wesentliche zu konzentrieren: die Wiederbelebung. Foto: dpa
Viele Erste-Hilfe-Kurse seien mit Nebensächlichem überfrachtet, sagen Notfallmediziner. Sie plädieren dafür, sich bei den Lehrgängen auf das Wesentliche zu konzentrieren: die Wiederbelebung. Foto: dpa

München - Wenn einem Menschen das Herz stehenbleibt, braucht es Druck. Immer wieder, am besten 100-mal in der Minute sollte der Brustkorb eingedrückt werden. Nur so wird der Blutstrom wieder in Gang gebracht, der das Gehirn und die Organe notdürftig mit Sauerstoff versorgt. So gesehen ist die Wiederbelebung eigentlich einfach. Doch davor scheut sich die Mehrheit der Bundesbürger – weil sie sich nicht mehr daran erinnern, wie Erste Hilfe funktioniert.

Notfallmediziner wie Jan Breckwoldt von der Universität Zürich wundert das nicht: Viele Lehrgänge seien mit Nebensächlichem überfrachtet. Oft lernen die Laien umfangreiches Wissen zu allen möglichen Eventualitäten: Was tun mit einem ausgeschlagenen Zahn? Wie transportiert man einen abgeschnittenen Finger? Am Ende sind die Teilnehmer vor allem verwirrt und verunsichert. Das kann fatale Folgen haben, wie eine Forsa-Umfrage zeigt: Demnach trauen sich 44 Prozent der Befragten aus Angst vor Fehlern nicht zu, Erste Hilfe zu leisten.

„Man muss sich nur trauen!“, sagt Tobias Benthaus von der Deutschen Gesellschaft für Erste Hilfe in München. Vor allem bei einem Kreislaufstillstand ist der Einsatz der Laien gefordert: Wird nicht innerhalb von fünf Minuten mit der Herzdruckmassage begonnen, hat der Betroffene deutlich schlechtere Überlebenschancen. Da der Rettungswagen in Deutschland oft erst nach etwa zehn Minuten vor Ort ist, müssen Laien diese Zeit überbrücken. Der Anästhesist Jan-Thorsten Gräsner vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein sagt: „Wenn man nichts macht, stirbt der Betroffene. Man kann also nichts verkehrt machen!“

Nur 34 Prozent beginnen mit der Wiederbelebung

Hierzulande hat sich diese Erkenntnis offenbar noch nicht durchgesetzt. In Deutschland beginnen in Notfällen vergleichsweise wenige Menschen mit der Wiederbelebung: Im vergangenen Jahr geschah das nur in 34 Prozent der Fälle, wie Gräsner berichtet, der auch Sprecher des Organisationskomitees des Deutschen Reanimationsregisters ist. „Diese Quote hat sich aber schon erheblich verbessert“, sagt Gräsner. Innerhalb von fünf Jahren habe sie sich unter anderem dank massiver Öffentlichkeitsarbeit verdoppelt. Trotzdem sei sie noch zu niedrig.

Der Schnitt liegt in der EU bei etwa 50 Prozent. „Spitzenreiter ist Skandinavien mit 70 bis 80 Prozent“, sagt Gräsner. In Ländern wie Schweden und Norwegen werden die Maßnahmen von Anfang an in der Schule unterrichtet. Nun soll in Deutschland nachgezogen werden. Immerhin: Inzwischen gibt es auch hierzulande kurze Kurse, in denen Laien lebensrettende Maßnahmen in ein bis zwei Stunden gezeigt werden. Trotzdem möchte Gräsner an den herkömmlichen ­Erste-Hilfe-Schulungen, wie sie für Führerscheinkandidaten vorgeschrieben sind, ­festhalten: „Wir brauchen beides.“

Benthaus plädiert dafür, stärker auf entschlackte Kurse zu setzen. „Kürzer ist mehr“, sagt der Notarzt, der regelmäßig Ersthelfer unterrichtet. Außerdem hält er es für wichtig, Laien von Druck zu befreien. Um richtig zu reagieren, müssen Augenzeugen vor allem einen Kreislaufstillstand erkennen: Der Betroffene reagiert nicht und atmet entweder gar nicht oder nicht normal.

Herzdruckmassage ist wichtiger als die Beatmung

Diese Vereinfachung hat auch zur Folge, dass es nun nicht mehr heißt, dass der Bewusstlose auch Mund zu Mund oder Mund zu Nase beatmet werden muss, wie die Regel noch vor einigen Jahren hieß. Zwar halten einige Notfallmediziner noch daran fest – so auch Thorsten Gräsner vom Uni­klinikum Schleswig-Holstein. Es sei zwar richtig, dass die Herzdruckmassage zunächst reiche. „Aber das geht nur fünf Minuten lang gut. Dann wird sauerstoffarmes Blut durch den Körper gepumpt“, erklärt er. Daher sei es besser, lieber 30-mal zu drücken und zweimal zu beatmen.

Doch mit dieser Meinung ist er in der ­Minderheit: Eine Beatmung soll nur durchgeführt werden, wenn man trainiert ist und weiß, wie man beatmet. „Ein Konsens besteht aber darin, dass die Herzdruckmassage um ein Vielfaches wichtiger ist als die Beatmung“, sagt Benthaus von der Deutschen Gesellschaft für Erste Hilfe. „Den Leuten muss bewusst werden, dass sie allein mit ihren Händen mehr Leben retten können, als ein Medikament es je zu schaffen vermag.“

In einem Video erklärt der Ärztliche ­Direktor der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin des ­Stuttgarter Klinikums, Andreas Walther, wie man eine Herzdruckmassage ausführt: www.stn.de/herz. Die Deutsche Herz­stiftung hat zudem eine kostenlose Herznotfall-App entwickelt.