Talkshow „Kölner Treff“ Vom leichten Tralala zum schweren Schicksal

Thomas Gehringer, 30.11.2012 16:45 Uhr

Stuttgart - Auch das mitunter seichte Meer der Fernsehunterhaltung hat seine Klippen. Zum Beispiel den Wechsel vom fünften zum sechsten, dem letzten und traditionell nicht prominenten Gast beim WDR-Talk „Kölner Treff“ am Freitagabend. In der Sendung am 19. Oktober berichtete der „Landarzt“ Wayne Carpendale, wie er um die Hand von Annemarie Warnkross angehalten hatte. Auf Schlittschuhen in New York! „Schön, dass Sie da sind“, sagte Bettina Böttinger zum Abschluss freundlich. Applaus. Die Gastgeberin setzte sich zum Lesen die Brille auf, blätterte in den Papieren und begann die Vorstellung der nächsten Gäste ohne Umschweife und ohne Umschalten auf Betroffenheits-Modus: „Am 3. September 2010 verschwand der damals zehnjährige Mirco aus Grefrath, und zwar spurlos“, sagte sie nüchtern.

Die nächsten Gäste waren Sandra und Reinhard Schlitter, die Eltern des ermordeten Kindes, dessen Leiche erst 145 Tage später gefunden wurde. Die Schlitters hatten über den Verlust ihres Kindes ein Buch geschrieben, sie redeten ohne Stocken und keineswegs niedergedrückt über die lange Zeit der Ungewissheit, über ihre Trauer und den Entschluss, nicht mit Hass zu reagieren, sondern dem Täter zu vergeben. Das flaue Gefühl beim abrupten Wechsel von New York nach Grefrath, vom bunten Tralala zum realen Schicksal, verflog schnell. Wegen der Schlitters, aber auch wegen Bettina Böttinger. Weil sie weniger einhakte als beim Promi Carpendale, weil sie den Gästen den notwendigen Raum gab, aber weiter präsent und souverän blieb. Keine Spur von verdruckstem Drumherumreden, aber auch keine Spur von aufdringlichem Mitleidheischen. Sie habe „ein unheimlich schönes Lachen“, sagte die Moderatorin irgendwann zu Frau Schlitter, und auch das klang ganz ungekünstelt.

Am heutigen Freitag wird der „Kölner Treff“ zum 250. Mal seit März 2006 ausgestrahlt. Das Vorbild war nicht das zwischen 1976 und 1983 von Alfred Biolek, Dieter Thoma und Elke Heidenreich moderierte gleichnamige Format, sondern die „NDR Talk Show“. Doch nach einem „fulminanten Fehlstart“ (Böttinger) wurde die Doppelmoderation (mit Achim Winter) wieder abgeschafft und Böttinger die Rolle als alleinige Gastgeberin übertragen. Mittlerweile hat sich der „Kölner Treff“ im Reigen der parallel ausgestrahlten Freitagstalks eine Spitzenposition erarbeitet.

Zum Start ins Wochenende geht es friedlich zu

Bei den Gesprächen geht es allerdings eher um Temperatur als um Tiefe. Böttinger nennt den „Treff“ eine „Spielwiese“: „Wir haben da richtig gute Abende, ich fahre oft in ausgelassener Stimmung nach Hause.“ Dabei komme es gar nicht so darauf an, „was gesagt wird, sondern wie es gesagt wird“, sagt Böttinger, die einst mit „B. trifft“ auch schon ein innovativeres Format moderiert hatte. Im „Kölner Treff“ ist die gebürtige Düsseldorferin mit eigener Produktionsfirma (Encanto) „weniger die hartnäckig fragende Journalistin, das war schon eine Umstellung für mich“. Zum Start ins Wochenende geht es friedlich zu, in den Freitagstalks stellen Promis gern ihre Bücher oder CDs vor. Und wenn ein Publikumsliebling wie Christine Neubauer kurzfristig zusagt, dann sitzen eben drei Schauspieler in der sechsköpfigen Runde.

„Ich muss nicht jeden Gast lieben, aber wenn ich jemanden gar nicht mag, dann lade ich ihn auch nicht ein“, sagt Böttinger. Wen sie nicht einladen mag, wollte sie öffentlich aber nicht kundtun. Der 56-Jährigen merkt man die Routine nur im besten Sinne an: Sie ist interessiert, schlagfertig und ohne die Neigung, sich selbst zu inszenieren. An guten Abenden bringt sie die Gäste miteinander ins Gespräch, die Atmosphäre ist intimer als in der „NDR Talk Show“, lockerer als im „Nachtcafé“ (SWR) und weniger bieder als im „Riverboat“ (MDR). Seltsam, dass Böttinger nie eine wirkliche Chance im Ersten bekam. Das Thema ist bis auf Weiteres natürlich durch, es gibt dort ja genügend Talks. Böttinger hat wohl ihren Frieden damit gemacht: „Ich weiß die Freiheit auf diesem Sendeplatz sehr zu schätzen.“