Tanz im Stuttgarter Opernhaus Schwarze Abgründe und lichte Höhen

Von Ulla Hanselmann 

Der Abend mit dem Titel „Forsythe/Goecke/Scholz“ im Stuttgarter Opernhaus zeigt die Spannweite moderner Tanzkunst.

Dunkel und rätselhaft: Szene aus Marco Goeckes  „Lucid Dream“ Foto: dpa
Dunkel und rätselhaft: Szene aus Marco Goeckes „Lucid Dream“Foto: dpa

Stuttgart - Wenn Reid Anderson einen Ballettabend kredenzt, dann reiht er nicht einfach nur drei hoch­karätige Choreografien aneinander. Nein, der Intendant nutzt das Format, um aus dem Ballett-Nähkästchen zu plaudern. „Forsythe/Goecke/Scholz“ hat am vergangenen Freitag im Opernhaus Premiere gehabt. Mit diesem Dreigestirn renommierter Hauschoreografen, vergangenen wie gegenwärtigen, setzt der Jubilar Anderson – es ist seine zwanzigste Spielzeit – ein weiteres Mal zu einer dichten, dynamischen Erzählung an. Sie hat ihre erhebenden, berauschenden Kapitel, und – mit Marco Goeckes uraufgeführtem „Lucid Dream“ – ihre dunklen, rätselhaften Seiten.

Mit Goecke sowie die ihn umrahmenden Choreografen William Forsythe und Uwe Scholz begegnet man in Andersons Geschichte an diesem Abend drei Figuren, die nicht nur dem Erzähler selbst besonders viel bedeuten, sondern sein Haus entscheidend geprägt haben und weiterhin prägen – und für die ihre Stuttgarter Zeit zum Nukleus ihrer internationalen Choreografen-Karriere wurde.

Die Geschichte beginnt mit William Forsythe, der von 1977 bis 1983 für Stuttgart choreografierte. Zu einer Zeit also, in der Anderson noch Tänzer der Kompanie war. Er hat etliche Forsythe-Stücke selbst getanzt. Von dem Tanz-Revoluzzer Forsythe war Reid Anderson damals so angetan, dass er ihn später, 1991, als Ballettdirektor in Toronto mit einem Stück beauftragte.

Hier hallt die Postmoderne nach

In „The Second Detail“, das am Freitag in Stuttgart erstaufgeführt wurde, hallt ­unverkennbar die Postmoderne nach. Forsythe schickt dreizehn Tänzerinnen und Tänzer in eisgrauen Trikots und Strumpfhosen auf die in denselben Farbton getauchte Bühne. Am vorderen Bühnenrand legt ein Schild mit dem englischen Artikel „THE“ die intellektuelle Spur in jenes Reich, in dem Konstruktion und Konvention sich auflösen. Und so lässt William Forsythe, der damals Frankfurter Ballettdirektor war, seine grauen Tanzmäuse auf dem Tisch des klassischen Balletts tanzen, und zwar so furios, dass einem fast schwindlig wird.

Thom Willems vibrierende Percussion-Schläge und Synthesizer-Soundwellen peitschen die Tänzer gnadenlos vorwärts. Mit atemberaubender Perfektion, in schnell wechselnden Konstellationen buchstabieren sie das Ballettvokabular. Dabei legen sie eine inbrünstige athletische Disziplin an den Tag – und zeigen doch dem formalisierten Bewegungs-Regelwerk die lange Nase: Mal verformt sich eine Bein­linie zum X, mal verfallen die Tänzer für ein paar Schritte in den Alltagsgang.

Doch trotz solcher Irregularitäten hat Disharmonie hier keine Chance. Auch dann nicht, als eine vierzehnte Tänzerin auftritt, die sich ein weißes Tuch als Kleid um den Körper geknüpft hat. Mit ihrem weichen, ekstatischen Bewegungsfluss erscheint sie wie ein dekonstruierter weißer Schwan, der die anderen mit sich reißt. Am Schluss genügt ein Stupser mit der Fußspitze – und das „THE“ fällt um. „The Second Detail“ ist cool, spacig, irrsinnig schnell, unterkühlt, verspielt – und in jedem Moment technisch virtuos.

In die Abgründe der Nacht

Marco Goeckes „Lucid Dream“ hingegen führt in die tiefschwarzen Abgründe der Nacht. Auch mit seiner zwölften Arbeit als Andersons Hauschoreograf dekonstruiert Goecke im Gegensatz zu Forsythe nicht Bestehendes, sondern ersinnt ein enigmatisches Tanz-Idiom, dieses Mal zum schwelgend-schwermütigen Adagio aus Gustav Mahlers unvollendeter Zehnter Sinfonie, das vom Staatsorchester Stuttgart unter Kevin Rhodes einfühlsam dar­gebracht wird. Sein Wachtraum ist ein Männerballett mit zehn Tänzern; nur kurz stößt Agnes Su für einen erlösenden Pas de deux hinzu. Von Anfang an krallen sich die Scheinwerfer (Licht: Udo Haberland) die nackten Oberkörper der Tänzer und lassen sie weiß gleißen; ihre dunklen Hosenbeine verschwinden nahezu im Bühnenschwarz (Bühne und Ko­stüme: Michaela Springer).

Goecke weitet seine Zwan­zig-Minuten­Cho­reo­gra­fie hinein in das Muskelspiel der auch in Soli und Duetten auftretenden Tänzer, in Mimik und Atmung, lässt sie schnaufen und grimassieren. Mit Hilfe von Licht und Hochgeschwindigkeit zeichnet der von Goecke betonte Oberkörper – Rumpf, Gliedmaßen – irisierende Bilder in die Schwärze, wobei dieses Mal immer wieder auch die Beine pendeln oder ausschlagen.

Stellenweise unterbricht Goecke den rational nie greifbaren Linien- und Formenfluss, lässt einen Oberkörper in Zeitlupe nach vorne kippen, spürt einer Armbewegung nach. Deuten lässt sich dieser stellenweise langatmige Tanztraum kaum. Was mit ihm heraufdämmert, ist das Gefühl der Vergeblichkeit des menschlichen Tuns, die im Tanz außer Kraft gesetzte Unfassbarkeit der Existenz.

Applaus für die Tänzer

Dem 2015 zum „Choreografen des Jahres“ gekürten Goecke, der 2005 vom weitsichtigen Reid Anderson zum Hauschoreografen ernannt wurde, gelingt es dieses Mal nicht, eine nachhaltige Chiffre zu erschaffen. Auch dann nicht, wenn die Bühne aufreißt und ein hinterleuchtetes, grau-weiß-schwarz besprenkeltes Tableau erscheint – sind es Pinsel­tupfer? zerknüllte Papier­taschentücher? –, das einige Tänzer mehrmals durchbrechen. Hochachtung gebührt dem Personal, das die technische Herausforderung mit Bravour meistert, vor allem Louis Stiens, Robert Robinson oder Ludovico Pace, die den ganzen Abend nahezu durchtanzen. Bravorufe, begeisterter Applaus, aber weniger frenetisch und ausdauernd als bei den anderen Stücken.

Goecke hält Hebungen bekanntlich für ausgemachten Ballett-Humbug. Das dritte Stück des Abends aber, Uwe Scholz’ „Siebte Sinfonie“, ist so etwas wie die Glorifizierung der Hebung, vom ersten Bild an. Zu Beginn stemmen drei Tänzer nacheinander ihre Partnerin siegestrunken, gleich einem Pokal, in die Höhe. Mit der „Siebten Sinfonie“ bekommt das Stuttgarter Publikum das, was es liebt: lichte Ballett-Herrlichkeit.

Vor den Farbkaskaden, die Uwe Scholz in seinem an Morris Louis angelehnten Bühnenbild in eine Schlucht hinabstürzen lässt, vollbringt das Ensemble tänzerische Höchstleistungen und evoziert Licht-Luft-Sonne-Assoziationen, die, vielleicht auch wegen der weißen Gymnastiktrikots, bis an Leni Riefenstahl heranreichen.

Großes Ballett-Kino

Das 1991 in Stuttgart uraufgeführte Stück entpuppt sich als eine Parade aus harmonischen Posen, Sprüngen, Pirouetten und mit Arabesques penchées nur so gespickten Pas de deux, die vor allem Jason Reilly und Alicia Amatriain gewohnt artistisch-anmutig absolvieren. Wie das 2004 mit 45 Jahren verstorbene Musikgenie Scholz seine Choreografie mit den Harmonien von Beethovens Siebter Sinfonie symbiotisch verschmilzt und mittels mannigfaltigen, die ganze Bühne bespielenden Tänzerformationen zur hehren Raumkunst adelt – das ist zum Abschluss des zweieinhalbstündigen Abends großes, neoklassisches Ballett-Kino, das gar nicht anders als mitreißen kann.