Tanzperformance in der Waiblinger Michaelskirche Eine Kirche als Forschungslabor

Von Annette Clauß 

In der Michaelskirche Waiblingen wagt der Choregraph Grégory Darcy am Sonntagabend mit Tänzern und Musikern aus aller Welt das Experiment „Menschen Tanzen“.

Mitglieder der Tanztruppe bei einer Probe in der Michaelskirche. In der Mitte vorn der Choreograph Grégory Darcy.Mitglieder der Tanztruppe bei einer Foto: Gottfried Stoppel
Mitglieder der Tanztruppe bei einer Probe in der Michaelskirche. In der Mitte vorn der Choreograph Grégory Darcy. Mitglieder der Tanztruppe bei einer Foto: Gottfried Stoppel

Waiblingen - Hafez Alabbas beginnt zu singen. Ein Lied aus seiner Heimat Syrien. Kraftvoll ertönt seine Stimme, erfüllt ohne Mikrofon den großen Raum mit orientalischen Klängen. Djembe-Trommeln liefern afrikanische Rhythmen. Und auch der Bezirkskantor Immanuel Rößler kommt mit seiner Kirchenorgel zum Zug. Ungewohnte Töne in der Waiblinger Michaelskirche. „Niemand hat so etwas bislang gehört“, ist Grégory Darcy überzeugt: „Das ist eine ganz neue Musik. Sehr experimentell, aber trotzdem mit viel Harmonie.“

Die ganz spezielle Weltmusik ist das eine. Doch der 45-jährige Filmemacher Darcy ist auch Choreograph. Und so gehört für den Franzosen, der seit rund drei Jahren im Remstal lebt, zur Musik natürlich auch der Tanz. Beides verbindet sich in seinem Projekt „Menschen Tanzen“ zu einem ungewöhnlichen Gesamtkunstwerk.

Zwölf Nationen, vier Religionen

Grégory Darcy nennt das, was da am kommenden Sonntag in der ehrwürdigen Michaelskirche vor dem Altar über die Bühne gehen wird „ein Forschungsprojekt“. Mitwirkende des Experiments sind Einheimische und Geflüchtete, Profis und Amateure, Musiker und Tänzer. Der Djembemeister Bakary Kone aus Burkina Faso trommelt mit dem Fellbacher Jazzmusiker Hans Fickelscher, liefert den Rhythmus für die zehn Tänzerinnen und Tänzer, die aus aller Welt kommen. „Zwölf Nationen und vier Religionen“, sagt Darcy stolz. Er findet: „Eine Kirche ist der beste Ort, um solch eine Show zu zeigen.“

Als der erste Schwung geflüchteter Menschen im Jahr 2015 auch ins Remstal kam, hat Grégory Darcy als Übersetzer ausgeholfen und viele Zuwanderer kennen gelernt. „Das hat mich für das Thema sensibilisiert.“ Seine Idee: „Ich wollte zeigen, dass da kreative Menschen kommen.“ Aus der Idee wurde der Dokumentarfilm „Menschen“, der zu einem für Darcy unerwarteten Erfolg wurde und in Kinos in ganz Deutschland lief.

Amateure und Profis tanzen gemeinsam

Die Tanzperformance „Menschen Tanzen“ sei ein folgerichtiger zweiter Schritt nach dem Film gewesen, sagt Darcy. Die Bürgerstiftung Kernen und das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst fördern das Projekt. „Wir wollten eine Performance auf hohem Niveau“, sagt Grégory Darcy, der im Ensemble bewusst Amateure und Profis gemixt hat. Eine Bedingung müssen die Mitglieder der Tanztruppe jedoch erfüllen: „Jeder darf zwar seinen eigenen Stil und seine Tanzkultur tanzen, muss aber auch bereit sein, in die Rolle der anderen zu schlüpfen.“

Kein Problem für die 22-jährige Mengnjo Delivette. „Ich finde es schön, etwas Neues zu lernen“, sagt die junge Stuttgarterin, die zu Hause mit afrikanischem Tanz aufgewachsen ist, aber auch Hip Hop mag. Ihr Tanzkollege Mohamed Adil, der aus Somalia stammt, hat gar besonders großen Spaß an dem Part, den Grégory Darcy als „schwäbischen Volkstanz“ bezeichnet. Die Jazzsängerin und Tänzerin Fauzia Maria Beg steuert Elemente des nordindischen klassischen Tanzes Kathak bei. Sara Durdevic-Jovanovic wiederum hat festgestellt, dass Kreistänze nicht nur in Montenegro, sondern auch in Syrien sehr beliebt sind. „Ich finde es schön, dass Tanz so verbindet. Man muss nicht die gleiche Sprache sprechen – auch so ist beim Tanzen gleich eine gewisse Verbundenheit da.“

Vielfalt als Bereicherung

Europa, Afrika, Asien, die arabische Welt – „Menschen Tanzen“ führt die Zuschauer um den Globus und zeigt alles, was das Leben so mit sich bringt: Momente des Glücks und der Freude, der Trauer und Verzweiflung. Die Botschaft der Performance wird ohne Worte klar: Vielfalt ist keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung.