Tarifexperte Reinhard Bispinck
"Inflation frisst Teil des Lohns"
Fragen von Matthias Schiermeyer,
11.02.2011 12:13 Uhr
Foto: privat
Stuttgart - Der Aufschwung bringt eine Erholung nach der Krise, aber noch keinen Gehaltsanstieg, sagt Tarifexperte Reinhard Bispinck im StZ-Interview.
In der Tat hatten wir im vergangenen Jahr eine Erholung bei den Arbeitseinkommen. Bei den Effektivverdiensten hatten wir ein Plus von 2,2 Prozent. Nach Abzug der Preissteigerungsrate bleibt immerhin ein kleines reales Plus von etwas mehr als einem Prozent. Das ist zum Teil aber der Normalisierung der längeren Arbeitszeit geschuldet - die Kurzarbeit ist ja nach der Krise dramatisch zurückgefahren worden. Auch bei den Tarifverdiensten haben wir ein kleines reales Plus - durchschnittlich von 1,8 Prozent auf das Jahr gerechnet. Abzüglich der Teuerungsrate stellen wir da ebenso ein kleines Plus von 0,7 Prozent fest, um das die Tarifeinkommen im Vorjahr real gestiegen sind. Alles in allem macht sich ein Erholungsprozess der Wirtschaft im gewissen Umfang auch bei den Einkommen bemerkbar.
Die Zahl der Tarifabschlüsse mit einer Drei vor dem Komma steigt deutlich an: gerade erst bei Volkswagen, bei RWE, Vattenfall und anderen. Die Hoffnung, dass jetzt Zeiten mit kräftigeren Lohnsteigerungen kommen, besteht. Insbesondere in der Chemieindustrie, die von dem starken Exportgeschäft sehr profitiert, wird der Anspruch der Beschäftigten bei einer Gewerkschaftsforderung von vermutlich sieben Prozent mehr als deutlich.
Da würde ich Ihnen recht geben. Wir erleben bei den Einkommen weniger einen kräftigen Aufwärtstrend als vielmehr eine Erholung von einer tiefen Krisenphase. Zudem frisst die steigende Inflation aktuell mehr vom Lohn weg als im Durchschnitt des vergangenen Jahres. Demzufolge müssen auch die Tarifsteigerungen erkennbar höher ausfallen als 2010, damit wenigstens das Gleiche real übrig bleibt.
Was die Bruttorealverdienste angeht, liegen wir vier Prozent unter dem Niveau von vor zehn Jahren. Da hat es also eine enorme Umverteilung zugunsten der Unternehmens- und Vermögenseinkommen gegeben. Diese sind über eine Dekade gerechnet dreimal so stark gestiegen wie die Arbeitseinkommen. Die Lohnquote der Betriebe hingegen ist kräftig gesunken - mit Ausnahme einer kleinen Delle in der Krise. Hinzu kommt: nach all den Debatten über zu starke Exportabhängigkeit brauchen wir zweifelsohne einen kräftigeren Binnenmarkt, der von der Binnennachfrage getragen wird. Wenn dieser Bereich weiter dümpelt, fragt sich, wo das stärker ausbalancierte Wachstum herkommen soll, von dem alle Welt redet. Das würde es dann nicht geben.
Das halte ich für Unsinn. Selbst die sonst so kritischen Bankvolkswirte haben den VW-Tarifabschluss als moderat bezeichnet. Wenn jemand behauptet, wir hätten eine lohngetriebene Inflationsbeschleunigung, ist das aus dem Reich der Fantasie.
Häufig werden sie im Nachhinein für ihre moderaten Abschlüsse gelobt. Man muss aber sehen, dass sie in jeder Tarifrunde selbst diese Resultate noch mühselig durchsetzen mussten. Das Kräfteverhältnis hat sich in den letzten zehn Jahren zu ihren Ungunsten verändert. Die lange Zeit relativ hohe Arbeitslosigkeit, der dramatische Anstieg des Niedriglohnsektors und der Rückgang der Tarifbindung: all das macht Gewerkschaften schwächer. Also lässt sich nicht sagen, dass sie selbst schuld seien. Für die Lohnpolitik gilt: Bescheidenheit zahlt sich nicht aus.
Herr Bispinck, kommt der Aufschwung in den Taschen der Arbeitnehmer an?
In der Tat hatten wir im vergangenen Jahr eine Erholung bei den Arbeitseinkommen. Bei den Effektivverdiensten hatten wir ein Plus von 2,2 Prozent. Nach Abzug der Preissteigerungsrate bleibt immerhin ein kleines reales Plus von etwas mehr als einem Prozent. Das ist zum Teil aber der Normalisierung der längeren Arbeitszeit geschuldet - die Kurzarbeit ist ja nach der Krise dramatisch zurückgefahren worden. Auch bei den Tarifverdiensten haben wir ein kleines reales Plus - durchschnittlich von 1,8 Prozent auf das Jahr gerechnet. Abzüglich der Teuerungsrate stellen wir da ebenso ein kleines Plus von 0,7 Prozent fest, um das die Tarifeinkommen im Vorjahr real gestiegen sind. Alles in allem macht sich ein Erholungsprozess der Wirtschaft im gewissen Umfang auch bei den Einkommen bemerkbar.
Setzt sich das in diesem Jahr fort?
Die Zahl der Tarifabschlüsse mit einer Drei vor dem Komma steigt deutlich an: gerade erst bei Volkswagen, bei RWE, Vattenfall und anderen. Die Hoffnung, dass jetzt Zeiten mit kräftigeren Lohnsteigerungen kommen, besteht. Insbesondere in der Chemieindustrie, die von dem starken Exportgeschäft sehr profitiert, wird der Anspruch der Beschäftigten bei einer Gewerkschaftsforderung von vermutlich sieben Prozent mehr als deutlich.
Wegen der immer höheren Energie- und Lebensmittelpreise schlägt sich der Aufschwung zumindest gefühlt in den Portemonnaies bis jetzt nicht nieder.
Da würde ich Ihnen recht geben. Wir erleben bei den Einkommen weniger einen kräftigen Aufwärtstrend als vielmehr eine Erholung von einer tiefen Krisenphase. Zudem frisst die steigende Inflation aktuell mehr vom Lohn weg als im Durchschnitt des vergangenen Jahres. Demzufolge müssen auch die Tarifsteigerungen erkennbar höher ausfallen als 2010, damit wenigstens das Gleiche real übrig bleibt.
Welche Gründe sprechen dafür?
Was die Bruttorealverdienste angeht, liegen wir vier Prozent unter dem Niveau von vor zehn Jahren. Da hat es also eine enorme Umverteilung zugunsten der Unternehmens- und Vermögenseinkommen gegeben. Diese sind über eine Dekade gerechnet dreimal so stark gestiegen wie die Arbeitseinkommen. Die Lohnquote der Betriebe hingegen ist kräftig gesunken - mit Ausnahme einer kleinen Delle in der Krise. Hinzu kommt: nach all den Debatten über zu starke Exportabhängigkeit brauchen wir zweifelsohne einen kräftigeren Binnenmarkt, der von der Binnennachfrage getragen wird. Wenn dieser Bereich weiter dümpelt, fragt sich, wo das stärker ausbalancierte Wachstum herkommen soll, von dem alle Welt redet. Das würde es dann nicht geben.
Treiben steigende Löhne nicht auch die Preise noch weiter nach oben?
Das halte ich für Unsinn. Selbst die sonst so kritischen Bankvolkswirte haben den VW-Tarifabschluss als moderat bezeichnet. Wenn jemand behauptet, wir hätten eine lohngetriebene Inflationsbeschleunigung, ist das aus dem Reich der Fantasie.
Sind die Gewerkschaften angesichts ihrer Bescheidenheit in den vergangenen Jahren nicht ein Stück weit selbst schuld an der Situation?
Häufig werden sie im Nachhinein für ihre moderaten Abschlüsse gelobt. Man muss aber sehen, dass sie in jeder Tarifrunde selbst diese Resultate noch mühselig durchsetzen mussten. Das Kräfteverhältnis hat sich in den letzten zehn Jahren zu ihren Ungunsten verändert. Die lange Zeit relativ hohe Arbeitslosigkeit, der dramatische Anstieg des Niedriglohnsektors und der Rückgang der Tarifbindung: all das macht Gewerkschaften schwächer. Also lässt sich nicht sagen, dass sie selbst schuld seien. Für die Lohnpolitik gilt: Bescheidenheit zahlt sich nicht aus.
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Die Gewerkschaft und die Strasse
@beklen… Also irgendwie möchte ich Ihnen nicht zu nahe kommen, aber philosophiere ich jetzt in die richtige Richtung, das die Gewerkschaften bei der rot-grünen Agenda2010 nicht allzu öffentlich vorzeigbar "gezuckt" haben, bei dem was damals verabschiedet wurde. Und das jetzt quasi von der restverbliebenen gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft eigentlich das eingefordert wird, was die "Arbeiterpartei SPD" mit den Grünen vor knapp 10 Jahren ihrer Klientel und nicht nur Denen eingebrockt hat? Wird da nicht der Bock zum Gärtner? Oder der Hornberger zum Schießer? Oder Aldi zu Lidl? Und die Merkel zum Steinmeier? Ich empfehle, geht nicht auf die Strasse sondern sucht erst einmal nach dem permanenten Zusammenhang, das die Inflation teile eures Lohns frißt in Verbindung dazu, wie die politischen Parteien und die Interessensvertreter aus Industrie und Wirtschaft ihre fortschrittshörigen Eiertänze aufführen um euch zu überzeugen auf Lohnverzicht einzugehen und überführt diese Führungsprotagonisten dann, sobald euch die inhaltlichen Zusammenhänge für Hirn und Geldbeutel klar werden, eiligst in die Produktion.
die Gewerkschaften zählen auf die Bereitschaft ihrer Mitglieder!
Der deutsche Michel sollte halt auch nicht so wachsweich sein und sich die ganze Zeit von seinem Arbeitgeber ausnützen lassen! Wir brachen endlich wieder ein Auskommen mit dem Einkommen! Der Mindestlohn muss kommen, deshalb müssen wir miteinander kämpfen und auf die Straßen ziehen. Ohne Gewerkschaften stirbt das Arbeiterherz! Ohne Pulsschlag keine Lebensfreude! Arbeit muss sich wieder lohnen und sollte wieder richtig Spaß machen! Packen wir es an, es gibt noch viel zu bewegen!