Tarifpolitik DIW hält Lohnzurückhaltung für falsch
dapd/epd, 29.12.2011 16:41 Uhr
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Stuttgart - Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hält 2012 trotz der Eurokrise eine Zurückhaltung bei Lohnerhöhungen nicht für notwendig. Der DIW-Vorstandsvorsitzende Gert Wagner hält Tarifabschlüsse „von im Schnitt gut drei Prozent“ für möglich. „In manchen Branchen kann es auch deutlich mehr sein, in anderen Wirtschaftszweigen weniger“, sagte der Berliner Ökonom. Generell sei eine Lohnpolitik am besten, „die sich an den Produktivitätsfortschritten und der Teuerung auf mittlere Sicht orientiert und nicht dem konjunkturellen Auf und Ab nachrennt“.

Angesichts der Euro-Schuldenkrise sei es volkswirtschaftlicher Unsinn, zur Lohnzurückhaltung aufzurufen, betonte Wagner. Vielmehr müsse Deutschland in der aktuellen Situation seine Binnennachfrage stärken. Nur mit höheren Löhnen komme es einer ausgeglichenen Leistungsbilanz näher – „und das würde mit dazu beitragen, aus der Eurokrise herauszukommen“, sagte Wagner. Die deutschen Exportüberschüsse hatten in der Vergangenheit schon mehrfach Kritik aus Frankreich und anderen Euroländern auf sich gezogen.

Auch der Bundesbankpräsident Jens Weidmann geht davon aus, „dass die Einkommen der privaten Haushalte im kommenden Jahr um drei Prozent steigen“. Die Euro-Schuldenkrise sei „kein Grund, in Panik zu verfallen“, sagte Weidmann dem „Stern“. Der Notenbankchef hält die wirtschaftlichen Perspektiven Deutschlands weiter für gut. Das Wachstum sei relativ robust und die Arbeitslosigkeit so niedrig wie lange nicht mehr.

DIW-Chef kritisiert schwache Lohnentwicklung

Anders als das DIW warnt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) vor zu umfangreichen Lohnerhöhungen im kommenden Jahr. „Gerade mit Blick auf die unsichere Entwicklung – Stichwort: Schuldenkrise – sollte mit Augenmaß entschieden werden“, sagte der DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann. Ziel müsse es sein, „den Beschäftigungsaufbau nicht zu gefährden“. Handwerkspräsident Otto Kentzler betonte: „Maßvolle und flexible Abschlüsse haben die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen gestützt und so zur erfreulichen Lage am Arbeitsmarkt beigetragen.“ Diesen Weg gelte es „in Zeiten zunehmend unsicherer wirtschaftlicher Rahmenbedingungen weiterzugehen – im Interesse von Beschäftigung und Wachstum“.

DIW-Chef Wagner kritisierte dagegen die vergleichsweise schwache Lohnentwicklung in Deutschland in den zurückliegenden Jahren. Sie habe „zu den außenwirtschaftlichen Ungleichgewichten beigetragen, die nun die Eurozone in die Krise gebracht haben“. Wagner: „Man kann Griechenland zu Recht dafür kritisieren, dass das Land über seine Verhältnisse gelebt hat. Deutschland hat aber unter seinen Verhältnissen gelebt.“ Wegen der „immer ungleicheren Verteilung der Einkommen und Vermögen“ sei der private Konsum hierzulande schwach geblieben – „und es lohnte sich deshalb auch immer weniger, in Deutschland zu investieren“, sagte Wagner. Der Wirtschaftswissenschaftler fügte hinzu: „Entsprechend floss das Geld ins Ausland ab – und hat dort die Krise mit verursacht, indem es in Griechenland zu einem aufgeblähten Staatssektor und in Spanien zu einer riesigen Immobilienblase geführt hat, deren Platzen jetzt die Arbeitslosigkeit auf fast 25 Prozent hochgetrieben hat.“

Ähnlich wie Gert Wagner argumentiert der Chefökonom der UN-Organisation für Welthandel und Entwicklung (UNCTAD), Heiner Flassbeck. Er wirft der deutschen Politik vor, für die Eurokrise verantwortlich zu sein. „Die deutsche Niedriglohnpolitik ist nicht ein, sondern der Hauptgrund der gegenwärtigen Eurokrise“, kritisierte der UN-Ökonom. Deutschland habe über Lohndumping über Jahre hinweg eine Inflationsrate erreicht, die deutlich unter den von den Eurostaaten festgelegten zwei Prozent gelegen habe, meinte Flassbeck.

Durch diese Entwicklung seien deutsche Produkte und Dienstleistungen im Vergleich zu denen aus anderen Euro-Ländern preiswerter geworden. Das habe sich auf die Konkurrenzfähigkeit dieser Staaten negativ ausgewirkt. „Ein Land kann nicht permanent Marktanteile verlieren, ohne jedes Vertrauen zu verspielen“, sagte Flassbeck. Beseitigt werden könne die Krise nur dadurch, dass die Wettbewerbsprobleme anderer Länder gelöst würden. „Die Löhne in Deutschland müssten über einen längeren Zeitraum stärker steigen als gegenwärtig, in anderen Ländern dagegen viel weniger“, empfiehlt Flassbeck. dapd/epd

Kommentare (1)
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DEZ
29
heha, 19:24 Uhr

Dümmlich

Herr Wagner als linksgewirkter Ideologe vom DIW wird allenfalls noch von den GRÜNEN, die zumindest in Wirtschaftsfragen Dilettanten sind noch ernstgenommen. Herr Flassbeck von der UNCTAD disqualifiziert sich selbst, wenn er der Bundesregierung vorwirft, nicht für mehr Inflation gesorgt zu haben. Nur peinlich !

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