Teenager mit Leukämie Scheiß Krebs

Von Andrea Hahn 

Sie sind 12, 13 und 14 Jahre alt und auf den Sprung ins Erwachsenenleben. Doch dann bekamen Celine, Mario und Marleen die Diagnose Leukämie.

Seit November 2013 kämpft  Marleen  aus Heimsheim gegen den Krebs. Oft bekommt sie die ganze Gewalt der Krankheit zu spüren. Foto: Gottfried Stoppel
Seit November 2013 kämpft Marleen aus Heimsheim gegen den Krebs. Oft bekommt sie die ganze Gewalt der Krankheit zu spüren. Foto: Gottfried Stoppel

Stuttgart - Im Stuttgarter Olgahospital herrscht in der Elternküche der Station MC 31 gegen 18 Uhr ziemlicher Betrieb. Die Angehörigen der stationär untergebrachten Kinder und Jugendlichen kommen und gehen, bereiten Tee, wärmen Essen auf.

Mario Saraivas Mutter kocht Spaghetti, sein Vater lässt sich am Esstisch nieder und checkt schnell sein Smartphone, bevor er ins Zimmer seines Sohnes zurückkehrt.

Marleen Küchlers Vater holt sich eine Tasse frisch gebrühten Kaffee und setzt sich zu seiner Frau an den Tisch. Sie haben sich heute noch nicht gesehen, sein Leben spielt sich draußen im Beruf ab, ihres drinnen im Krankenhaus. Diesen gemeinsamen Augenblick in der Küche verdanken sie der Tatsache, dass ihre Tochter mit einer Freundin Karten spielt und sie die Mutter im Moment nicht braucht.

Im Gruppenzimmer der Station MC 32 ­haben Celine Wissmanns Eltern mittags Schichtwechsel. Die Mutter der 14-Jährigen eilt nach Hause zum zehnjährigen Sohn Noah, nun steht an ihrer Stelle der Vater seiner Tochter während der ambulanten Chemotherapie bei.

Marios, Marleens und Celines Eltern betreuen ihre an Leukämie erkrankten Kinder fast rund um die Uhr. Sie kontrollieren Infusionen, springen mit der Nierenschale hinzu, wenn der Brechreiz kommt, sind da, wenn ihre Kinder von Traurigkeit überwältigt werden. In ihren Familien ist nichts mehr planbar. Wann was wie passiert, kann keiner vorhersagen. Ihr Leben ist seit dem Tag X ein einziges Improvisieren. Der Tag X, das ist für sie jener Tag, an dem ihre Kinder die Diagnose Leukämie erhielten, jener Tag, dessen Datum keiner von ihnen mehr vergessen wird.

Celine Foto: Gottfried Stoppel

Celine hatte eben ihre Karateprüfung absolviert, als sie schlapp in der Ecke lag und Schmerzen im Handgelenk verspürte. Was nach einer Verletzung aussah, wurde von der Orthopädin sofort als etwas weitaus Bedrohlicheres eingestuft. Sie nahm Blut, wenig später schon rief das Labor an. Am selben Tag noch, dem 9. April 2015, erfuhr Celine, dass sie an akuter lymphoblastischer Leukämie mit Philadelphia-Chromosom leidet, einem verkürzten Chromosom, das zu einer sehr seltenen Form von Leukämie führt und Celine zur Hochrisikopatientin macht. Bevor sie sich versah, lag die damals 13-Jährige im Olgahospital und bekam ihre erste Chemotherapie.

Marleen war gerade aufs Rutesheimer Gymnasium gewechselt und freute sich auf die neue Schule. Einzig die Tatsache, dass sie sich nach der Entfernung von Polypen nicht so recht erholen wollte, trübte den Schulstart. Eine Woche Teneriffa in den Herbstferien sollte Besserung bringen, doch in der letzten Nacht bekam das Mädchen hohes Fieber. Der Rückflug wurde zur Tortur und endete in der Pforzheimer Hals-Nasen-Ohren-Klinik. Die Ärzte reagierten schnell und überwiesen Marleen ins Olgahospital. Dort erhielt sie am 4. November 2013 die Diagnose Leukämie.

Mario Foto: Gottfried Stoppel

Eine Woche lang wollten Mario und seine Eltern in den Pfingstferien Urlaub in Portugal machen. Morgens ging der Junge noch in Stuttgart mit seinem Hund spazieren, abends entdeckte er in Por­t­i­mão rote Punkte am Fußgelenk. Die Familie wollte in einer Apotheke eine Salbe gegen die vermutete allergische Reaktion kaufen, doch die Apothekerin schickte Mario sofort zum Arzt, der den Jungen wiederum ins örtliche Krankenhaus einwies. Wenige Stunden später wurde Mario als Notfall ins rund 300 Kilometer entfernte Lissabon verlegt. Dort sollte er 30 Tage in einer Spezialklinik bleiben, doch dank verbesserter Blutwerte konnte er am nächsten Tag mit einem eilig gebuchten Flug nach München und weiter ins Olgahospital gebracht werden. Hier war bei seiner Ankunft am 4. Juni 2015 schon alles vorbereitet, jetzt erfuhr auch er, dass er an Leukämie erkrankt war. Der Schock war groß, doch die Erleichterung darüber, wieder zu Hause in Stuttgart zu sein, noch größer.

„Zuhause“ heißt für Mario, dass die ganze Familie bei ihm sein kann. Liegt er in der Klinik, besuchen ihn seine Angehörigen, wann immer es geht. Auch daheim ist immer jemand bei ihm, abends essen alle gemeinsam. „Wir halten zusammen“, lautet das Kredo, das jeder in der Familie verinnerlicht hat. Und Mario selbst ist klar: „Ich kämpfe nicht nur für mich, sondern auch für meine Familie.“

Besonders wichtig für ihn wurde in den vergangenen Monaten sein Schwager Marcel. Der junge Krankenpfleger war früher selbst an Krebs erkrankt und kann auf Augenhöhe mit Mario sprechen. Er weiß, welche Ängste der Junge durchmacht, welche Nebenwirkungen die Chemotherapie haben kann, bereitet ihn auf alles vor und macht ihm Hoffnung.