Thailand Ruhende Drachen in Koh Yao Noi
Heike Weichler aus Koh Yao Noi, 07.02.2012 14:39 Uhr
Die Boote warten auf die Schnorchler am Strand der kleinen thailändischen Insel Koh Yao Noi: Es lohnt, mit Maske und Flossen in die Andamanensee zu steigen. Foto: Thomas Flügge
Die Boote warten auf die Schnorchler am Strand der kleinen thailändischen Insel Koh Yao Noi: Es lohnt, mit Maske und Flossen in die Andamanensee zu steigen. Foto: Thomas Flügge

Koh Yao Noi - Versprochen hatte Ped uns nichts. Keine Karettschildkröten, keine Blaupunktrochen, keine Leopardenhaie. Diese maritimen Exoten schwimmen zwar in den Gewässern der Phang Nga Bay zwischen Thailands größter Insel Phuket und der Festlandsküste von Krabi. Aber eine Garantie, sie beim Schnorcheln zu sehen, gibt es nicht. Doch der Guide unserer kleinen Reisegruppe weiß, dass es sich trotzdem lohnt, hier mit Maske und Flossen in die Andamanensee zu steigen.

Behutsam manövriert Ped sein Boot um ein paar Klippen. Dann stoppt er den Motor, lautlos gleiten wir an den Sichelstrand von Koh Hong. Die Schönheit der unbewohnten Insel ist berührend: blaugrünes Wasser, Silbersand, steil aufragende Kalksteinfelsen und üppige Vegetation. Am Strand entdecken wir eine seltsame Spur: wie von Fahrradreifen, aber gesäumt von handgroßen Klauenumrissen. Ein Waran! „Keine Sorge, die werden hier nur 1,50 Meter lang und fressen meistens Vögel“, ruft Ped uns nach. Seine Bemerkung, dass es auch riesige Pythons gibt, überhören wir und beten, dass uns weder Echsen noch Schlangen ins Wasser folgen mögen.

Um Fische anzulocken, versuchen wir einen Trick: ein Stück Brot nehmen, abtauchen und warten. Plötzlich tummeln sich schwarz-weiß-gelb gestreifte Wimpelfische, blaue Mondsichel-Junker und rot leuchtende Juwelenbarsche um uns herum.

Samgrüne Inseln an der Phang Nga Bay

Auf der Rückfahrt nach Yao Noi genießen wir eine Szenerie, wie sie typisch ist für die Phang Nga Bay: Zahllose samtgrün überwucherte Inseln ragen wie die Rücken ruhender Drachen aus dem Wasser. Immer neue Inseln tauchen auf, mit immer blasser werdenden Konturen wie bei einem Aquarell, bis der Dunst die Eilande am Horizont verschluckt.

Um das Resort zu entdecken, muss man genau hinschauen: „The Paradise Koh Yao“ versteckt sich an Koh Yao Nois Ostküste in der tropischen Landschaft, an einem von Felsen eingefassten Privatstrand. Die schönsten Bungalows liegen am Hang, mit offenen Bädern, Holzdecks, Jacuzzis und Panoramablick über die Bucht und das Meer.

Am nächsten Morgen weckt uns das Keckern eines Nashornvogels, der im Mangobaum neben der Veranda hockt. Gerade zur rechten Zeit, Ped wartet schon. Heute soll die Insel per Jeep erkundet werden. Auf einer Holperpiste rumpeln wir durch den Dschungel, später durch Gummibaumplantagen. Die meisten der etwa 4000 Einwohner leben von der Kautschukproduktion und vom Fischfang. „25 Jahre kann man einen Gummibaum anzapfen“, erzählt Ped. „Bis ein neuer Setzling Latexmilch liefert, vergehen sieben Jahre.“ Der klebrige weiße Saft wird mit Säure verhärtet. Durch Mangeln gepresst entstehen daraus Gummimatten, die auf Holzgestellen zum Trocknen hängen. Wir erreichen die einzige Straße von Koh Yao Noi, die die sieben Dörfer auch bei Monsunregen verbindet. Reisfelder ziehen vorüber, sich im Schlamm suhlende Wasserbüffel, Stelzenhäuser.

Willkommen in Downtown

„Willkommen in Downtown“, sagt Ped und grinst, als wir an der Einkaufsstraße des Hauptdorfes Ban Yai mit zwei Dutzend Läden aussteigen: Obst- und Gemüsehändler, ein Reisverkäufer, der gut 20 verschiedene Sorten in bunt bedruckten Säcken anbietet, Garküchen, ein Supermarkt und sogar ein Internetcafé. Noch ruht die Insel im Dornröschenschlaf – touristisch gesehen. Nur einige kleine Resorts liegen an den Sandbuchten entlang der zwölf Kilometer langen Ostküste. Die Westküste ist Mangrovengebiet, den hügeligen Norden beherrscht der Urwald, die Südküste säumen Palmenhaine.

Im Nachbarort Tha Khao biegt Ped ab zum Anleger. Frauen aus dem Dorf betreiben hier ein Batik-Atelier mit Restaurant. Das Lokal am Pier wirkt wie eine offene Lagerhalle mit rustikalen Tischen und Bänken. Genauso schlicht steht „Tha Khao Food & Drink“ auf der Speisekarte. Die bringt ein junges Mädchen in bunt bekleckster Schürze. Hinter den Tischen haben sie und zwei andere Frauen Tücher aufgespannt, die mit leuchtenden Textilfarben bemalt werden. Nach scharf marinierten Meeresschnecken auf gebratenem Reis schauen wir uns die Stoffe an. Mit Flüssigwachs zeichnen die Malerinnen die Umrisse der Motive, wie Fische oder Blumenblüten. Dann werden die Bilder ausgemalt und fixiert. Nach dem Auswaschen hinterlässt das Wachs weiße Konturen, die einen hübschen Kontrast zu den kräftigen Farben bilden.

Am Nachmittag möchte Ped uns zu einem mysteriösen Ort bringen. „Ihr werdet Skelette sehen“, verspricht er, als wir ins Boot steigen. Augenblicke später stoppt er auf der anderen Seite des Felsmassivs, das den Strand des Resorts begrenzt. Über unseren Köpfen öffnet sich eine Höhle, schroff und zerklüftet. Ped steigt aufs Dach der Kajüte, klettert über das scharfkantige Gestein und hilft uns hoch. Tropfsteine hängen von der Decke wie Eiszapfen, im Boden entdecken wir eine Mulde – und menschliche Knochen. „Schade, die Schädel sind weg. Vielleicht haben Einheimische sie für magische Rituale geholt“, sagt Ped. Drei Erwachsene und zwei Kinder wurden hier bestattet, so viel erkennen wir. Sie gehörten zu den See-Nomaden, einem ursprünglich aus Malaysia stammenden Volk, das als Fischer und Perlentaucher durch die Phang-Nga-Bucht zog.

Bei zwei Fischern kaufen wir Barsche für unser Barbecue auf dem unbewohnten Inselchen Lao Roi. Über der Glut eines Lagerfeuers grillt Ped die Fische und bereitet dazu einen leckeren Gemüsereis. Pflückfrische Mangos gibt es als Dessert zum Sonnenuntergang, der den Himmel in flammendes Orange und Rosa taucht. Bald kommt die Flut, der Strand wird immer schmaler.
Für einen rührenden Abschied bleibt keine Zeit. Ped hat heute noch etwas vor. Er ist mit Freunden verabredet, einen Büffel für die Hochzeit seiner Nachbarn zu zerlegen. Morgen soll das Fest gefeiert werden. Er winkt, dann verschwindet er mit seinem Boot in der Nacht.

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