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Theater auf dem Fernsehturm "Sechs and the City" geht ins Finale

Tim Schleider, vom 04.10.2011 19:48 Uhr
 Foto: dpa
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Stuttgart - Eine U 7 verschwindet spurlos im Weinsteigetunnel. Beim Italiener um die Ecke wird ein Bankräuber enttarnt. Der Oberbürgermeister wird von radikalen EU-Gegnern eingekesselt. Derweil logieren die Rolling Stones im Hotel am Schlossgarten und feiern mit Uschi Obermaier und dem Nachtportier Sexpartys. Sage also bitte niemand, in Stuttgart sei nichts los oder bliebe streng geheim. Alles, was der Neugierige tun muss: zum Fernsehturm fahren und im Theater über den Wolken „Sechs and the City“ anschauen.

Seit fünf Jahren bespielt das Theater Rampe gemeinsam mit dem Alten Schauspielhaus die Theateretage oben in der Kuppel des Fernsehturms. Eva Hosemann hat für diesen besonderen Ort gemeinsam mit dem Regisseur Stephan Bruckmeier und der Dramaturgin Petra Weimer ein eigenes und wirklich schlüssiges Format entwickelt: je sechs Autoren, die mit der Stadt verbunden sind, schreiben Mini-Theaterstücke, die unten in der Stadt spielen; darum „Sechs and the City“. Zum Finale dieser Serie hat die Rampe nun eine besonders illustre Autorenrunde verpflichtet – und wie der Theatergott es ja meist will, ist nach der Erinnerung des Kritikers bei dieser Abschlussrunde die schönste „Sechs and the City“-Staffel entstanden: zwei abwechslungsreiche Stunden voll aberwitziger Ideen, interessanter Geschichten, skurriler Typen und mehr oder weniger gedankenschwerer Thesen.

Da hätten wir als erstes die beiden Stuttgarter Krimiautoren Felix Huby und Christine Lehmann. Beide bringen in der Kuppel ihre beim Publikum wohlbekannten Ermittler zum Einsatz. Allerdings und mit Verlaub: wie der Kommissar Bienzle da bei seinem Stammitaliener so en passant einen Bankräuber überführt, beweist nur, wenn auch sicher unfreiwillig, wie dramaturgisch ausgereizt der alte Südfunk-„Tatort“ schlussendlich doch einfach war. Der insgesamt so wandlungsfähige Carlo Benz spielt noch dazu den Bienzle lupenrein Dietz-Werner Steck-mäßig. Stuttgart auf sehr müde Art. Da ist Christine Lehmanns Ermittlerin Lisa Nerz doch aus anderem Holze geschnitzt. In der Szene „Die ewige Stadt“ gerät die lesbische Schwabenreporterin gemeinsam mit dem Oberbürgermeister, dessen Referentin und dem Oberstaatsanwalt auf dem Fernsehturm in eine Belagerung durch maskierte Demonstranten – und die Referentin entpuppt sich gar als Komplizin. Herrlich frech und treffend scharf, wie Lehmann hier die politisierte Stimmung in der Stadt aufgreift, ohne in Vereinfachung oder wohlfeile Solidarisierung zu verfallen.

Michael Gaedt entpuppt sich als Philosoph

Die Bestsellerautorin Elisabeth Kabatek („Brezeltango“) schafft es derweil, uns mit nicht viel mehr als einer Fahrt in der U7 voll treffend skizzierter Stuttgarter Typen aus den verschiedenen sozialen Schichten den Stadtalltag vor Augen zu führen. Um diese Spannung zu halten, hätte es des dramaturgischen Kniffs mit der Geisterfahrt durch den langen Tunnel eigentlich nicht bedurft. Geradezu genial die Idee des Filmregisseurs und Autors Simon Rost: Er knüpft an eine reale Begebenheit an – die Übernachtung der Rolling Stones nebst Uschi Obermeier im Hotel am Schlossgarten Anfang der siebziger Jahre. Aber nur, um uns den jungen Nachtportier Karl und die Reinmachefrau Gertrud vorzustellen, die sich inspiriert von all den viele Etagen über ihnen mutmaßlich gerade stattfindenden deftigen Rock’n-Roll-Eskapaden prompt selbst dem Lotterleben hingeben. Da kann auch Frau Obermeier nicht widerstehen.

Es hat Tradition, dass die meisten „Sechs and the City“-Stücke in ihrer kleinen Form zur Satire, zur Parodie, zur Burleske neigen. Umso eindrucksvoller, wie der Beitrag des Kosovaren Beqe Cufaj an diesem Abend diese Regel bricht und einen anderen Ton anschlägt. Die Lebensgeschichte einer Flüchtlingsfrau aus Ex-Jugoslawien mag streng gattungstechnisch betrachtet gar kein Theaterstück sein – und macht doch überzeugend aufmerksam auf eine weitere Gruppe der 600.000 Menschen dort unten: jene, die im Kessel und zwischen den Hängen aus welchen Gründen auch immer Schutz suchen.

Wer aber hätte gedacht, dass sich in dieser Reihe ausgerechnet der „Tierschau“ Held Michael Gaedt als Philosoph der Stunde entpuppt? In seiner Szene aus dem streitbaren Alltag einer Stuttgarter Kleinfamilie wird nicht nur die Blumenvase lebendig, sondern melden sich erst der Text und dann auch noch der Autor zu Wort, so dass sich zum Schluss Schauspieler, Wort und Schöpfer herrlich darüber streiten, wer denn auf dieser Bühne nun das Sagen hat.

Summa summarum eine tolle Leistung der Darsteller: neben Bruckmeier, Weimer und Carlo Benz noch Joel Boye (sehr knuffig als Hotel-Azubi), Elisa Taggert und Lisa Wildmann. Einfachste Mittel, große Wirkung. Ganz schön gemein vom Theater Rampe: Mit dieser Staffel wird der Abschied von „Sechs and the City“ im kommenden Sommer besonders schwer.

Vorstellungen 5. und 6. Oktober sowie vom 7. bis zum 10. November

 

 

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Kommentare (2)
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OKT
06
08:14 Uhr, geschrieben von S. Sterz
Weiter so!
Toll, dass so was mal in Stuttgart gemacht wird. Auch die illustre Runde an Autoren ist hier bemerkenswert. Am besten hat mir das Stück von Simon Rost gefallen.
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OKT
04
20:03 Uhr, geschrieben von Maria Lehmann
Sechs and the City
Ich bin mit einer der sechs AutorInnen verwandt, muss aber sagen, dass mir objektiv gesehen das Einkesselungsdrama des OB auf dem Fernsehturm auch am besten gefallen hat. Die Schauspieler/innen haben aus der gendermäßig oszillierenden Lisa Nerz-Geschichte ein tolles Schauspiel gemacht. Da ich diese Krimis seit Anbeginn gelesen habe, und Lisa eine virtuelle Freundin geworden ist, hatte ich schlicht Angst davor, dass ich sie eventuell nicht erkennen würde. Sehr beruhigt, wenn auch in schwindelerregender Höhe in einem für mein Gefühl schwankenden Fernsehturm, habe ich den Abend auch mit den anderen Stücken sehr genossen. Leider hatte sich Herr Huby nicht die Mühe gemacht und etwas neues geschrieben, so dass dieser Beitrag im Vergleich zu den anderen doch etwas abgefallen ist. Danke an die Rampe!
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